Foto: Oevelgönne.net

Steht man heute am Elbstrand in Övelgönne, sieht man oftmals die orangenen Lotsenboote vorbeiziehen und hohe Wellen in das seichte Wasser schlagen. Heute funktionieren die Boote mit elektronischen Messegeräten. Das war natürlich nicht immer so. Die Lotsen in Altona hatten andere Behelfsmittel, wie schwimmende Fässer, Seile und Gewichte. Vor 1745 war die Kunst des Lotsens kein offizielles Gewerbe – Anwohner, Fischer und Hafenarbeiter halfen einlaufenden Schiffen für eigens festgelegte Preise.

Wer sich mit dem Lotsen auskannte und wem die örtlichen Gewässer vertraut waren, konnte sich gelegentlich leichtes und schnelles Geld verdienen. Im 18. Jahrhundert war diese Fertigkeit weit verbreitet und zahlreiche Menschen boten ihre Dienste an. Was daraus folgte, ist klar: Die Konkurrenz wuchs und teilweise kam es sogar zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Freizeit-Lotsen.

Deshalb gründete sich 1745 die „Treuverbundene Lotsenbrüderschaft zu Övelgönne und Neumühlen“. Wer ihr beitrat, konnte festgelegte Preise verlangen, ohne Konkurrenz Anderer. Außerdem erstellte die Brüderschaft einen Kodex, der Angelegenheiten wie Ehre und Anstand der Lotsenbrüder, Vorstand und Kassenführung, die Abschirmung gegen außenstehende Konkurrenten sowie die Versorgung von Witwen und Waisen regelte.

Bei Flussaufwärtsfahrten durften Lotsen der Brüderschaft ein Vereinsmitglied um nicht mehr als einen Reichstaler pro Fuß unterbieten. Das Fußmaß bezog sich auf den jeweiligen Tiefgang der Schiffe. Daraus folgte, dass die Lotsen genaue Angaben bekommen mussten, da die Schiffe sonst aufzulaufen drohten. Liefen die Schiffe aufgrund falscher Angaben auf, so waren die Lotsen von jeglicher Verantwortung befreit.

Die Lotsen lebten in kleinen Häusern in der Nähe der „Kuhl“, ein tiefer Abschnitt des Elbwassers vor Altona. Dort konnten einlaufende Schiffe auf die Tiefenmesser warten, die die Schiffe über die Untiefen des „Hamburger Sandes“ manövrierten. Dort gab es allerdings auch ein Gasthaus, das viele der Anwohner und auch die Lotsen in Versuchung führte. Um nicht der Trunkenheit am Arbeitsplatz zu verfallen, waren die Lotsen treue Kirchengänger. So zogen sie jeden Sonntag in die Kirche von St. Margarethen. Ihr Kirchengebet war ganz dem Hafen gewidmet: „Gott schütze unsere Dämme und Deiche, Schleusen und Wettern, auch alle Reisenden zu Lande und zu Wasser, insonderheiten die hier auf der Bösch stationierten Lotsen.“

 

 

1 KOMMENTAR / LESERBRIEF

  1. Schönes Artikel!
    Was bedeutet „quarkt“ und „deiht“?
    Meiner Vorfahr Behrend Jacobson (1700-1750) hat in Övelgönne gewohnt, und ich bin deshalb interessiert in die Geschichte von Övelgönne. Ich habe bereits ein Ortsplan von Övelgönne-Ottensen aus 1791 (vom Altonaer Stadtarchiv). Wo kann ich mehr über Övelgönne in diesem Zeitalter finden?
    Vielen Dank
    Ronald (aus Holland)

Antwort hinterlassen