“Shared Space” – Start der “Gemeinschaftsstraße” in Hamburg

Die erste Gemeinschaftsstrasse in Hamburg-Altona entsteht in der Bahrenfelder Straße, Ecke Rainstraße. Foto: erstepresse

Die erste Gemeinschaftsstraße in Hamburg-Altona entsteht in der Bahrenfelder Straße, Ecke Rainstraße. Foto: erstepresse

Hamburg (erstepresse). In den vom Hamburger Senat geplanten so genannten Gemeinschaftsstraßen sollen sich Fußgänger, Auto-, LKW- und Busfahrer per Blickkontakt verständigen. Der sogenannte “Shared Space”, den Hamburg als erste Metropole in Deutschland in fünf-sechs Bezirken umsetzen will, soll allen Verkehrsteilnehmern überdurchschnittliche Vorteile bieten. Doch es gibt auch Kritik an der Maßnahme, die in Altona in der Bahrenfelder Straße in Ottensen umgesetzt werden soll.

Das sei für sehbehinderte und blinde Menschen nicht möglich, berichtet der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e.V. Sehbehinderte und blinde Hamburger fürchteten um ihre Selbstständigkeit und fühlten sich aus der “Gemeinschaftsstraße” zunehmend ausgegrenzt. Shared Space brauche Blickkontakt.”Es gibt eine große Unsicherheit bei den Betroffenen”, sagt Heiko Kunert, der selbst blind ist. “Um mich orientieren zu können, brauche ich eine klare Verkehrsführung, Ampeln, Bordsteinkanten und verlässliche Regeln. All das fällt im Shared Space weg”, meint Kunert.

Doch Enno Isermann von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) weiß zu beruhigen. Man habe ein Maßnahmenbündel mit den Verbänden, wie Tempobegrenzung, Leitelemente oder besser strukturierte überquerungswege besprochen. “Wir werden Lösungen finden, damit die Gemeinschaftsstraße nicht zu Lasten behinderter Menschen geht”, sagt Isermann.

Auch wolle man den Bezirken keine Vorschriften machen, berichtet Isermann. Eine “Gemeinschaftsstraße” funktioniere allerdings nur mit Bürgerbeteiligung und Zustimmung der Gemeinschaft. Das dürften die Bezirke nicht nur in den Bauausschüssen machen, eine breite Beteiligung sei erforderlich. Im Gespräch mit altona.INFO erläutert Isermann, man habe insgesamt  7 Mio im Haushalt für fünf bis sechs Projekte vorgesehen – es liege jetzt jedoch an den Bezirken, die nächsten Schritte vorzuschlagen. “Wenn es gut läuft, können wir im Frühjahr 2011 beginnen”, sagt Isermann.

Eine Position in diesem Kontext hat die FDP Altona bereits eingenommen. “Wenn es schief geht, sollen die Bürger nicht die Dummen sein und mit einer vermurksten Straße leben müssen”, fordert Lorenz Flemming (FDP). Er fordert vom Senat  dass dieser bei einem Misserfolg, die notwendigen Gelder bereitstellt, um die Straßen wieder zu einer konventionellen Stadtstraße zurückzubauen.

Hintergrund: Die Stadtenwicklungsbehörde hatte in der vergangenen Woche angekündigt, dass Die Lange Reihe in St.Georg, die Osterstraße in Eimsbüttel, die Bahrenfelder Straße in Ottensen, der Weidenbaumsweg in Bergedorf und die Tangstedter Landstraße in Langenhorn zu so genannten Gemeinschaftsstraßen umgewandelt werden sollen. Damit hätte Hamburg in Deutschland eine Art Vorbildfunktion, die auch für andere Kommunen interessant sein kann. Im Sommer ist dazu in Hamburg eigens ein Kongress geplant.

Laut GAL kommt ein bereits erstelltes Gutachten zu dem Ergebnis, dass “Shared Space” in Hamburg unter Berücksichtigung bestimmter Faktoren funktionieren kann.  Für Interessierte steht diese Studie (PDF) von Prof. Jürgen Gerlach zum Download zur Verfügung. Auch eine Studie (BA-Thesis) von Julia Nottelmann (PDF), entstanden im Studiengang Stadtplanung an der Hafencity-Universität, beschäftigt sich ausführlichst mit dem Thema.

Kurz-URL: http://www.altona.info/?p=13786

geschrieben von bei Feb 24 2010. abgelegt unter Allgemeines, Aus Stadtteilen, Baustelle Altona, Dossier & Archiv, Hamburg, News & Meldungen, Ottensen, Politik Wirtschaft Gesellschaft, Wohnkultur. Antworten verfolgen RSS 2.0. Zum Ende gehen und eine Reaktion schreiben.

2 Reaktionen für ““Shared Space” – Start der “Gemeinschaftsstraße” in Hamburg”

  1. FrauB.

    Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) hat entschieden: In Altona soll der Gemeinschaftsstraßenpilot in der Bahrenfelder Straße / Große Rainstraße realisiert werden. Auch die umliegenden Straßen bis zum Alma-Platz sollen betroffen sein.

    Soso, die BSU hat entschieden….das zeugt mal wieder von wahnwitziger Bürgerbeteiligung, ich bin beeindruckt! ICH entscheide mich dagegen, mal gucken wer mitmacht…..

  2. Susanne

    Ich bin in Ottensen sowohl als Fußgängerin, Radfahrerin und – ganz selten – mit dem Auto unterwegs. Insbesondere als Radfahrerin erlebe ich täglich mehrfach Menschen mit dem Ipod verstöpselt und Kaffeebecher in der Hand Straßen überqueren, ohne auch nur einen Blick nach rechts und links zu werfen. Wie mit solchen Verkehrsautisten die Gemeinschaftsstraße funktionieren soll, ist mir ein Rätsel. Hier geht ja um GEGENSEITIGES gucken und aufmerksam sein. Ich habe insbesondere als Radlerin die Befürchtung, daß dieses “Zwischen”Verkehrsmittel auch hier wieder zwischen allen hin und hergeschubst wird: Der Fußgänger erwartet, daß der Radler guckt und der Autofahrer auch. So charmant die Idee der Gemeinschaftsstraße ja auch sein mag – insbesondere für Ottensen halte ich davon nichts. Dieses Viertel ist so gut vom ÖPNV erschlossen, daß mein Standpunkt ist: Autos ‘raus aus Ottensen – Fußwege verbreitern, Parkplätze reduzieren, Anwohnerparkmöglichkeiten und mehr Fahrradstellplätze.

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