Elbtreppe-Frontansicht-Neubau Ottensen / Neumühlen. Bausenatorin Anja Hajduk war gekommen, um sich anlässlich der Vorstellung der SAGA-Neubaupläne für die Elbtreppenhäuser auch Argumente der Gegner anzuhören. Ihr ging es um mehr, insbesondere auch darum, auf Probleme im Hamburger Wohnungsbau aufmerksam zu machen. Knapp 10.250 Unterschriften liegen beim Bezirksamt Altona zur Auszählung und die Bezirksversammlung muss sich bald entscheiden, ob sie das ca. 180.000 Euro teure Verfahren eines Bürgerentscheides durchführen möchte. Hajduk machte auf der Veranstaltung deutlich, dass sie die Entscheidungsfindung in Altona sieht, weichte diese Aussage jedoch im Verlauf der Diskussion auf. Viele Altonaerinnen und Altonaer sprechen sich für den Erhalt und die Sanierung des vollständigen Ensembles aus. Die SAGA plant einen Teilabriss und die Errichtung von “zeitgemäßen Wohnraum”, so Hoppenstedt, Vorstand der städtischen Wohnbaugesellschaft.

Showtime: Die SAGA GWG präsentierte ihre seit Monaten unter Verschluss gehaltenen Entwürfe nun anlässlich einer öffentlichen Sitzung des Bauausschusses. Zunächst möge der Laie und Nicht-Bewohner aus Ottensen mit Blick auf die Entwürfe meinen, passt doch ganz gut in das Viertel. Und eben genau dies ist wiederum Ansichtssache, denn viele Bewohner wünschen sich den Erhalt der noch übriggebliebenen Erinnerungen an die Geschichte. Solche Psychotope seien wichtig, merkt ein Bewohner in der Diskussion an. Eine weitere Bebauung im Stil der Perlenkette halten wenige Teilnehmer und auch Politiker für sinnvoll. Bausenatorin Hajduk äußerte Verständnis für lokale Bedürfnisse und sieht auch den zunehmenden Wunsch in der Gesellschaft, keine einfache Abrisspolitik zu betreiben. Zuletzt hatte die Gänge-Initiative für Aufmerksamkeit gesorgt und für eine Bewahrung eines der wenigen übrig gebliebenen Andenken gesorgt. Es bedarf auch solcher Initiativen, um die Behörden darauf hinzuweisen, meint Hajduk. Sie sei auf der anderen Seite auch gefordert, mehr Wohnungsbau zu realisieren. Selbst wenn es im Fall der Elbtreppen “nur um elf weitere Wohnungen geht”, Zielkonflikte in der Stadt machten neue Wohnbebauung und das Erreichen der festgesetzten Ziele schwer.

Elbtreppe-DraufsichtI-Neubau SAGA-Entwürfe von Vorstand vorgestellt

Die von der SAGA vorgestellten Ansichten lassen Betrachtungen nur aus bestimmten Blickwinkeln zu. Wie bei der Draufsicht auf Bild 2 zu erkennen ist, erscheint das linke Gebäude von hinten gleichgroß im Verhältnis zu den davorliegenden Gewerbebauten. Allerdings trügt der Blick: Das Gebäude mit zwei so genannten Staffeln, ist zwei Etagen (Staffelgeschosse) höher und verspricht aus dem oberen Geschoss einen Blick auf die Elbe. Ähnlich ist es bei der Ansicht aus dem Innenhof. SAGA-Vorstand Hoppenstedt preiste den Blick auf den kaum zugänglichen Innenhof auf die Elbe an. Ein Besucher entgegnet, diese Sicht gäbe es nur im Entwurf. Nur eine Mogelpackung?

Bei den genannten Höhen für die Gebäude fällt auf, dass als Werte Höhen über NN gekennzeichnet sind. Die SAGA gab sich in der Präsentation Mühe, den Neubau im Verhältnis zu dem abzureißenden, dahinterliegenden Gebäude kleiner aussehen zu lassen. Erwähnt wurde nicht, dass das Gebäude selbst höher ist und ein auf dem Hang stehendes Gebäude natürlich sehr viel höher über NN ausfällt. Ein Zahlentrick, bei dem Äpfel mit Birnen verglichen werden. Man könnte auch sagen der geplante Neubau ist unter Betrachtung von NN zehnfach kleiner als die Seefahrtsschule, die ganz weit oben auf dem Hang steht. Auf Anfrage nach genaueren Höhenangaben bei der SAGA wird mitgeteilt, dass man nur über diese NN-Angaben verfüge.

Doch wieso sollen die Gebäude abgerissen werden? Als Begründung dafür führt Hoppenstedt an, dass Gebäude von Schwamm befallen und überdies noch einsturzgefährdet seien. Scharfe Kritik entgegnet der Vertrauensmann und Bewohner Karsten Schnoor in einem längeren Kommentar (siehe Filmbeitrag). Schnoor sieht Verbindungen zwischen der Entscheidung für den Bau der Perlenkette und den anschließenden Erwerb der Elbtreppenhäuser durch die SAGA, die sich nach seinem Eindruck wie ein privater Investor verhalte. Sanierungsmaßnahmen hätte es nie gegeben, nur Reparaturen. Schnoor unterstellt Hoppenstedt Versagen und mutwillige Zerstörung der Gebäude durch die Nicht-Instandsetzung und Nicht-Beheizung leerstehender Wohnungen über fast ein Jahrzehnt.

Hajduk betont in einem Kommentar, dass die Unzufriedenheit einiger Mieter nicht exemplarisch für die Bewertung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft herangezogen werden dürfe. In Hamburg sei man froh darüber, dass man mit der SAGA noch eine städtische Gesellschaft habe und diese nicht wie in anderen Städten bereits passiert, “verscherbelt” wurde. Auch Hoppenstedt weist die Vorwürfe über eine mutwillige Zerstörung zurück.

Denkmalexperten weiter uneins über die Bewertung des Ensembles – Angebot von Lawaetz-Stiftung zurückgewiesen

Widersprüchliche Aussagen wurden auf der Veranstaltung auch zum Thema Denkmalschutz laut. In Persona standen sich die Denkmalpflegerin Dr. Agnes Seemann und Dr. Geerd Dahms gegenüber und lieferten sich ein Gefecht. Bereits im Vorfeld hatte das Denkmalschutzamt erst auf Zuruf und nach einem von Dr. Dahms angefertigten Gutachten (hier als PDF) die Unterschutzstellung eingeleitet. Senatorin Hajduk stellte fest, dass es offensichtlich zwei Meinungen gäbe, während aus dem Publikum die Forderung nach einer erneuten Begutachtung kam. Ein Vertreter der Lawaetz-Stiftung äußerte seinen Unmut über die nicht vorhandene Bereitschaft zum Verkauf des Geländes. Zusammen mit den jetzigen Mietern habe man ein Angebot über knapp 1 Mio Euro vorgelegt und wollte selbst sanieren. In einer Antwort auf eine Anfrage aus der Bürgerschaft bewertete der Senat einst Grundstück und Objekte überraschend mit 4,3 Mio Euro. Hier gehen die Meinungen auseinander. Der starke Befall, viele Schäden und ein stark sanierungsbedürftiger Zustand sprechen für einen deutlich niedrigeren Wert, wird moniert.

Der Bebauungsplan, der einen Erhalt des Ensembles vorschreibt, ist nach Schilderungen des Altonaer Baudezernenten Dr. Gütter nur unter der Voraussetzung durchsetzbar, solange der Realisierung eines Bauvorhabens im Rahmen der Vorgaben nicht wirtschaftliche Gründe entgegen stehen. Zur Zeit ruhe ein Abrissantrag der SAGA, der nach Informationen von altona.INFO jedoch nur die denkmalgeschützten Häuser betrifft. Dr. Gütter verweist auf eine mögliche Handhabe der Politik über den Weg der Befreiung vom Bebauungsplan.  Nach Informationen von altona.INFO könnte eine solche Befreiung für bis zu zwei Stockwerke erfolgen. Zuletzt wurde gemutmaßt, dass dies auch für Teile des schräg gegenüberliegenden Sichelgrundstücks erfolgen könnte.

Wie nach der Präsentation eine Bewohnerin anmerkt, verschwinden zunehmend alte Bauwerke und werden durch neue, eckige Architektur ersetzt. Diese Modernität erinnere kaum noch an Geschichte und selbiges einfach zu ersetzen, ohne den Versuch einer Bewahrung, zerstöre immer ein Stück Identität. Ob die Altonaerinnen und Altonaer diese Identität bewahren wollen, wird sehr wahrscheinlich das Ergebnis eines Bürgerentscheides sein. Eine grundsätzliche Abneigung gegen Neubaupläne war den Vertretern der Regierungskoalition von CDU / GAL an dem Abend nicht zu entnehmen.

Unsere Redaktion hat drei Filmbeiträge zu der Diskussion über die Elbtreppenhäuser zusammengestellt.

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