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Bitte Wählen Sie Jetzt! Google schaltet Street-View-Widerspruch-Formular frei

Achtung! Sie wurden gerade gefilmt. Gefällt ihnen das Bild? Foto: erstepresse

Achtung! Sie wurden gerade gefilmt. Gefällt ihnen das Bild? Foto: erstepresse

Hamburg (erstepresse). Google hat heute sein Formular für den Widerspruch von Mietern und Hausbesitzern zur Nutzung durch den Dienst “Street View” freigeschaltet. Während Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner eine Verlängerung der Online-Widerspruchsfrist (laut Google bis zum 15. September) verlangte, können sich ab sofort unwillige Bürgerinnen und Bürger über das Formular austragen und damit für einen gewissen Schutz ihrer Privatsphäre vorsorgen.

Der Widerspruch ist grundsätzlich für alle Bürgerinnen und Bürger möglich. Google plant seinen Dienst “StreetView” Ende des Jahres in folgenden deutschen Metropolen freizuschalten: Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg, Stuttgart, Wuppertal.

Neben der Möglichkeit per Formular unter (Auswahlpunkt “Unkenntlichmachung beantragen”) gibt es nach wie vor auch den Weg per E-Mail oder Brief. Dabei müssen verschiedene Details beachtet werden. Mieter oder Eigentümer sollten neben der genauen Adresse z.B. auch zusätzliche Angaben über Farbe des Hauses oder etwaige Besonderheiten in der Umgebung hinweisen.

Der Widerspruch kann auch formlos über diese Möglichkeiten erfolgen:

per E-Mail: streetview-deutschland@google.com
per Brief an: Google Germany GmbH, Betreff: Street View, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg.

Ein Musterschreiben hatten wir bereits in diesem Beitrag veröffentlicht.


KOMMENTAR – Die Qual der Wahl

Google Street View und ähnliche Dienste anderer Anbieter schaffen eine vollkommen neue Navigations-Funktionswelt im Internet. Die Vor- als auch Nachteile liegen eng beieinander und sind eine Frage der Perspektive und des Umgangs mit dem fortschreitenden Medienwandel.

Vorteile entstehen insbesondere auf touristischer Seite, aber auch unternehmerische Möglichkeiten z.B. für die andere Darstellung des eigenen Geschäftes oder für die Akquisition von Kunden ergeben sich daraus. Die Transparenz des sozialen Lebensumfeldes ist bereits lange über Makrodaten in der Werbung entschlüsselt. Jetzt wird sie perfektioniert. Neue Möglichkeiten ergeben sich jetzt, da die Einsicht in das Wohn- oder Arbeitsumfeld von Personen aufschlussreiche zusätzliche Indikatoren liefert, ob z.B. ein Kunde tatsächlich interessant sein könnte. Für den Immobilienmarkt sind solche Navigationsfunktionen eine kleine Revolution auf allen Seiten. Will man umziehen, kann man sich das Gebäude (sofern vorhanden) vorher anschauen und auch das Umfeld und die Lage studieren. Manch böser Vor-Ort-Überraschungseffekt bleibt dann vielleicht aus. Auch für den Einkauf von Unternehmen ist es höchst interessant, ob es sich bei den Angaben von Lieferanten und Geschäftspartnern z.B. um echte umfängliche Niederlassungen oder nur um Briefkastenadressen handelt.

Nachteile sind insbesondere im Bereich der Privatsphäre und der umfänglichen Transparenz des sozialen Lebensumfeldes zu erkennen. Über die nicht vorhandene Aufklärung von bildungsfernen Bürgerinnen und Bürgern – die – im Gegensatz zu internetaffinen Nutzern meist nicht mal über einen eigenen Internetanschluss verfügen, ergibt sich eine Ungleichbehandlung und Benachteiligung bzw. Übervorteilung mancher Bürgerinnen und Bürger. Selbst ein Großteil der aktiven Internetnutzer kennt nicht mal den Unterschied zwischen einem Browser und Google. Nutzer-Falschverhalten im Internet ist zudem einer mangelnden (und von vielen Anbietern oft ausgenutzen) Aufklärung geschuldet. “On-Klick-Funktionen” machen es einfach einfach. Es siegt die Bequemlichkeit gegen den Verstand und am Ende bleibt die Ernüchterung, die der veraltete Datenschutz krampfhaft aufarbeitet. Man war doch selbst schuld: Hätte man nicht einfach schnell geklickt, hätte man sich das Kleingedruckte auf 10 Seiten durchgelesen. Hätte, hätte… Ein der schnellen Entwicklung der Digitalwelt geschuldetes Phänomen ist, dass sich aus unklarer Rechtslage gegenwärtig viel Untersicherheit auf Seiten aller Beteiligten ableitet.

Zurück zum Thema: Für Werbetreibende und Direktmarketing-Unternehmen (z.B. Finanzdienstleister) sind Daten über das Lebensumfeld – wie beschrieben – aufschlussreich. Die Mietwohnung von Papa und Mama, das vererbbare Haus von Opa, die Arbeitsstelle von Tochter Lena und das angebliche Ferienhaus lassen sich besuchen. Auf Basis der vorliegenden subjektiven Prüfung kann ermittelt werden, wie interessant der Kunde in Kombination mit weiteren Daten aus der Schufa, von Inkassounternehmen und anderer Auskunftsanbieter womöglich auf Basis einer Vermögensbildungs-Vorschau über die nächsten Jahrzehnte rein statistisch wirklich ist.

Auch manche Beziehung dürfte gar nicht erst so richtig oder deshalb erst Recht ‘in Schwung’ kommen. Sie sucht ‘einfach nur Ihn’ gehört der Vergangenheit an. Heute sucht Sie oder Er Sie bzw. Ihn oder Sie oder Sie und Ihn gleichzeitig. Dazu kommt Er sucht Sie (den ‘elitären’ Partner) aus dem sozialen Milieu X mit Einkommen Y und bestenfalls Aussicht auf Erbschaft. Sie sucht Ihn aus der Hochhaussiedlung in Musterstadt, der täglich dort arbeitet, wo es ordentlich aus dem Schornstein qualmt?

In Dubio pro Bauchgefühl

Nun, wie in allen Dingen des demokratischen Miteinander sollte jeder seine eigene Entscheidung fällen und sich Mehrheiten beugen. Gewiss ist die Überlegung jetzt kurzfristig – Nachhaltig wird sie auf jeden Fall sein, da auch Google verpflichtet wurde, Daten aus dem aufgenommenden ‘Rohmaterial’ vollständig zu löschen. Eine meiner Überlegungen hat mit ‘Vision’ zu tun. Ich für mich, versuche mir immer eine Welt in zehn-zwanzig Jahren vorzustellen und dabei auch das recht offene Verhalten jüngerer Generationen einzubeziehen, die aus ihrer heutigen Perspektive überwiegend Freude an der Nutzung von Digitalmedien hat und eine offene Kultur des Austausches von persönlichen Informationen pflegt.

Vor zehn Jahren habe ich ein Buch gelesen, das sich sehr visionär mit dem sogenannten “Permission-Marketing” und dem “Produktmarketing” beschäftigte. Was darin stand, war damals kaum zu glauben. Ressourcen würden geschont, Menschen freiwillig ihre Interessen kundtun, damit ihnen die wirklich passenden Produkte vorgestellt werden. Unternehmen hätten nicht den ‘Hauch einer Chance’ über Slogans und Oberflächendesign ihre Produkte glaubhaft zu verkaufen, da offensichtlicher “Schrott” von der Gemeine schnell als solcher entlarvt würde. Wow, sagte ich mir damals: Wenn das so kommt, dann sparen wir einen erheblichen Teil unserer Ressourcen ein, die mit Sicherheit im Sinne der Menschenheit wo anders besser investiert ist.

Ich finde, dass solche Überlegungen für meine persönliche Entscheidungsfindung eine große Rolle spielen. Doch mein Wahlgeheimnis kennt nur einer: Google. Ein wenig flau ist mir dabei schon im Magen – wie gesagt: Chancen und Risiken liegen meist sehr nah beieinander. Etwas angenehmer wäre es, wenn es in Deutschland in Regierungskreisen endlich mehr vertrauenswürdige Kompetenz in IT-Fragen gäbe. Nach der Zensursula-Blamage und den vielen Rechtsunsicherheiten im überalterten Datenschutzrecht, wäre es doch mal endlich an der Zeit dem Thema die Bedeutung zu verleihen, die es nun mal hat. Ein disharmonisches und meist unverhältnismäßig schwaches Konzert zu veranstalten, dem die Profis aus dem Geschäft nicht mal mehr zuhören? Bundesrepublik, let’s rock! Zeit für einen CTO – Chief Technology Officer (der auch mal ein Nein sagen kann, das an keinem Anbieter spurlos vorbeigeht).

Bitte entscheiden Sie sich jetzt!

Kurz-URL: http://www.altona.info/?p=22049

geschrieben von am 17 Aug 2010. abgelegt unter Allgemeines, Datenschutz & Medien, Deutschland, Dossier & Archiv, Gesellschaft, Kommentar, Meldungen, News & Meldungen, Politik Wirtschaft Gesellschaft, Wirtschaft & Gewerbe. Antworten verfolgen RSS 2.0. Zum Ende gehen und eine Reaktion schreiben.

3 Kommentare / Leserbriefe / Fragen für “Bitte Wählen Sie Jetzt! Google schaltet Street-View-Widerspruch-Formular frei”

  1. John Doe

    “Die Mietwohnung von Papa und Mama, das vererbbare Haus von Opa, die Arbeitsstelle von Tochter Lena und das angebliche Ferienhaus lassen sich besuchen”

    Schon, aber niemand -nicht einmal Google- weiss, welches Haus und welche Wohnung zu welcher Person gehört. Streetview sammelt und veröffentlicht – in diesem Fall – keine Daten, die nicht frei zugänglich sind. Jeder kann selbst die Orte besuchen, die in Streetview fotografiert werden, und sich dort selbst umsehen.

  2. Ich schließe mich dir an Thomas. Meiner Meinung nach hat Google Street View keinerlei Einfluss auf die Privatsphäre der Menschen. Viele denken vielleicht, dass sie rund um die Uhr überwacht werden und dass Bilder von ihnen immer aktuell aufrufbar sind. Google hat den Fehler gemacht, und die Leute einfach nicht wirklich darüber informiert. Deswegen denke ich, haben so viele Vorurteile gegen Google Street View.

  3. Thomas

    Na was denn nun? Schön, dass auch die Vorteile dargestellt werden, aber irgendwie kommt bei mir nur ein schwammiges “Ui, die Privatsphäre!” an. Handfeste Auswirkungen auf die Privatsphäre fehlen. Die gibt es meines Erachtens auch nicht, da die Google-Autos nichts aufnehmen (können), was die Privatsphäre verletzt, da sie sich auf öffentlichem Gelände befinden. Und da durfte schon immer jeder fotografieren (und die Ergebnisse auch veröffentlichen), was er wollte – selbst Personen, so lange sie nicht Hauptbestandteil des Bildes (Portraits) sind.

    Kurzum: Meine Persönlichkeitsrechte werden nicht stärker eingeschränkt als bisher auch. Lediglich die Zugreifbarkeit ist höher, da es in größerem Maßstab erfolgt. Kein Grund zur Sorge, lediglich viel Unwissenheit seitens der Bevölkerung und noch viel mehr Panikmache seitens der (vermutlich oftmals genauso unwissenden) Presse.

    Ist gerade Sommerloch? Ob meine Internetkommunikation von Staatsseite abhörbar ist oder der Staat ein Regulativ für das ihm unvertraut und unbeherrschbar vorkommende Internet sucht, ist einschneidender für meine Persönlichkeitsrechte, als wenn ein Auto vor meiner Wohnung vorbeifährt, Fotos meiner Gardinen macht, oder ich gar (verpixelt und damit unkenntlich!) persönlich im StreetView-Datenmaterial zu finden bin.

    Beste Grüße,
    Thomas

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