"Tag" beim Videodreh zu "Keep your Hood Hood" - der Clip erscheint in den nächsten Wochen.
"Tag" beim Videodreh zu "Keep your Hood Hood" - der Clip erscheint in den nächsten Wochen.

Hamburg / Altona. „Gentrifizierung“. Dieser schier endlos diskutierte und scheinbar unauflösliche Begriff stand in der Mail der bekannt-berüchtigten Altonaer Hip-Hopper Baris K. und Jayhuttz. „Keep your Hood Hood“, ziert nicht nur T-Shirts, sondern ist auch der Name des neuen Songs. Die Message: Die durch „Gentrifizierung“ zum Ergebnis kommende Verdrängung des Ursprünglichen ist mitten in der Jugendszene in Hamburg-Altona angekommen. Jetzt wollen die Rapper ein Zeichen setzen. Ein Grund genug, um mit den Protagonisten über ihre Beweggründe zu sprechen (Interview auch im Audio-Podcast).

ALTONA.INFO: Ihr habt eine kleine Initiative gestartet mit dem Titel „Rapper gegen Gentrifizierung“ und „Keep Your Hood Hood“ ist der Claim. Was bedeutet denn „Keep Your Hood Hood“ ?

Jayhuttz: Also die direkte Übersetzung von „Keep Your Hood Hood“ wäre „Halte deinen Stadtteil Stadtteil“, aber „Hood“ ist aus dem Amerikanischem Slang übersetzt auch mehr „Ghetto“. Und da Altona ja früher ein Gastarbeiterviertel war, bedeutet das für uns „Hood“.

ALTONA.INFO: Der neue Track „Keep Your Hood Hood“ steht jetzt unter dem Motto „Rapper gegen Gentrifizierung“. Wie seid ihr auf das Thema gekommen?

Jayhuttz: Wir sind auf das Thema gekommen, weil wir damit fast täglich konfrontiert werden. Ich zum Beispiel bin jetzt gerade 22 Jahre alt und seit zwei Jahren fertig mit der Schule. Meine Freunde haben alle ihre Ausbildung fertig und wollen jetzt ausziehen. Die freuen sich schon, wenn sie eine Wohnung in Eidelstedt bekommen, aber vor Bergedorf finden sie keine bezahlbare Wohnung mehr und das ist sehr traurig, weil wir uns dadurch alle immer weniger sehen, und weil wir auch eigentlich alle in der Heimat bleiben wollen.

ALTONA.INFO: Ihr seid also auch direkt davon betroffen oder kennt viele Leute, die selbst von dem Problem der Gentrifizierung betroffen sind? Baris, vielleicht magst du dazu etwas sagen?

Baris K.: Also früher sind wir nach Altona/Ottensen gezogen, weil es einer der wenigen Stadtteile war, in denen wir die Mieten bezahlen konnten. Heute müssen wir raus, weil wir die Mieten nicht mehr bezahlen können.

ALTONA.INFO: Was hat sich da genau verändert? Was zahlt ihr momentan in Ottensen und wenn ihr umziehen würdet, was müsstet ihr deiner Einschätzung nach bezahlen?

Baris K.: Dazu kann ich jetzt ein genaues Beispiel nennen. Wir bezahlen jetzt für eine 3-Zimmer Wohnung 650 Euro, aber wir haben die Altmietverträge. Das heißt also, wir sind vor 25 Jahren hierher gezogen, da habe ich am Born gewohnt. Damals war es noch günstiger, da haben wir vielleicht 300 Mark bezahlt, jetzt sind es 650 Euro. Wenn wir jetzt ausziehen würden und neue Mieter reinkämen, müssten die das Doppelte bezahlen. Wer verdient hier noch 1300 Euro, mit denen er nur Miete bezahlen kann und was würde ihm dann noch bleiben, Null. Er müsste sich wahrscheinlich sogar noch verschulden, um die Miete zu bezahlen.

ALTONA.INFO: Du bist ja schon ziemlich lange hier in Ottensen. Was waren denn die Kennzeichen für Veränderungen im letzten Jahrzehnt in Ottensen? Was ist dir aufgefallen?

Baris K.: Die Geschäfte hier: Jeder macht hier sein eigenes Szene-Café in Ottensen auf – mit Latte-Macchiato und Kuchen. Da hängen auch die ganzen Yuppie-Ärsche rum und tuen so, als wären sie hier schon ewig. Mich regt das einfach auf, weil ich schon so lange hier bin. Und die, die hier neu herkommen tun jetzt so, als wären sie schon ewig hier.

ALTONA.INFO: Klingt ja fast danach, als hättest du gar kein Bock mehr auf Ottensen, oder?

Baris K.: Naja, das Gute ist halt, dass das Viertel sich ein bisschen…naja, ich würd mal sagen, es ist nicht mehr so kriminell wie früher. Das ist das eine. Aber das andere ist, dass mir die Leute hier so derbe auf den Sack gehen, weil sie einfach der Grund dafür sind, dass die Mieten in die Höhe schießen und wir hier einfach nicht mehr leben können. Ich würde gern hier bleiben. Wenn ich ausziehen müsste, dann müsste ich Ottensen verlassen und das möchte ich einfach nicht. Deswegen wächst bei mir auch die Wut.

ALTONA.INFO: Die dann ja auch in „Keep Your Hood Hood“ zum Ausdruck kommen wird. Der Song ist also musikalisch fein aufgebaut, aber auch ein Stück weit aggressiv, Jayhuttz?

Jayhuttz: Also Baris Strophe ist auf jeden Fall aggressiv, die anderen drei Rapper haben sich jetzt nicht direkt auf die Gentrifizierung bezogen, sondern mehr auf das Leben und warum sie ihren Stadtteil mögen. Baris hat sich schon direkt auf die Gentrifizierung bezogen und auch sehr aggressiv, aber das werden die Leute dann auch hören. „Keep Your Hood Hood“ ist mehr das Movement, zum Beispiel für unsere Facebook-Seite. Da posten wir immer die neusten Infos, auch viel von euch. Der Song selbst ist nicht direkt politisch, aber es geht um das Movement.


Eine der letzten Produktionen von Baris K. und Jayhuttz, Titel „Kennst du das Gefühl“


ALTONA.INFO: Es gibt hier ja in Hamburg auch die Bewegung „Recht auf Stadt“ mit vielen Bürgerinitiativen und Institutionen. Mischt ihr da demnächst mit oder seid ihr schon dabei?

Jayhuttz: Wir sprechen ein Publikum an, dass sich von alleine nicht so für Politik interessiert und sich auch nicht damit befasst. Nun versuchen wir die Jugendlichen mit Musik zu ködern und sie in unserer Facebook-Gruppe zu informieren. Es ist das alte Thema, aber der Staat versucht uns dumm zu halten und wir versuchen uns gegenseitig aufzuklären. Und wenn wir das geschafft haben, die Leute sich entwickelt haben und wissen, was überhaupt mit ihnen gemacht wird, dann können wir vielleicht irgendwann auch mal anders mitmischen, aber jetzt nicht auf der linksradikalen Basis, das ist nichts für uns.

ALTONA.INFO: Das was ihr da macht ist ja ein Unikat. Ein politischer Rap-Song zum Thema Stadtentwicklung, das ist alles schon sehr soziologisch angehaucht. Habt ihr da Konkurrenz in eurem Markt im Musikgeschäft?

Jayhuttz: In Hamburg soweit ich weiß gar nicht. Ich hab aber in Hamburg Flyer an Ampeln von Berliner Rappern gesehen. Die haben auch einen Yuppie-Song gemacht, auch ganz gut beschrieben. Die machen aber ne ganz andere Art von Rap. Das ist dann mehr so links-politischer Rap. Wo die Leute sich sowieso von alleine mehr damit befassen. Deswegen haben wir eine ganz andere Herangehensweise und deswegen auch eigentlich gar keine Konkurrenz.

ALTONA.INFO: Das ist das eine Thema, aber ihr habt ja sonst noch eine ganze Menge in eurem Repertoire. Was sind so die Themen, die auch im letzten Album rüberkamen? Kannst du dazu noch etwas sagen?

Jayhuttz: Wir haben viele sozialkritische Sachen, also wie wir uns in dieser Gesellschaft fühlen, was die Gesellschaft mit uns macht. Dann haben wir auch viele emotionale Themen. Das war eigentlich das Hauptthema von unserem letzten Album, weil wir beim ersten Album viel kritisiert wurde, dass wir nur Bad Rap gemacht haben mit zu vielen Schimpfwörtern. Wir wollten den Leuten zeigen, dass wir uns weiterentwickelt haben, raptechnisch, und dass wir auch inhaltlich etwas bringen können. Die Leute sehen irgendwelche Jugendlichen in Jogginghose, mit Schlagringen auf den T-Shirts und erwarten nicht mehr so viel dahinter. Deshalb wollten wir den Leuten mal das Gegenteil beweisen und ich glaube, das haben wir auch ganz gut hinbekommen.

Baris K.: Jayhuttz hat das eigentlich ganz gut definiert und beschrieben. Ich find es ganz gut, dass wir auch mal sowas rausgebracht haben, um den Leuten zu zeigen, dass wir auch ganz anders können. Meine neue LP, die dann bald kommt, wird auf jeden Fall wieder etwas aggressiver sein, weil… wie soll ich sagen: ich bin ein Mensch und ich habe zwei Seiten und ich möchte auch gerne etwas anderes sagen. Ich finde, Schimpfwörter befreien manchmal ein bisschen. Ich lebe das dann eher in der Musik. Im Grunde muss ich meine Aggressionen auch ein bisschen rauslassen und ich kann ja nicht irgendwelchen Leuten in die Schnauze hauen. Deshalb wird meine Solo-LP mit Jayhuttz wieder ein bisschen aggressiver sein.

ALTONA.INFO: Was sind die nächsten Termine, wo erlebt man euch hier, gegebenenfalls live?

Jayhuttz: Ganz wichtig ist auf jeden Fall dieses Jahr „10 Jahre HipHop-Stage-Jubiläum“ auf der altonale am 18. Juni. Da sind wir fast Haupt-Act, vorletzte Band, um 20 Uhr oder 20 Uhr 30 sind wir da zu sehen. Als SMA-Family stehen wir auf dem Flyer, das ist unsere Gruppe, Gang, unser Label sozusagen. Wir werden auch viele Gäste auf die Bühne holen und es wird viele Specials geben. Da sollte man sowieso den ganzen Tag hingehen, wenn man sich für Hip-Hop interessiert. Das wird auf jeden Fall ein wichtiger Termin.

ALTONA.INFO: Gibt es neue Planungen für ein neues Album? Also, wie heißen die Songs, die jetzt demnächst rauskommen?

Baris K.: Meine LP, die jetzt demnächst kommt wird „Boss-Schelle“ heißen. Ich kann erklären warum (lacht). Dder Name hört sich ein bisschen witzig an. Ich hab einen Nachbarn, der ist 15 und hat mir erzählt, dass er sich in der Schule mit zwei Leuten geprügelt hat. Bevor es zu der eigentlichen Schlägerei kam hat er dem Jungen erstmal ne „Boss-Schelle“ gehauen. Das fand ich so lustig, dass ich meine LP einfach danach benannt habe.

ALTONA.INFO: Ich vermute mal, das Wort „Boss-Schelle“ hat noch nicht wirklich Einzug in den Sprachraum des Deutschen Dudens bekommen, vielleicht schafft ihr das ja. Erstmal vielen Dank für das Interview und viel Glück!

Das Interview führte Christoph Zeuch.

Das Video zu „Keep your Hood Hood“ erscheint in den nächsten Wochen bei youtube. Eine Ankündigung veröffentlichen wir an dieser Stelle:

Weitere Infos (Facebook): http://www.facebook.com/bariskjayhuttz

Das Interview in voller Länge im ALTONA.INFO RADIO PODCAST

3 KOMMENTARE / LESERBRIEFE

  1. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Bau eines Möbelhauses in einer seit Jahren unbelebten EINKAUFSSTRAßE und dem Bau unzähliger Eigentumswohungen und Eröffnungen von Gastronomien in einer Wohngegend.

    Wenn der True Rebel Store den Bau eines IKEAs unterstützt, können wir vom KEEP YOUR HOOD HOOD-Team damit leben, da wir auch deren geschäftliche vom Standort abhängige Situation berücksichtigen.

    Davon abgesehen ziehen günstige Möbel weniger ungern gesehenes Volk, als überteuerter Kaffee an.

    Der Verlust des Hafenklangs und der Atteliers ist jedoch schade.

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