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Unbeliebt und von Medien aus dem Amt geprügelt. Paradebeispiel für das politische Medienlehrbuch. "Der Fall" des Franz Josef Jung, Bundesminister a.D. Bild: Bundesministerium für Arbeit


Berlin / Hamburg (erstepresse). Deutschland hat einen Minister weniger. Nach herber Kritik und einer massiven Medienschelte in den letzten Tagen zog Franz Josef Jung die Konsequenz und stellt sein Amt zur Verfügung.

Auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz gab er ein persönliches Statement ab. „Ich übernehme damit die poltische Verantwortung für die interne Informationspolitik des Bundesverteidigungsministeriums“, so der Bundesminister für Arbeit und Soziales. Er stelle sein Amt zur Verfügung, sei sich allerdings keiner eigenen Fehler bewusst, verkündet er. Montag muss Jung dem Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen. In dubio pro?

Während die Opposition zu erwartende Äußerungen wie „so was nennt man Fehlstart einer neuen Regierung“ beinhalten – bleiben die Kommentare der Regierungsbank weitestgehend aus. Manche sprechen von einem „harten Weg“, den der (ehemalige) Bundesarbeitsminister jetzt geht.
Natürlich wird auch schon spekuliert, wer Nachfolger von Jung im Amt des Bundesministers für Arbeit und Soziales werden könnte. Vielleicht eine Frau? Silke Lautenschläger, tippt der Bundestagsabgerordnete Omid Nouripour (Grüne). Pofalla, Koch, Laumann, Merz. Vielleicht verkleidet sich Wallraff? Keiner weiß das. Wir werden es dann berichten, wenn es feststeht – und nicht – wie zahlreiche Medien heute und in letzten Tagen bereits – bevor etwas feststeht.

Abseits aller noch zu klärenden Vorwürfe im Kontext des vermuteten Ministerwissens über den Bombenangriff in Afghanistan, darf man man eine Sache für das Medienlehrbuch festhalten: Medien und politische Journalisten haben den Minister regelrecht aus den Amt geprügelt. War es seine ungeliebte Ausstrahlung? Der Popularitätswert durch eine hohe Aufmerksamkeit der Weltpresse, die gegenwärtige Medienkrise?

Zuletzt meldete die Nachrichtenagentur dpa bereits vorab den Rücktritt des Ministers und beruft sich auf eine angebliche Bestätigung von Bundespressesprecher Wilhelm. Der Nachrichtensender ntv – im Verteiler der dpa – meldet das sofort mit einer Eilmeldung via twitter. Der Onlineableger der  Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) ebenfalls, ohne Quellenangabe. Ein kurzer Anruf bestätigt, „dies ist reine Spekulation und Interpretation“, sagt Frau Rissel, eine „Chefin vom Dienst“ im Bundespresseamt. Die traurige Folge des automatisierten Nachrichtenjournalismus – kein Journalist überprüft die Schlagzeile – der Rücktritt wurde von zahlreichen Medien schon eine Stunde vor dem Rücktritt verkündet.

So laut wie manche Journalisten bereits seit Tagen den Abschied von Jung vorbereiteten, dann gefordert und schlussendlich durch Rufmord durchgesetzt haben, hatte nicht mal die Opposition im Bundestag gebrüllt. Dies ist reiner verwertungsverketteter Kampagnenjournalismus. Medienbeobachter können die Uhr danach stellen, wann wer über was in welcher Reihenfolge berichtet. Vielleicht ist was an der Story dran, vielleicht.

In der traurigen Realität der sich umwälzenden Medienwelt gilt immer häifiger –  in dubio pro Auflage, Reichweite, Werbekunde. Nicht jedoch, in dubio pro Journalismus. Für Letzteres gibt es tolle Regeln, die sich mal schlaue Leute ausgedacht haben. Den Pressekodex. Um es mit den Worten eines Berliner Politikers zu formulieren: „Und das ist auch gut so.“ Gut, wenn es Regeln gibt. Schlecht, wenn sich nur die Minderheit daran hält. Die vierte Gewalt wird langsam zur Ohnmacht. Doch dieses Berufsstands-Problem lösen Politiker nicht, indem sie den verbliebenen, echt guten Journalisten und Vorbildern an den Kragen gehen.

Auf dem Redaktionskalender steht für heute noch die Headline -„Bauernopfer Nr. 2 – Der Fall des Herrn Brender, Chefredakteur des ZDF a.D.“ Zur Sekunde war noch nichts bestätigt. Ups, ach doch. Arme Republik (meine pers. Meinung).

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