Eine Bilanz vom Schanzenfest 2010. Foto: erstepresse
Eine Bilanz vom Schanzenfest 2010. Foto: erstepresse

Altona / Sternschanze (erstepresse). Das diesjährige Schanzenfest war ein Erfolg für viele Beteiligten. Bei bestem Wetter machten zahlreiche Altonaer und Hamburger einen Ausflug zum Fest, das dieses Jahr sogar fast friedlich endete. Die erwarteten Auseinandersetzungen nach dem Ende des Festes forderten drei verletzte Passanten und elf verletzte Polizeibeamte. Niemand der in Gewahrsam oder der festgenommen Personen (42) wohne laut Polizei selbst im Schanzenviertel.

Zahlreiche Initiativen nutzten die Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Während lokale Bürgerinitiativen sich am Rande platzierten, waren die politisch motivierten Aktionen im näheren Umfeld der Roten Flora zu finden. Im Gegensatz zu manchem Hamburger Straßenfest hielten sich die Preise in Grenzen: Die Knolle gab es für 1,50 Euro und ein Stück selbstgemachte Pizza lag bei ca. 2,00 Euro, eine  Bratwurst bei 1,00 Euro. Klamotten, Nützliches und vollkommen Unnützes, wie auch Witziges und Gebasteltes gab es meist für “maximal 1 Euro” zu erstehen. Nicht nur deshalb ist das unkonventionelle Fest beliebt – die gute Durchmischung von Initiativen, Feierlaune, privaten Ständen, bunten und skurrilen Dingen bei Musik mit Essen und Trinken macht das Schanzenfest alljährlich für seine Besucher zu einem schönen Ereignis.

Wenn da nur nicht die unter Bewohnerinnen und Bewohnern höchst unbeliebten Krawalle wären. Zahlreiche Initiativen verstärkten ihr Engagement im Vorfeld für “ein friedliches Schanzenfest” – selbst einige Gastronomen schlossen ihre Läden, um nicht noch mehr Schaulustigen eine Plattform anzubieten. Die kontinuierlichen Anstrengungen tragen ihre ersten Früchte, denn das Schanzenfest forderte wesentlich weniger Verletzte als noch in den Jahren zuvor.

Der ziemlich ausführliche Polizeireport spiegelt auch das wider, was alljährlich für das nicht angemeldete Fest für ein Aufwand betrieben wird, “um Schlimmeres zu verhindern”. 2.300 Beamte der Polizei waren im Einsatz – ca. 1.500 Randalierer standen dem gegenüber. Der neue Hamburger Innensenator Heino Vahldieck sagte abschließend: „Mit richtiger Einsatztaktik konnte Schlimmeres verhindert werden”, und “für die Zukunft erhoffe ich mir im Interesse aller Beteiligten, dass die Vernunft der breiten Masse über die Gewaltbereitschaft Einzelner siegen wird.“

Original-Mitteilung der Polizei Hamburg vom 05. September 2010

Gestern fand in Hamburg das Schanzenviertelfest statt.

Ab 05:30 Uhr begann der Aufbau von Verkaufsständen im Bereich Altonaer Straße, Schulterblatt, Susannenstraße, Bartelsstraße, Max-Brauer-Allee und Rosenhofstraße. Insgesamt waren ca. 550 Stände aufgebaut, und es hielten sich am Tage in der Spitze bis zu 8.500 Besucher zeitgleich im Veranstaltungsraum auf.

Gegen 12:00 Uhr formierte sich in der Susannenstraße ein Aufzug mit etwa 60 Teilnehmern zum Tenor „Freier Wohnraum“, der von einer Musikkapelle begleitet wurde. Der Aufzug ging über die Straßen Schulterblatt, Schanzenstraße in die Bartelsstraße. Die Teilnehmer des Aufzuges wurden durch Polizeibeamte angesprochen. Der Aufzug war auf ca. 80 Teilnehmer angewachsen. Ein Leiter gab sich nicht zu erkennen. Nach der Ansprache durch die Polizei löste sich der Aufzug auf.

Um 19:30 Uhr hielten sich bis zu 9.000 Besucher im Schanzenviertel auf. Im Florapark befanden sich rund 350 Personen, davon 50 Angehörige des linken Spektrums. Vor der Flora standen ca. 180 Personen, auf dem Vordach weitere zehn des linken Spektrums.

Um 20:45 Uhr waren im Schulterblatt, im Bereich der dortigen Bühne zur Altonaer Straße etwa 1.500 Personen des linken Spektrums und im Florapark 350 – 400 zum Teil aktionistisch orientierte junge Leute, viele davon stark alkoholisiert. In der Rosenhofstraße/Susannenstraße ist ein kleines Feuer entfacht worden. Auf dem dort angrenzenden Gebäude befanden sich Personen auf dem Dach, die Knallkörper in die Menge warfen. Im Verlauf des Abends stieg die Anzahl der vermummten Personen deutlich an.

Vor der Flora wurde gegen 20:55 Uhr angekündigt, dass die Bühne abgebaut wird. Daraufhin erfolgte ein Böllerwurf.

Im Viertel wurden nun vereinzelt pyrotechnische Gegenstände gezündet. Im Florapark war ein größeres und ein kleineres Feuer angefacht worden. Im Umfeld der Flora bis zum S-Bahnhof Sternschanze befanden sich zu dieser Zeit ca. 3.000 Personen, davon etwa 700 aus dem linken Spektrum und 300 gewaltorientierte junge Menschen. Einige von ihnen hatten körperliche Auseinandersetzungen untereinander. Im Florapark, am dortigen Klettergerüst, vermummte sich eine Gruppe junger Menschen, die eine aufgeheizte aggressive Grundstimmung erkennen ließ.

Um 21:42 Uhr zog eine Gruppe von 75 gewaltgeneigten jungen Menschen aus dem Florapark über die Lippmannstraße in Richtung Juliusstraße. Sie skandierten Parolen. Aus der Gruppe heraus wurden Flaschen gegen Häuser in der Lippmannstraße geworfen.

An verschiedenen Örtlichkeiten im Bereich des Viertels erkannten die Einsatzkräfte immer wieder kleinere und größere Gruppen, die sich vermummten sowie Störer, die Steine und andere Wurfgegenstände aufnahmen oder bereitlegten. Andere schmissen Mülleimer und Müllcontainer um. Im Schulterblatt 24 war ein weiterer Container in Brand gesetzt worden. 60 Personen standen um das Feuer und warfen zusätzlich Gegenstände hinein, sodass das Feuer ein Höhe von 2,50 m erreichte. Die Gruppe wuchs zügig auf 250 Personen an. Zeugen stellten weitere Feuer von Müllcontainern Höhe Schulterblatt 65, Sternstraße 39 sowie 51 und Budapester Straße 13 fest. Die Feuerwehr löschte diese Kleinbrände. Das Feuer im Schulterblatt 24 löschten Anwohner. Später wurde es wieder entfacht. Im Viertel, insbesondere in den Bereichen Lippmannstraße und Neuer Pferdemarkt zündeten mehrfach pyrotechnische Gegenstände. Um 22:35 Uhr sammelten sich im Neuen Pferdemarkt 350 gewaltgeneigte Menschen. 40 nahmen aus dem Straßenpflaster Steine auf. Aus der Gruppe heraus flogen Flaschen.

Zeitgleich hielten sich 350 teils vermummte Personen, davon 150 aus dem linken Spektrum auf der Nebenfahrbahn Schulterblatt auf und warfen mit Böllern.

Um 22:50 Uhr wurden aus dieser Gruppe auf dem Neuen Pferdemarkt vermehrt pyrotechnische Gegenstände und Flaschen auf Einsatzkräfte geworfen. Daraufhin begann die Räumung in Richtung Schulterblatt. Wasserwerfer wurden zur Unterstützung vorgezogen. Während der Räumung wurden die Einsatzkräfte massiv mit Flaschen, Steinen und Böllern beworfen. Es folgte der Wasserwerfereinsatz.

Im Viertel zogen Störer an mehreren Stellen Gegenstände auf die Fahrbahn. Vor der Flora sammelten sich bis zu 1.500 Personen. Nebelkörper wurden vor dem Gebäude gezündet. Zudem wurden Molotowcocktails geworfen, drei davon gegen eine Sparkassen-Filiale im Schulterblatt. Eine mit Steinen und Flaschen bewaffnete ca. 500 Personen starke Gruppe flüchtete aus dem Florapark in Richtung Eifflerstraße. Polizeibeamte räumten im Anschluss das Parkgelände. Zwei Personen gingen auf die Gleise der Schulterblattbrücke. Beamte der Bundespolizei nahmen die beiden in Gewahrsam.

Eine Passant erlitt durch einen Flaschenwurf ein Kopfplatzwunde. Eine andere Person klagte über Reizungen der Augen, vermutlich durch die gezündeten Nebelkörper.

Gegen 23:15 Uhr nahmen Einsatzkräfte in der Rosenfeldstraße eine Frau und im Bereich Altonaer Straße/Schulterblatt einen Mann nach Flaschenwurf vorläufig fest. In der Susannenstraße Höhe Piazza nahmen Polizeibeamte eine Frau ebenfalls nach Flaschenwurf vorläufig fest.

Gegen 23:20 Uhr hatten die Einsatzkräfte der Polizei die Straße Schulterblatt bis zur Eifflerstraße geräumt.

Störergruppen agierten im Anschluss im Bereich Schanzenstraße, Eimsbüttler Straße, Oelkersallee und Sternbrücke. 300 Personen sammelten sich in der Schanzenstraße in Höhe der Brücke. Aus der Gruppe heraus wurde mit Flaschen und Steinen geworfen. Einsatzkräfte räumten die Straße mit Wasserwerfer-Unterstützung in Richtung Kleiner Schäferkamp. Um 23:53 Uhr erkannten Einsatzkräfte zwei Täter nach versuchter Brandstiftung und Steinwurf wieder und nahmen diese vorläufig fest. Um 00:00 Uhr erfolgte eine Festnahme nach Landfriedensbruch, um 00:05 Uhr eine nach Sachbeschädigung in der Stresemannstraße/Juliusstraße und um 00:07 Uhr eine vorläufige Festnahme nach Flaschenwurf in der Altonaer Straße/Lippmannstraße. Insbesondere in der Einmündung Schulterblatt/Altonaer Straße agierten immer wieder Störer, dies hatte unter anderem Wasserwerfereinsätze zur Folge.

Parallel mussten Polizeibeamte die Susannenstraße vom Schulterblatt aus in Richtung Schanzenstraße räumen.

Gegen 00:15 Uhr nahmen Einsatzkräfte in der Altonaer Straße zwei Personen vorläufig fest, die mit Flaschen geworfen hatten. Zwei weitere vorläufige Festnahmen folgten um 00:18 Uhr in der Max-Brauer-Allee. In der Weidenallee leistete eine Frau Widerstand gegen Polizeibeamte und wurde ebenfalls festgenommen.

In der Eimsbüttler Straße/Nagelsallee wurden die Scheiben eines Discountmarktes eingeworfen. In der Sternstraße / Ludwigstraße wurde ein Fahrzeug in Brand gesetzt.

Gegenstände wurden auf Fahrbahnen gezogen, und es erfolgten Flaschen-, Stein- und Böllerwürfe insbesondere auf die Einsatzkräfte der Polizei. Drei Beamte einer Polizeieinheit wurden durch Flaschenwürfe an der Schulter bzw. durch Angriff gegen die Hand leicht verletzt, versahen ihren Dienst aber sofort weiter. Gegen 00:30 Uhr nahmen Polizeibeamte an der Sternbrücke eine Person vorläufig fest, die Grillanzünder dabei hatte. Gegen 00:45 Uhr zog sich eine Person in der Max-Brauer-Allee in Höhe der Tankstelle durch einen Flaschenwurf eine Kopfplatzwunde zu. Um 00:43 Uhr nahmen Einsatzkräfte erneut eine Person wegen Landfriedensbruchs fest, zwei weitere folgten um 00:48 Uhr wegen Flaschenwurfs im Bereich Schanzenstraße/Schulterblatt, die nächste um 00:51 Uhr Lippmannstraße wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Amandastraße nach Flaschenwurf.

Um 00:53 Uhr griffen in der Holstenstraße/Scheplerstraße 15 bis 20 Personen Polizeibeamte an. Sie beschädigten ein Einsatzfahrzeug der Polizei, die Beamten blieben unverletzt. Ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr hatte durch einen Flaschenwurf eine beschädigte Frontscheibe. An einem Modeladen in der Schanzenstraße/Schulterblatt warfen Störer eine Scheibe ein. Um 01:03 Uhr befanden sich noch ca. 200 Störer im Bereich Neuer Pferdemarkt, weitere 450 im Bereich Sternschanze/Altonaer Straße/Kleiner Schäferkamp.

Einsatzkräfte nahmen um 01:05 Uhr in der Altonaer Straße eine Frau nach Flaschenwurf vorläufig fest, eine weitere Person wurde nach dem Zünden eines pyrotechnischen Gegenstandes in Gewahrsam genommen.

Um 01:06 Uhr zogen Störer beim Bahnhof Schlump Gegenstände, darunter auch Verkehrszeichen, auf die Fahrbahn. 200 Gewaltgeneigte sammelten sich im Kleinen Schäferkamp, es folgten massive Flaschen- und Steinwürfe auf die Einsatzkräfte der Polizei. In dem Bereich brannte ein Müllcontainer, wiederholt wurden Gegenstände auf die Fahrbahn gezogen sowie angezündet und geparkte Fahrzeuge teils durch Feuer beschädigt. In der Felix-Dahn-Straße/Moorkamp zündeten 20 Störer ein Fahrzeug und Briefkästen an.

Einsatzkräfte gingen gegen die Gruppen vor und konnten um 01:43 Uhr in der Schäferkampsallee/Hohe Weide drei Personen (18, 19, 28) nach Verdacht der Brandstiftung vorläufig festnehmen. Ihnen wird vorgeworfen, im Moorkamp einen Pkw Mercedes Benz in Brand gesetzt zu haben. Der Pkw brannte komplett aus. Zudem hatten sie versucht, einen BMW und einen VW Lupo in Brand zu setzen. Polizeibeamte konnten dies verhindern. An einem abgestellten Roller entstand ein Brandschaden. Die beiden 18 und 28 Jahre alten Tatverdächtigen wurden einem Haftrichter vorgeführt. Der 19-Jährige wurde nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen entlassen, da keine Haftgründe vorlagen.

Um 01:47 Uhr erfolgte eine weitere Festnahme Schanzenstraße/Kampstraße nach Flaschenwurf.

Am Neuen Pferdemarkt hielten sich zu diesem Zeitpunkt bis zu 150 gewaltbereite Personen auf.

Um 02:14 Uhr erfolgten im Bereich Susannenstraße/Schanzenstraße zwei vorläufige Festnahmen nach Körperverletzung und zwei weitere auf dem Heiligengeistfeld nach Beleidigung. Gegen 02:20 Uhr hielten sich noch etwa 350 Personen, überwiegend Partygänger, im Bereich des Schanzenviertels auf.

Gegen 02:50 Uhr nahmen Polizeibeamte in der Bartelsstraße vier Personen nach Verdacht der Brandstiftung vorläufig fest.

Insgesamt wurden 42 Personen vorläufig festgenommen. Drei Personen wurden in Gewahrsam genommen. Keine der fest- oder in Gewahrsam genommenen Personen wohnt im Schanzenviertel. Es wurden vier Platzverweise und 23 Aufenthaltsverbote erteilt.

Elf Polizeibeamte sowie drei Privatpersonen wurden leicht verletzt.

Es waren rund 2.300 Polizeibeamte im Einsatz.

Original-Mitteilung des Innensenators vom 05.09.2010:

„Mit richtiger Einsatztaktik konnte Schlimmeres verhindert werden“

Zu den nächtlichen Krawallen nach dem gestrigen Schanzenfest erklärt Hamburgs Innensenator Heino Vahldieck: „Es ist bedauerlich und durch nichts zu rechtfertigen, dass es im Anschluss an ein friedliches Stadtteilfest auch in diesem Jahr nach Einbruch der Dunkelheit wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen im Schanzenviertel gekommen ist. Jeder Steinwurf auf einen Polizisten ist einer zu viel, jede eingeschlagene Schaufensterscheibe ist ein Akt sinnloser Zerstörungswut. Ausdrücklich danke ich der Polizei, die durch ihr umsichtiges Verhalten und konsequentes Einschreiten, sobald Straftaten begangen wurden, im richtigen Moment Schlimmeres verhindert hat. Ich bin froh, dass in der vergangenen Nacht nur wenige Polizisten verletzt worden sind. Dank gebührt aber auch der Feuerwehr, die den schwierigen Einsatz im Schanzenviertel mit Bravour gemeistert hat.

Die Einsatztaktik der Polizei hat sich zudem als goldrichtig erwiesen. Ich bin überzeugt davon, dass vorbeugende polizeiliche Maßnahmen wie Gefährderansprachen und Aufenthaltsverbote schon im Vorfeld des Schanzenfestes mit dazu beigetragen haben, dass die Ausschreitungen im Vergleich zu früheren Jahren in Grenzen gehalten werden konnten. Im Übrigen freue ich mich darüber, dass es in der vergangenen Nacht offenbar gelungen ist, mehreren mutmaßlichen Autobrandstiftern das Handwerk zu legen.

Für die Zukunft erhoffe ich mir im Interesse aller Beteiligten, dass die Vernunft der breiten Masse über die Gewaltbereitschaft Einzelner siegen wird.“

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