
Die Anhörung der Einwohner in Altona zum geplanten Bau der ersten deutschen City-Filiale von Ikea in Hamburg-Altona. Das Interesse ist riesig, der Bildausschnitt leider viel zu klein. Foto: erstepresse
Hamburg/Altona (erstepresse). Anlässlich einer offiziellen Anhörung des Bezirkes Hamburg-Altona zum geplanten Ikea in der Großen Bergstraße, erschien heute ein ganzer Managementstab des Möbelhauses aus der Deutschland-Zentrale in Hofheim-Wallau. Ein Sachverständiger und die komplette politische Prominenz waren vertreten. Die Veranstaltung war mit Spannung erwartet worden, zumal zurzeit in Altona zwei Bürgerbegehren (eines Pro und eines Contra) zu der Ansiedlung des schwedischen Investors laufen.
In der Louise Schroeder Schule geht es zur Sache. Schon am Eingang wird klar: Das Interesse ist riesig. Vor der Tür halten die Befürworter und Gegner Plakate hoch. Kreative haben selbst Modelle gestaltet, um die Bauplanung zu verdeutlichen. Nicht nur Vertreter zahlreicher Medien, sondern insbesondere ca. 750 Bürgerinnen und Bürger füllen die Aula der Schule.
Die Veranstaltung wird nicht, wie man erwarten könnte, vom Vorsitzenden des “Sonderausschusses IKEA”, Hielscher, gestartet. Nein, Fehlanzeige. Die “Protestbewegung” nutzt aus den hinteren Reihen per Megaphon die Gelegenheit für eine Eigenwerbung im versammelten Plenum. Der Ton ist eindringlich, guter Text, gute Rhetorik. Guter Inhalt? In den vorderen Reihen kommt nach zwei Toleranzminuten der erste Gegenprotest auf. Der Vorsitzende wird ermahnt doch endlich mal das Wort zu ergreifen und das Feld nicht anderen zu überlassen. “Wir sind hier in Altona – was glaubst du denn wie es hier läuft?”, ruft eine Person zurück. Demokratisches Nicken bei den Anwesenden. Der Frust musste raus – viele Leute im Raum sind hier politisch sehr geübt und mit einem Schmunzeln im Gesicht nehmen die Anwesenden zur Kenntnis, dass das Befürchtete eingetroffen ist. Die Stimmung ab dann – fast wie im Parlament. “Noisy” würde der Engländer sagen.

Herr Michaely, Geschäftsführer der Expansionsabteilung, berichtete dem Publikum über den Stand der Planungen zur Filiale in der Großen Bergstraße. Foto: erstepresse
Mit Schwung geht es also in die Präsentation, die nach dem kurzen Eröffnungsplädoyer von Hielscher, direkt per Beamer auf die Wand hinter der Sitzreihe der versammelten politischen Prominenz gestrahlt wird. Jetzt kommen die Schweden, alles klar. Gespannt blickt das Publikum auf Folie eins. Zu sehen: Ingvar Kamprad, der Ikea Gründer, blickt von schräg oben herab auf das Auditorium. Links neben seinem Bild der Lebenslauf des Ikea-Gründers. Ein kräftiges Raunen geht durch die Aula, schnell weiter, Folie zwei: “Was ist IKEA?”
Ikea: “Wir haben nicht das Bedürfnis hier in Altona etwas zu tun, was gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung ist.”
Der Geschäftsführer der Expansionsabteilung, Armin Michaely von Ikea, hatte zunächst nicht wirklich Gelegenheit mit seinem Vortrag zu beginnen. Die versammelten Altonaerinnen und Altonaer sind enttäuscht und fühlen sich in ihrer Intelligenz beleidigt. Als wüsste hier niemand, was dieses Möbelunternehmen IKEA denn so wäre. Der Vorsitzende greift ein und fordert Ikea auf, die Firmenwerbung zu überspringen und direkt zum “konkreten Teil” zu kommen. Klick, klick, klick: Propt führt Michaely den Vortrag fort, doch besonders viel Unbekanntes präsentiert er nicht. Schließlich geht es auch um eine Anhörung der Bürger. Viel interessanter sind in Folge auch die Fragen und Vorschläge des Publikums.
“Daten und Fakten der Ikea-Präsentation”
- Grundstücksgröße 10.225m²
- Bruttogeschossfläche 39.500 m² (in vier Etagen)
- Verkaufsfläche ca. 20.000m²
- Lagerfläche ca. 5000m²
- Restaurantsitzplätze ca. 750
- Anzahl Parkplätze ca. 900 (in vier Parkebenen oberhalb der Verkaufsebenen)

Herr Michaely brachte auch ein Modell mit. Foto erstepresse
“Auf jeden Fall, glauben Sie mir bitte, der Verkehr kann abgewickelt werden… d.h. ohne Störung des anderen Verkehrs abgewickelt werden.”
Ein Vertreter der Argus GmbH, eines beauftragten Sachverständigen, schließt unmittelbar an den Vortrag von Ikea an und führt sein Verkehrsgutachten vor. Rolf Sachau erklärt seine Analyse. Er unterliege immerhin einer “immensen Kontrolle”, verteidigt sich der Gutachter. Es wäre auch nicht möglich ein “Gefälligkeitsgutachten” zu erstellen.
Liefer- und Kundenverkehr sollen über die Altonaer Poststraße geführt werden – nicht durch den Lawaetzweg, berichtet Sachau. In der Spitze (d.h. auch an Samstagen) rechnet der Gutachter mit 750 Fahrzeugen pro Stunde in der Poststraße.
Hier die Daten aus der Präsentation:
Aktualisierte Ausgangssituation
- Ca. 20.000 m² VKF.
- Ca. 980 Stellplätze auf Parkdecks.
Szenario 1
- Das Kundenaufkommen entspricht einem „normalen“ Werktag.
- Für den Nahverkehr ergeben sich rd. 2.300 Kfz pro Tag.
Davon rd. 60 Lkw pro Tag – inkl. Transporter und Klein-Lkw.
- Alle Neuverkehre fahren über Altonaer Poststraße an und ab.
Szenario 2
- Das Kundenaufkommen entspricht einem frequenzstarken Tag (Freitag, Samstag)
- Für den Neuverkehr ergeben sich rd. 4.100 Kfz pro Tag. Davon rd. 60 Lkw pro Tag – inkl. Transporter und Klein-Lkw.
- Alle Neuverkehre fahren über die Altonaer Poststraße an und ab.
Damit schließt der Vortrag von der Gutachterfront. Sven Hielscher verweist darauf, dass die Zeit nicht ausreiche, um alle Gutachter vorzuladen. Dieser Gutachter könne zu “Abgas und Lärm und Ähnliches nichts sagen, dafür gibt es andere Gutachter”. Der Vorsitzende kommt kaum zu einer Überleitung zur Fragestunde, denn ca. 25 fragende Bürgerinnen und Bürger stehen bereits Schlange.
“Ikea – entdecke deine Möglichkeiten”
Jetzt geht es in die Fragestunde und es wird verdächtig ruhig im Raum. Zu wichtig ist den Kritikern der konstruktive Dialog mit dem Investor. Vielen Leuten ist klar – die Chance mit Ikea zu einer für alle Seiten verträglichen Lösung zu kommen - sind (noch) da. Der erste Redner fordert das Einrichtungshaus auf, die “Möglichkeiten für ein “echtes, neues City-Konzept zu nutzen” und nicht die Blechhütte von der “Grünen Wiese 1:1 in die Innenstadt zu bauen”. Tosender Applaus. Der Dialogsmodus ist eröffnet. Von da an gehen Fragen, Vorschläge und Polemik querbeet. Natürlich nutzen einige Vortragende die Möglichkeit, Frust abzulassen. Das Publikum macht mit und feuert die Diskussion mit Zwischenrufen an. Auf die Frage, was denn die vielen Gastronomen machen sollen, wenn Ikea sein 750 Plätze-Restaurant eröffne, kommt der Zuruf – “Döner statt Köttbullar”. Auch die harten Befürworter können sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Hier in Altona muss es IKEA halt auch mit schlagkräftiger Werber-Rhetorik aufnehmen. Michaely von Ikea reagiert promt und kontert: “Döner und Köttbular”. Viele denken ans Essen – Ende des Werbetextes.
Eine kritische Stimme folgt der anderen. Kurzzeitig hat man hat den Eindruck, man befände sich im Gerichtssaal. Doch die Argumente der Bewohnerinnen und Bewohner (ob pro oder contra) sind gut.
Die Fortsetzung und weitere Eindrücke folgen in unserem Video (Folge 1-3).
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