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Der Altkanzler und Innensenator hat auch eine Meinung zum Altonaer Museum. Ausschnitt / Quelle: Altonaer Museum

Hamburg / Altona. Hand in Hand arbeiten die Aktivisten des Altonaer Museums zusammen mit Freundeskreis, der Bürgerinitiative und allen politischen Kräften an der Rehabilitation des bereits für tot erklärten Patienten. Gelingt die Genesung oder folgt die Auferstehung? Der Patient Museum, Genre Hochkultur, soll in Altona genauso wenig sterben, wie die eigenständige Stadtgeschichte Altonas. Zur Medizin gehören neuerdings der Blockbuster “Volksbegehren” und auch heilpraktische Methoden der Bezirksfraktionen von GAL / CDU sollen die Verschiebung der ursprünglichen Deadline für das Museum bewirken. Weitere Updates: Veranstaltungen – Senatsantwort – Antrag auf Klage – Kommentar.

Unlängst erklärte auch Altkanzler und Alt-Innensenator Helmut Schmidt, dass er eine Schließung des Altonaer Museums ablehne. Nach diesen schweren Geschützen könne man meinen, jetzt ist das Ding geritzt. Der Jurist Dr. Strate stellte zudem fest, dass das Museumsstiftungsgesetz unausgegoren ist. Eine Stiftung ohne Mitgift zu gründen und ihr gleichzeitig den definierten Dauerauftrag aufzuerlegen funktioniere so nun mal nicht. Jeder Gesellschafter würde hier im freien Wettbewerb in die Pflicht genommen. Licht ins juristische Dunkel der Museumsstiftungen bringt vermutlich wirklich nur der Weg über die Gerichte oder über ein Volksbegehren.

Eine Schelte fingen sich zwischenzeitlich auch Kultursenator Stuth und Bürgermeister Ahlhaus mit ihren minimalstatistischen und völlig unpräzisen Äußerungen zu Besucherzahlen im Altonaer Museum ein. In einer aus Sicht des Museums diskreditierenden Art, hantierten die verantwortlichen Regierungsmitglieder undifferenziert mit Zahlen . Durchschnittlich 30 zahlende Besucherinnen und Besucher wollte man dem Museum unterstellen und missachtete damit den weit überproportionalen Anteil von ermäßigten Zahlern und die Scharen von Jugendlichen und Kindern, die kostenlos ins Museum dürfen. Zudem war bekannt, dass sämtliche Zahlen aus 2009 sich auf das Jahr des Umbaus beziehen. Nach Angaben des Museum waren es trotzdem noch täglich ca. 147 Besucher, also nahezu das fünffache (!) der propagierten Zahlen. Wenn in der Politik immer so fantastisch tiefgestapelt wird, dann erklärt sich die Kostenexplosion bei der Elphilharmonie wirklich fast von selbst.

Damit nicht genug: Einer kleine Anfrage der Bürgerschaftsabgeordneten Gabi Dobusch und Arno Münster (beide SPD) zufolge, besteht zwischen dem städtischen Pächter (HGV an IMPF – IMPF Mietvertrag mit Stiftung) ein Mietvertrag bis ins Jahr 2022. Nur in beiderseitigem Einvernehmen lasse sich dieser auflösen, schreibt der Senat in der Antwort an die Abgeordneten. Besonders interessant fällt zudem die Antwort in Punkt 6 aus. Im Kontext des Verkehrswertes verweist der Senat auf bislang noch ungeklärte “planungsrechtliche Nutzungsmöglichkeiten” und “baurechtliche Aspekte”. Spekuliert wurde in dem Zusammenhang jüngst auch über die Zukunft der nebenstehenden Gewerbeschule.


Alle Fraktionen aus dem Bezirk Altona wollen Erhalt des Museums

Die politische Willensbildung hat sich im Bezirk Altona nun bis ins “Regierungslager” rumgesprochen. Auch CDU und GAL bringen in die Sitzung der nächsten Bezirksversammlung einen Antrag zum “Erhalt des Altonaer Museums” ein. “Es gibt keinen Ersatz für diese Kulturstätte, die zur Identitätsstiftung aller Altonaerinnen und Altonaer beiträgt. Der im Jahr 2008 eingeleitete Erneuerungsprozess durch die Gründung einer Stiftung für die vier stadthistorischen Museen Hamburgs war richtig und ist auf einem guten Weg. Dieser Prozess muss fortgeführt werden”, lautet die Forderung aus dem Antrag, im Wortlaut:

Vor diesem Hintergrund beschließt die Bezirksversammlung Altona:

1. Der Dialog zwischen der Behörde für Kultur und Medien und der Stiftung historische Museen Hamburgs muss fortgeführt werden.
2. Die bisherigen Reformbemühungen incl. konzeptionelle Veränderungen u.a. des Altonaer Museums sind mit dem Vorstand der Stiftung historische Museen auszuwerten. Dieser Prozess muss nunmehr beschleunigt fortgeführt werden.
3. Die Stiftung historische Museen Hamburg soll kurzfristig folgende mögliche Beiträge zu einer Konsolidierung des Haushalts prüfen bzw. entwickeln:

a) Konzeptionen der Museen:

· Weiterentwicklung der Profile der einzelnen Standorte
· Vermarktung der Museumsflächen für Events, Feiern etc.
· Weiterentwicklung der Museumsshops
· Gewinnung von Sponsoren

b) Strukturelle Veränderungen:

· Aussonderungen aus Sammlungen nach den ethischen Richtlinien für Museen
· Überlassung der sechs Außenstellen an andere Museumsträger

· Einrichtung eines Zentralen Depots

4. Sollte sich bis zum Jahresende abzeichnen, dass durch Alternativen ein nennenswerter Einsparungsbeitrag der Stiftung erbracht werden kann, wird das Altonaer Museum zum 31.12.2010 nicht geschlossen.

Sven Kuhfuss, kulturpolitischer Sprecher der GAL in der Bezirksversammlung Altona setzt zusammen mit den Koalitionskollegen der CDU auf die Fortsetzung des Dialoges zwischen der Behörde für Kultur und Medien und der Stiftung historische Museen Hamburgs. Der nun gestellte Antrag fordert laut Kuhfuss auch eine Auswertung der bisherigen Reformbemühungen, die Erarbeitung neuer Ideen – einschließlich neuer Konzeptionen und struktureller Veränderungen-, um Beiträge zu einer Konsolidierung des Haushalts zu leisten.

Thomas Adrian, Fraktionschef der SPD, betont auf Anfrage, dass die SPD den Antrag von CDU und GAL prüfen und sich bemühen möchte „in diesem wichtigen Punkt“ noch vor der Sitzung der Bezirksversammlung am 28. Oktober eine abgestimmte, möglichst gemeinsame Position zu erarbeiten. Die SPD hatte das Thema Altonaer Museum bereits mit einem eigenen Antrag an die BV angedacht.


buergerinitiative_altonaermuseumbleibt Veranstalter solidarisiert sich – Bürgerinitiative stellt Volkbegehren zur Änderung des Museumsstiftungsgesetzes zur Diskussion

”Das Altonaer Museum ist ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen und gesellschaftlichen Identität nicht nur des Bezirks Altona, sondern des gesamten Nordens. Es kann nicht sein, dass Einsparungen, die offensichtlich nie so eintreten können und werden wie sich das der Hamburger Senat vorstellt, die vielfältige Arbeit eines engagierten Museums zerstören”, schreibt die altonale GmbH in einer Mitteilung. Vor diesem Hintergrund will sich der Veranstalter aktiv an allen Aktionen zum Erhalt des Museums beteiligen. Auch das Altonaer Stadtarchiv solidarisierte sich in einer Denkschrift: „Das Altonaer Museum muss erhalten bleiben und eine Schließung des und Kulturschande unter allen Umständen vermieden werden“, schreibt Wolfgang Vacano, Leiter des Stadtarchivs.

Die Initiative “Altonaer Museum bleibt!” hat sich unterdessen bereits zweimal im Plenum getroffen (jeden Donnerstag ab 19 uhr in der Cantina, Ottensen) und neben zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen insbesondere juristische Geschütze mit Unterstützung des Anwaltes Dr. Strate aufgefahren. Ein Entwurf zur Änderung des Museumsstiftungsgesetzes soll Grundlage für Gespräche mit der Stiftung und dem Freundeskreis sein. Dieser Entwurf sieht u.a. vor, den dauerhaften “Erhalt” abzusichern und ein echtes Stiftungsvermögen, bestehend aus Betriebs- und Geschäftsausstattung, den Sammlungen sowie dem Grundbesitz zu etablieren.

Bis Ende Oktober soll entschieden sein, ob die Initiatoren ein Volkbegehren wirklich durchführen werden. Nach Informationen von altona.INFO stehen dem Vorschlag der Bürgerinitiative auch Mitglieder des Freudeskreises offen gegenüber. Ein Mitglied des “Freundeskreis Altonaer Museum e.V.” geht sogar noch einen Schritt weiter und stellte nach Informationen von altona.INFO bereits einen Antrag an die Hauptversammlung des Vereins. Die Forderung: Der Freundeskreis möge den Senat verklagen. Grundlage dafür seien die von Dr. Strate anheimgestellten Rechtsverstöße. Der Antrag lautet:

Die Hauptversammlung möge beschließen:

1. Der Vorstand der „Freunde des Altonaer Museums“ e.V. wird beauftragt, unverzüglich beim zuständigen Verwaltungsgericht Klage auf Nichtigkeitserklärung des Senatsbeschlusses zur Schließung des Altonaer Museums auf dem Wege einer Feststellungsklage zu erheben.

2. Der Vorstand der „Freunde des Altonaer Museums“ e.V. wird beauftragt, im Hinblick auf den zu erwartenden Erfolg im Hauptsacheverfahren eine Einstweilige Anordnung des Gerichtes auf Aussetzung der Schließung des Altonaer Museums zum 31.12.2010 zu beantragen.

Nach Ansicht des Antragsstellers stünde dem Verein „Freunde des Altonaer Museums e.V.” u.a. durch jahrzehntelange Zuwendungen vielfältiger Art eine Klagebefugnis zu.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Freunde des Altonaer Museums dazu entscheiden.


Nächste Veranstaltungen des Altonaer Museums

Donnerstag, 28. Oktober, 16.30 Uhr: Hamburg geht ein Licht auf. Demonstration mit Laternenumzug vom Hühnerposten zum Gänsemarkt gegen die Sparwut bei den Kinder- und Jugendangeboten im Kulturbereich zusammen mit Vertretern der Gewerkschaft verdi, dem Hamburger Schauspielhaus, den Hamburger Bücherhallen

Freitag, 29. Oktober, ab 17 Uhr: Das Grauen über Altona – das Museum schlägt zurück!
Horrorfilm-Fest in Zusammenarbeit mit Cinegraph Hamburgisches Centrum für Filmforschung e.V. und der Kurzfilm Agentur Hamburg e.V.

Sonntag, 7. November, ab 14 Uhr: Wissenschaftlicher Salon im Altonaer Museum. Namenhafte Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen beleuchten in Vorträgen und anschließenden Diskussionen die Bedeutung des Altonaer Museum für ihre jeweilige Disziplin

Freitag, 26. November · 16:00 – 18:00 Solidaritätslesung gegen die Schließung des Kinderbuchhauses Sebastian Faust: Geschichten vom „kleinen Nick“ im Forum des Altonaer Museums

KOMMENTAR

Bei der Verkündung der Sparmaßnahmen rutscht einem bei einer solchen Mitteilung schon mal das Herz in die Hose. Der Verstand funkt im nächsten Moment zurück und produziert ad hoc ein Treatment zum Film: Das ist doch bestimmt eine PR-Nummer, die von vielen anderen Sparmaßnahmen ablenken soll. Das trojanische PR-Pferd, damit tout Altona und Hamburg ein Aufreger-Thema hat, sich echauffieren kann. Der nächste Gedanke bewertet die Aktion auf der machtpolitischen Bühne: Unter PR-Gesichtspunkten ein fatales Signal für gerade die Partei, die sich jüngst wieder um konservative Wählerschichten bemühte. Sich wirklich mit der bürgerlichen Mitte, dem Hochadel, überwiegend wahlentscheidenden Senioren und dem konservativen Gemüt anlegen? Das scheint doch recht kontraproduktiv für eine Partei, die zuletzt sogar Schwierigkeiten damit hatte, den Schlüsselbegriff “konservativ” für sich zu reklamieren. Das kostet Stimmen und vergrätzt Wähler abermals. Gedanke Nummer drei: Die CDU reserviert sich ein Pfand, um durch die Hintertür ein liebsames Projekt des Koalitionspartners wieder eintauschen zu können.

Nun, der Eindruck täuschte nach aller Beobachtung gänzlich. Es scheint einfach blanke Verdrossenheit gegenüber der Hochkultur zu sein, gepaart mit Irrsinn – dazu nicht mal kalkulierter – sich binnen weniger Monate einfach so eines Museums mit fast 150-jähriger Tradition zu entledigen. Beachtenswert und lehrbuchreif ist die kaskadierende Empörung entscheidender Verantwortlicher und Macher in Folge. Selbst in der letzten Stunde und nachdem wirklich jedes Weblog und die Journallie berichtet hat – hängen sich plötzlich noch Schaaren vermeintlich Entsetzter an den Rockzipfel der Museumskämpfer. Lobbyisten erkennen die Gelegenheit, sich urplötzlich und schnell Anträge bewilligen zu lassen, denn gegeben ist die Zeit für die, die jetzt zum Thema schweigen und ihre Stimme verkaufen. Revolvierend dann das perverse Drama politischer Mehrheitsbildung: Haben sich gefühlte 51 Prozent für etwas ausgesprochen, kippt die Stimmung gänzlich, alle unterschreiben für etwas, für das sie sich vormals kaum interessierten. So einfach und billig geht das manchmal zu.

Geschichtsverdrossenheit – eine Stabsaufgabe

Mit der Installation von Behörden für politische Bildung hat die Politik vor Jahrzehnten dafür gesorgt, dass politische Willensbildung und Aufklärung über die demokratische Kultur im Bund und in den Ländern nachhaltig betrieben wird. Anders scheint es mit der Förderung von Aufklärung regionaler Geschichte zu laufen, die plötzlich in die Kultur- und Eventecke gedrängt wird und sich mit Besucherzahlen von Musicals oder Pop-Konzerten messen soll. Diesen Eindruck wird man kaum los. Aufklärung zur Geschichte sollte keine Kulturaufgabe, vielmehr eine verfassungsrelevante Aufgabe für Stabsstellen sein.

Aus Geschichtsverdrossenheit muss sich ein politisch aktiveres Handeln und Investition ableiten – nicht umgekehrt. Nur weil es in der gegenwärtigen von Boulevard geprägten Marketingkultur nicht en vogue ist, ein Museum zu besuchen, kann doch keinesfalls eine Schließung die Folge politischen Handelns sein. Mode kommt und geht – Geschichte bleibt und die Erinnerung und Bewahrung dieser für die Nachwelt gehört zu verfassungsrechtlichen Verpflichtungen des Staates. Wenig Besucher in einem Museum sind daher ein Alarmsignal. Mehr Investitionen in geschichtliche Bildung und Erforschung von Geschichte sollten die Folge sein. Aus Marketingsicht: Nicht-nachhaltige Kulturpolitik steht einer Stadt wie Hamburg, die zunehmend ihren Ruf als Medienhauptstadt einbüßt, sehr schlecht zu Gesicht.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Auf der nächsten Politparty oder dem nächsten Richtfest werden die Verantwortlichen sich bei einem Stück Spanferkel köstlich über die Kulturszene amüsieren. PR-Sprecher werden empfehlen, sich mit versammelter Boulevardpresse als Retter zu verkaufen. Zugeben, einsehen, sich schuldig bekennen – das schützt zwar vor Strafe nicht, besänftigt jedoch. Das kulturverdrossene Volk wird den Akteuren für eine Rettung huldigen.

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