“Ich bin ein Straßenkind” – Interview mit Baris K. Hip-Hop-Szene Altona

Baris K. (29) aus Ottensen / Altona. Foto: erstepresse

Baris K. (29) aus Ottensen / Altona. Foto: erstepresse


Hamburg / Altona (erstepresse). Auf irgendeinem Weg boxt sich die Hip-Hop Szene durch das Netz. Nun gingen Baris K. und Jayhuttz in die Fänge von altona.INFO. Älteren Semestern sei gesagt – von der derben Jugendsprache abgesehen – hier teilt sich jemand mit, der die Szene in Ottensen und Altona aus vielen Blickwinkeln kennt. Die Jungs können nicht nur rappen, sie erzählen. Wir nutzten die Gelegenheit für ein Interview mit dem Ottenser Musiker Baris (gesprochen Barisch)  K.

Nicht nur, dass einige Songs gleich ins Blut gehen. Bei einer Recherche über die üblichen Kanäle myspace, YouTube, vimeo und facebook der vernetzten Szene wird klar: Es geht einiges in der Hip-Hop-Musik-Szene in Hamburg-Altona. Und wenn man das viele “Gelaber” beiseite lässt, findet man in dem sozialkritischen Ausdruck der Altonaer, die sich auch gerne mal “Altonacken” nennen, eine Menge Interessantes.

altona.INFO: Baris, Dein letzter Song war “Nicht vergeben”? Was meinst du damit?
Baris K.: Der Song ist ein Liebessong. Ich hatte sieben Jahre eine Freundin, die mir schon anfangs fremdgegangen ist. Nach der Trennung hat sie sich in meinem Freundeskreis ausgetobt. Der Frust musste raus und so bin ich auch zur Musik gekommen. Ich wollte das über meine Ex einfach los werden.

altona.INFO: Die Rede ist auch von einer “Aufräumaktion” in deinem Video?
Baris K.: Ich sage auch “kümmert euch um euer Leben, labert keine Scheisse”. Mein Problem ist, die Leute sagen mir die Dinge nicht ins Gesicht. Viele reden einfach nur und vom Sabbeln ist noch nie viel passiert. Ich hab einfach die Schnauze davon voll, dass die Leute nur reden, aber keine Taten passieren. Damit will ich aufräumen.


Baris K. “Nicht Vergeben”

altona.INFO:  Ihr disst euch in der Szene ganz schön in euren Videos. Wie siehst du das?
Baris K.: Das ist Spaß und motiviert die Leute in der Szene sich anzustrengen und immer besser zu werden. Das Problem ist eigentlich auf der “Straße”: Die ist überhaupt nicht lustig. Da ist nichts Tolles dran. Aber die Leute machen aus der Straße manchmal eine scheiss Zirkusnummer. Und das passt mir überhaupt nicht, denn ich will da raus.

altona.INFO: Du meinst damit die vielen Hip-Hop-Videos bei YouTube?
Baris K.: Es gibt viele Dinge mit denen ich überhaupt nicht einverstanden bin. Das ist teilweise lächerlich. Viele dort haben ein wohlbehütetes Zuhause, haben ein Auto, machen aber auf Straßen-Rap. Das ist nicht authentisch. Was haben die denn überhaupt mit der Straße zu tun? Am Ende verleitet das die Jugend, die Straße cool zu finden. Und so ist das nicht.

altona.INFO: Bist du denn ein Straßenjunge?
Baris K.: Ja, aber ich will da raus -  und das erzähle ich auch in meinem neuen Video. Da sage ich ganz klar “ja ich bin ein Straßenkind, doch ich wollt es niemals sein. Wenn du wirklich Straße warst, warum hast du nie geweint?” Mein neuer Song heißt “Weißt du noch?”

altona.INFO: Was hältst du von der Entwicklung von Ottensen in den letzten Jahren?
Baris K.: Bevor hier alles Szene wurde, gab es hier echt Straßenkrieg zwischen Ottensen und den anderen Vierteln. Ich hab hier für dieses Viertel echt viel Blut vergossen. Das hört sich natürlich heute lächerlich an, war aber so. Wir waren eine Gang und haben derbe aufgeräumt.

altona.INFO: Derbe was?
Baris K.: Ich meine, wir haben unser Viertel verteidigt. Wenn andere kamen, dann ging es schon mal zur Sache. Das sind natürlich alles Jugendsünden.

altona.INFO: Du hast also in deiner Jugend Fehler gemacht?
Baris K.: Ja klar. Hier, schau mal. Ich trage immer noch meine Replayjacke mit dem Altona-Schriftzug drauf! Die ist Oldschool und von 1998 oder so. Gerade bei uns Kanacken damals.

altona.INFO: Du sagst von Dir selbst, du wärst ein Kanacke?
Baris K.: Klar man, hier in Altona sind wir sogar stolze “Altonacken”. Es gibt dazu T-Shirts, die laufen.

altona.INFO: Was hältst du von Gentrifizierung?
Baris K.: Ja Scheisse, man. Die ganzen Yuppies kommen hier her und treiben die Mieten in die Höhe. Leute wie ich wollen hier wohnen bleiben. Wir geben demnächst ein Konzert im Subotnik, das wird auch bald abgerissen.

altona.INFO: Was ist mit Alkohol? In den Lyrics und Videos kommt das immer wieder vor?
Baris K.: Ja Alkohol spielt leider eine wichtige Rolle bei uns, aber man muss bedenken, dass das ja im Verhältnis noch eine harmlose Droge ist. Da gibt es ganz andere Sachen. Jayhuttz und  ich verarbeiten diese Themen im Sommer in unserer neuen EP “Insomnia”.

altona.INFO: Bist du gläubig?
Baris K.: Ja und Nein. Ich lasse mir nichts vorschreiben. Ich glaube an etwas, aber nicht an diese heiligen Bücher. Ich will machen was ich will.

altona.INFO: Du lässt dir also keine Vorschriften machen?
Baris K.: Nee, man und die anderen sind auch nicht besser! Diese Leute, die du manchmal draußen siehst, die ihre Drogen verkaufen und ihre Frauen schlagen. Viele denken dann, nur weil sie in die Moschee oder Kirche gehen wäre alles wieder cool und ihre Sünden seien ihnen vergeben. Ich finde man muss dafür gerade stehen und nicht darauf hoffen, dass ein unbeteiligter Dritter dir deine Sünden vergibt. So läuft das nicht. Deshalb sage ich auch “kümmert euch um euer Leben”.
Ich finde die Welt da draußen ist sehr modern geworden. Ich selbst bin ein sehr emotionaler Mensch. Viele Leute haben verlernt auf ihr Herz zu hören, so. Aber ich nicht! Als kleiner Junge im Heim hatte ich viel Zeit nachzudenken. Ich war ständig allein in meinem Leben und habe nachgedacht. Ich glaube auch, weil ich nur mich selbst hatte, bin ich so geworden. Es bringt mir deshalb auch nichts, mich selbst zu verarschen.

altona.INFO: Du willst deine eigenen Erfahrungen machen?
Baris K.: Ja, ich will nicht glauben, was man mir erzählt, ich will es selber erfahren. Es heißt ja auch “Glaube” und nicht “Wissen”. Weshalb heißt es Glaube? Man weiß es einfach nicht.

altona.INFO: Wie bist du zur Musik gekommen?
Baris K.: Ich hatte echt beschissene Jobs. Meine Chefs waren Wixer, weiß du. Dann kam das mit meiner Ex und ich konnte einfach nicht mehr in den Spiegel schauen Das musste alles raus. Für mich ist Musik wie ein Pflaster auf meine Seele. Ein gutes Ventil. Es hilft nicht immer, aber es hilft und es nimmt mir auch die Aggression.

altona.INFO: Wo sind deine Fans?

Baris K.: Ich bin selber erstaunt wo ich überall Fans habe und bekomme Feedback aus ganz Deutschland. Neulich waren zwei Kumpels in Berlin. Dort kannte man mich wohl schon.

altona.INFO: Willst du denn auch Altona exportieren mit deiner Musik?

Baris K.: Klar, man! Wir sind doch stolz auf unser Altona. Ich finde die Menschen hier in Altona haben einen ganz speziellen Charakter, speziell in Ottensen. Zum Beispiel war Fatih Akin mal auf meinem Konzert. Der war auch ein Straßenjunge und hat was aus sich gemacht. Er ist auch so ein Typ, der dir dumm kommt, wenn du ihm dumm kommst. Natürlich hat jeder seinen eigenen Fingerabdruck.

altona.INFO: Verdirbt Geld den Charakter? Wie gehst du mit Erfolg um?
Baris K.: Ich war ja nicht immer ein feiner Kerl und hab auch mal so Sachen gemacht. Damals hat man sich noch gesagt, ich bin jung. Gehst du halt ein paar Jahre in den Knast und kommst raus und bist immer noch jung. Aber das war falsch gedacht. Man hätte sein ganzes Leben kaputt gemacht. Ich kenne Geld, aber habe auch schon mal zwei Jahre auf der Straße gelebt.

Aus dem neuen Video: "Ja, ich bin ein Straßenkind. Doch ich wollt es niemals sein." Foto: erstepresse

Aus dem neuen Video: "Ja, ich bin ein Straßenkind. Doch ich wollt es niemals sein." Foto: erstepresse

altona.INFO: Wo warst du denn eigentlich auf der Schule?
Baris K.: Ich war auf vielen Schulen (lacht). Max-Brauer, Othmarschen. Aber ich hab mit dreizehn Jahren angefangen zu saufen. Mein Leben war eine Katastrophe. Ich hab es z.B. nicht geschafft die fünfte Klasse zu machen. Ich war einfach mit meinen Gedanken woanders. Heute habe ich alles nachgeholt. Erst meinen Hauptschulabschluss, dann den Realschulabschluss und meinen Führerschein.

altona.INFO: Du hast heute wieder Kontakt zu deinem Vater? Was ist mit deiner Mutter?
Baris K.: Ja, auch seitdem ich Musik mache. Früher wollte ich ja keinen Kontakt zu ihm. Meine Mutter war immer für mich da.

altona.INFO: Zurzeit bist du Single?
Baris K.: Ja, leider. Nichts Festes. Viele stehen auf so einen Straßenscheiss und so. Ich hab auch eine etwas aggressive Art, vielleicht sehen viele Frauen in mir das Alphamännchen, das sie brauchen.

altona.INFO: Wie erklärst du denn Rentnern und älteren Leuten die derben Kraftausdrücke in deiner Musik?
Baris K.: Ich verschaffe mir einfach Luft mit den Ausdrücken. Das muss man verstehen und ist auch die Sprache der Szene. Ich achte darauf, dass ich nicht zu viel fluche.

altona.INFO: Wie offen bist du für Kritik?

Baris K.: Allgemein schon, aber ich hab echt einen komplett anderen Werdegang als die meisten Menschen. Denen wird es schwer fallen, sich in meine Lage zu versetzen. Ich hab früher häufig “Scheisse, wieso hab ich das gemacht”, gesagt. Außerdem kann man nicht von jedem gemocht werden, so ist das nun mal. Ich hab eine Hand voll Freunde und ich brauche keine tausend Schulterklopfer. Neulich war ich auf meiner ehemaligen Schule, da versammelten sich knapp hunderte Kids vor mir und plötzlich kam mein ehemaliger Schulleiter und schüttelte mir die Hand. Plötzlich kannte er mich wieder? Hä?

altona.INFO: Du machst deine Musik zusammen mit Jahuzzt. Wie ergänzt ihr euch?
Baris K.: Ja, Jahuzzt ist mir derbe ans Herz gewachsen und wir sind privat gute Freunde. Er ist der Produzent und wir machen 50/50.Er ist einfach wie mein Bruder und steht mir immer zur Seite.

altona.INFO: Was hörst du eigentlich so privat für Musik? Hast du Vorbilder?

Baris K.: Seitdem ich toleranter in meinem Denken bin, höre ich eine Menge anderer Sachen. Ich habe keine festen Vorbilder. Ich will halt selber jemand sein. Ich respektiere nur Leute, die mich auch respektieren. Der Rest kann mich mal am A”¦ lecken. Gut finde ich zum Beispiel Zinédine Zidane, der sich nicht zu fein war in seinem Abschlussspiel seine Ehre zu retten. Seine Familie wurde ja auch übelst beleidigt.

altona.INFO: Hast du noch etwas was du unseren Leserinnen und Lesern mitteilen willst?

Baris K.: Hey ja, die Leute sollen nicht so gemein zu mir sein (lacht). Nein, aber im Ernst. Ich hoffe, dass auch die älteren Semester Verständnis für das haben, was ich so mache, selbst wenn es nicht ihre Sprache ist.

altona.INFO: Baris, vielen Dank für das Interview!

Lebenslauf:
Baris K. ist türkischer Herkunft und in Deutschland geboren. Mit drei Monaten kam er nach Hamburg und war als Fünfjähriger im Kinderheim. Seine Mutter war für ihn da, sprach aber kaum Deutsch. Mit 13 fing Baris K. an zu “Saufen”, Schule war ein Problem, Erfahrungen mit härteren Drogen kamen hinzu. Baris K. hat heute einen Realschulabschluss, lebt in Altona-Ottensen und ist 29 Jahre alt. Musik sei wie ein “Pflaster” für seine Seele, sagt er. MySpace: http://www.myspace.com/bariskaltona

Das nächste Konzert ist im Planet Subotnik (Ottensen) am 10. April 2010, 20 Uhr.
Westside Connection On Stage:  Baris K. & JayHuttz, SMA, Steven Long & Dean,  Maximum & Cronik, Zunge & Noel Nixlos, Altonative
Aftershowparty: Botnik Nights Revival -  DJ BustDat & DJ BinMadin – Eintritt 5 EUR.


Baris K. und Jayhuttz “Unser Kampf”


Baris K “”Weißt du noch?”"


SMA* ft. Baris K “24 Stunden – So muss es sein”

Kurz-URL: http://www.altona.info/?p=15489

geschrieben von bei Mrz 15 2010. abgelegt unter Allgemeines, Aus Stadtteilen, Dies & Das, Interview, Konzert, Kultur, Leute, Ottensen. Antworten verfolgen RSS 2.0. Zum Ende gehen und eine Reaktion schreiben.

Reaktion

TOP-Partner