Der NDR-Tatort ist auf jeden Fall hausgemacht. Primetime, zur besten Sendezeit. Leider ist der Streifen schon gelaufen. Foto: NDR Monage: erstepresse
Der neue NDR-Tatort ist auf jeden Fall hausgemacht. Primetime, zur besten Sendezeit. Leider ist der Streifen schon gelaufen. Foto: NDR Montage: erstepresse

Hamburg (erstepresse). Jetzt hat der NDR seinen eigenen Tatort. Reißt er den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die ARD hinein? Erst kürzlich berichtete der Norddeutsche Rundfunk (NDR) über die Fristlose Kündigung seiner langjährigen Redaktionsleiterin Fernsehfilm Doris J. Heinze. Angeblich angestoßen durch Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“  sei der Sender unverzüglich Hinweisen über Verfehlungen bei der Auswahl und Vergabe von Drehbüchern in der Redaktion von Doris J. Heinze nachgegangen.

„Viele Kolleginnen und Kollegen ahnen schon lange, dass hinter dieser unglaublichen Machtfülle im NDR ein regelrechtes System stehen muss“, berichtet uns eine Brancheninsiderin. „Das ist mit Sicherheit erst der Anfang. Bei den Filmförderungen sollte man auch mal nachsehen, da gehen Millionen von Geldern über den Tisch“, fordert sie.Verständlicherweise möchte unsere Kontaktperson nicht weiter genannt werden. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Die Branche ist hart zu all denjenigen, die sich auf ihr kreatives Schaffen und den guten Geist verlassen. Ãhnlich wie überall, wo viel zu verteilen ist, regiert auch hier das Ellbogenprinzip. Eine Hand wäscht die andere und hält sie auf. Familie und Freunde gehen über alles. Es geht um sehr, sehr viel Geld im Filmgeschäft.


Jetzt eine Sache für den Staatsanwalt und für den einfachen GEZ-Gebührenzahler vergleichbar mit der Selbstbedienungsmentalität in der Finanzbranche

Laut Informationen des NDR hat Frau Heinze eingeräumt, dass ihr Ehemann in den Jahren 2001 bis 2009 über zwei Produktionsfirmen insgesamt fünf Drehbuchaufträge für Fernsehfilme erhalten hat. Ihr Ehemann trat jahrelang mit dem Pseudonym Niklas Becker auf. Vier Drehbücher wurden von der Münchner Produktionsfirma AllMedia Pictures GmbH verfilmt und mit dem NDR abgerechnet. Ein fünfter Drehbuchauftrag an den unter dem Pseudonym auftretenden Ehemann von Frau Heinze wurde dem NDR von der Firma Oberon Media Service Film GmbH aus Grünwald in Rechnung gestellt.

Selbst wenn der NDR-Intendant Lutz Marmor „unmittelbar“ ein Verfahren eingeleitet und die Revision beauftragt hat: Viele Kreative und Filmschaffende sind entsetzt, verlieren gerade sie doch in diesen witschaftlich schlechten Zeiten ihre Aufträge, ihre festen Jobs. Der NDR, aber auch der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk, ist in der Branche ein sogenannter Keyaccount. Einmal drin und im Geschäft – ausgesorgt. Beamtenmentalität in der Vergabepraxis herrscht vor. Von Innen: Super Arbeitszeiten, krisensicherer Job für (fast) alle.  „Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken“, hört man bei einem abendlichen Kneipenbummel durch das beliebte Medien- und Schauspielerviertel Ottensen in Hamburg-Altona. Hier konzentriert sich der Frust durch die Dichte der Branchenleute. Alle sind stinkesauer. Gerede gab es schon lange, aber hier müsse mal „mit dem Stahlbesen gekehrt“ werden. Prost.

Es ist für Journalisten wirklich schwer, einen kritischen O-Ton aus der Branche zu erhalten. Selbst der für seine oft kritische Grundhaltung bekannte (und berüchtigte) Ottenser Schauspieler Mathieu Carrière will sich zu dem Thema heute noch nicht äußern. Er schreibe eh gerade an einem Buch über die „schizoiode Film- & TV- Szene“.Er will sich aber mit uns treffen. Immerhin: Ein Schauspieler wie Carrière kennt die Film-Szene bestens und seit über 45 Jahren.

Kritik von vielen Seiten

Der Hamburger Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers schaue sich den Fall an, ist zu lesen. Das könnte auch ein bundesweites ARD-Konzert geben. Auspacken für die GEZ-gedopten Sünder ist jetzt angesagt. Vertrauen wieder herstellen, Hosen runter. Es ist Jugendlichen dieser Tage ohnehin kaum verständlich zu machen, wozu man GEZ-Gelder erhebt. Alles gib es kostenlos. Kulturgut zieht man sich über das Netz. Dealer gibt es überall. Nicht nur deshalb, aber auch darum, erhalten Organisationen wie die Piratenpartei dieser Tage massiven Aufwind aus dem Lager der Verfechter des freien Kulturguts. Frust ist allemal da.

Und was war noch einmal die GEZ? Für gute journalistische Qualität – d.h. kritische Berichterstattung – schaffen Gebührengelder eine Distanz zu der ansonsten von PR-triefenden und werbeüberfluteten Medien überhäuften „Umsonst-aber-mit-geiler-Werbung-Branche“. Ok, aber nicht dafür, dass sich ein paar duzend Köpfe die Taschen voll machen. Die Öffentlich-Rechtlichen waren gerade im Kontext der letzten Gebührenerhöhung massiv von Politik und Medienmogulen der Privatwirtschaft kritisiert worden. So forderte Hubert Burda die Konzentration auf die Vermittlung wichtiger Themen wie Bildung, Wissenschaft, Kultur und Integration. Diese würden – weil über den Markt kaum finanzierbar – zu wenig verbreitet. Auch die Bundeskanzlerin und der Rechnungshof kritisierten jüngst die Verschwendungspraxis des öffentlichen Rundfunks.

Zugegeben: Dieser Beitrag geht an die Grenze. Vielleicht ist das Thema auch ein letzter Tatort? Wir sind jedenfalls schon sehr gespannt auf den nächsten. Wie heißt es noch so schön bei Aktenzeichen XY ungelöst? Sachdienliche Hinweise nimmt die örtliche Polizeidienststelle oder die Redaktion gerne entgegen. Stimmt. Das kann kein Staatsanwalt alleine. Bei all den Themen, die der Oberstaatsanwalt Möllers gerade auf dem Plan hat – z.B. auch die HSH-Nordbank-Affären – könnte er sich gut als Arbeitgeber hervortun und ein paar zusätzliche, recherchewütige Juristen einstellen. Fahren doch einige Taxi zur Zeit.

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