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Bundespräsident Gauck: Bundeswehr-Antrittsbesuch bei Führungsakademie in Hamburg-Altona

Hamburg / Altona. Joachim Gauck, Bundespräsident, gerne auch Bürger, sprach heute in der Führungsakademie der Bundeswehr in Nienstedten. Es war Gauck, der den Standort in Hamburg für seinen Antrittsbesuch aussuchte. In Begleitung des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Thomas de Maizière, wurde der Bundespräsident mit militärischen Ehren begrüßt. Der höchste Mann im Staat sprach in Hamburg über die Bedeutung der Bundeswehr und forderte eine stärkere Beschäftigung der Gesellschaft mit den Themen der Streitkräfte.

Dr. Thomas de Maiziere begrüßt seine Soldaten mit einem kräftigen “Guten Morgen Soldaten”, kurz bevor der Bundespräsident pünktlich um 9:30 Uhr im Altonaer Stadtteil Nienstedten eintrifft. Die Nationalhymne wird gespielt, Soldaten des Wachbataillons erweisen dem höchsten Staatsmann die militärischen Ehren. Eine besonders herzliche Begrüßung gibt es im direkten Anschluss durch Kinder des Kindergartens auf dem Bundeswehrgelände. Richtig gelesen, der ursprünglich von Soldatenfamilien gegründete Kindergarten wird heute von der Evangelischen Kirchengemeinde Blankenese betrieben. Wie auch an der Akademie selbst, sind hier (kleine) Menschen aus viele Nationen vertreten.

Kaffeepause für die drei Duzend Journalisten, während Gauck sich einen Eindruck vom dem Standort macht. Die Führungskräfteakademie ist die höchste militärische Ausbildungsstätte der Bundeswehr seit 1957. 1962 begann die Einrichtung auch damit, internationale Offiziere aus Nicht-NATO-Staaten für Generalstabsfunktionen auszubilden. Heute feiert dieser internationale Lehrgang (LGAI) sein 50. Jubiläum. Bis heute wurden in dem Lehrgang mehr als 2.200 Offiziere aus 124 Nationen ausgebildet. Und das nicht nur militärisch. Laut Bundeswehr wurde den Teilnehmern eine Vielzahl “kultureller, politischer und wirtschaftlicher Einblicke in die deutsche Gesellschaft” vermittelt. Teilnehmer erkennen darin “die Funktionalität von Streitkräften in einer Demokratie”, so eine Hintergrundinformation der Bundeswehr.

Im vollbesetzten Gneisenau-Saal wird der Bundespräsident erwartet. Generalmajor Achim Lidsba begrüßt Gauck und ist hörbar stolz darauf, dass der Bundespräsident gerade die Führungsakademie für seinen Antrittsbesuch auswählte. Im Eingangsbereich war der Leitspruch sichtbar: “Mens Agitat Molem” (aus lat.: Der Geist bewegt die Materie). Dies unterstreiche den Anspruch, als Innovations-g und Ideenschmiede neue Gedanken und Ansätze zu entwickeln”, geht aus einer Infobroschüre der Bundeswehr hervor. Terrain für ein paar Gedankenanstöße, heute vom höchsten Mann im Staate.

Rede des Bundespräsidenten

Gauck, erster Ex-DDR-Bürger im Amt des Deutschen Staatsoberhauptes, hat sich auf seinen Antrittsbesuch bei der Bundeswehr besonders gefreut. “Sie können sich wahrscheinlich nur sehr bedingt vorstellen, warum das so ist und warum ich gerne zu Ihnen gekommen bin, an die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg”, eröffnet er. Gauck wäre nicht Gauck, wenn er nicht mit einem Vergleich zum Regime in der DDR eröffnete: “Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Armee einer Partei verpflichtet war. Eine Armee, die „Volksarmee“ hieß und es nicht war. Eine Partei, die von sich behauptet hat, den Volkswillen zu vertreten und die sich nicht gescheut hat, Soldaten auch gegen die eigenen Bürger einzusetzen. Ich habe das Militärische also kennengelernt als eine – nicht nur physische – Begrenzung der Freiheit.” Nach 22 Jahren bezeichne er heute die Bundeswehr auch als “meine Armee”. Doch ganz im Gegensatz zur damaligen Volksarmee der DDR sei die Bundeswehr “keine Begrenzung der Freiheit, sie ist eine Stütze unserer Freiheit”, betont der Bundespräsident.

Einsätze der Bundeswehr stünden unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch Volksvertreter und sollten noch mehr diskutiert werden, wünscht sich Gauck. Schließlich sei die Bundeswehr auch “Teil des „Demokratiewunders“, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen vollzogen hat – und vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten dann auch im Osten unseres Landes.” Gauck wendet sich an die “Staatsbürger in Uniform”, die Soldaten, und appelliert an das Grundverständnis für ihre Arbeit: “Sie stehen mit Ihrem Dienst für diese Gesellschaft ein”, so Gauck. Er wirft einen Blick auf gegenwärtige Herausforderungen bei der Bundeswehr, etwa finanzielle Zwänge, Reformen, technische Neuerungen, Schließung von Standorten, die vollständige Öffnung der Bundeswehr für Frauen, den Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht, gemeinsame Auslandseinsätze mit verbündeten Nationen und “neue Arten von Bedrohungen und Kriegen” – gemeint sind “Cyberkrieg” oder etwa der Einsatz gegen Piraten vor der Küste von Afrika. “Sie stellen sich hier sehr professionell darauf ein”, ist sich Gauck sicher, der von einer “Kultur der inneren Führung“ spricht, von Veränderungs- und Lernfähigkeit.

Ein Bundespräsident wäre kein Bundespräsident, wenn er nicht appellieren würde. Gauck fordert in seiner Rede eine Debatte über diese Themen nicht nur in den Parlamenten oder Führungsstäben, sondern “in der Mitte unserer Gesellschaft”. Anders würde sich in der Öffentlichkeit nur „freundliches Desinteresse“ festigen, was schon der frühere Bundespräsident Horst Köhler bedauernd feststellte, findet Gauck. Die Bundeswehr stehe zwar mehr denn je unter Beobachtung der Medien, sei aber im öffentlichem Bewusstsein nicht sehr präsent, so die Einschätzung des Bundespräsidenten. Gauck kennt Gründe: “Es liegt wohl zum einen an der unvermeidlichen räumlichen Distanz.” Standorte der Bundeswehr mussten geschlossen werden. “Sie sind als Soldatinnen und Soldaten im Alltag unserer Städte und Gemeinden weniger präsent”, sagt er. Die Vorstellungskraft von Zivilisten für den Beruf des Soldaten reiche nicht aus. Ein weiterer Grund ist laut Gauck das “Nicht-wissen-Wollen”. Dies sei in der Gesellschaft menschlich, denn schließlich seien die Themen rund um die Bundeswehr nun mal unangenehm. Niemand beschäftige sich gerne mit Gedanken an Terror, Missachtung von Menschenrechten oder Verletzungen, doch Fakt sei, dass es auch heute Menschen gibt, die “ihren Einsatz für Deutschland mit ihrer körperlichen oder seelischen Gesundheit bezahlt haben”, so Gauck. Der Gedanke daran sei “für die Gesellschaft schwer zu ertragen”, doch schließlich entstünden “Frieden, Freiheit und die Achtung der Menschenrechte vielfach nicht von allein”. Gauck fragt: “Wer wüsste das besser als wir Deutschen?”

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“Die Bundeswehr hat unser Zutrauen verdient” – Freiheit nicht ohne Verantwortung

”Unsere Bundeswehr hat sich von unseligen militärischen Traditionen gelöst, sie ist fest verankert in einer lebendigen Demokratie. Sie hat unser Zutrauen verdient, nicht nur in Debatten, um den „gerechten Krieg“ zu bestehen, sondern auch einem „gerechten Frieden“ einen Weg zu bahnen, indem sie beiträgt zur Lösung von Konflikten, indem sie friedliche Koexistenz zu schaffen sucht, wo Hass regiert”, sagt der Bundespräsident. Und dann platzt es ein wenig aus dem ‘bekannten’ Gauck heraus: “Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu haben. Für Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, ist diese Haltung selbstverständlich. Ist sie es auch in unserer Gesellschaft? Freiheit und Wohlergehen sehen viele als Bringschuld von Staat und Demokratie. Manche verwechseln Freiheit mit Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Hedonismus. Andere sind sehr gut darin, ihre Rechte wahrzunehmen oder gegebenenfalls auch vehement einzufordern. Und vergessen dabei allzu gern, dass eine funktionierende Demokratie auch Einsatz erfordert, Aufmerksamkeit, Mut, und manchmal auch das Äußerste, was ein Mensch geben kann: das Leben, das eigene Leben”, sagt Gauck. „Mut-Bürger in Uniform“, das seien die Soldaten wie auch viele Menschen, etwa aus sozialen Berufen ebenfalls. Doch auch vom (Staats-)Bürger wünsche er sich mehr staatsbürgerliches Pflichtbewusstsein. Schließlich sei man “diesem Land verpflichtet”.

Der Bundespräsident gratuliert der Akademie zum 50. Jahrestag des “Lehrgang Generalstabs-/ Admiralstabsdienst mit internationaler Beteiligung”, denn gerade durch solche Lehrgänge und Begegnungen sei die Bundeswehr zu einem Friedensmotor geworden. “An dieser Führungsakademie, das habe ich gespürt, wird kein geistiger Gleichschritt gelehrt”, so Gauck. An die Führungskräfte gerichtet sagt er: „Sie stehen nicht nur persönlich vor ihren eigenen Soldaten im Rampenlicht, sondern als Verantwortliche der Bundeswehr mitten in den Fragestellungen unserer ganzen Gesellschaft.“ – So habe es Richard von Weizsäcker vor 25 Jahren bereits formuliert. “Ich bin froh, Ihnen heute aus vollem Herzen sagen zu können: Für diese unsere Bundeswehr bin ich sehr dankbar!”, so Bundespräsident Joachim Gauck zum Abschluss.

Unser Filmbeitrag zum Besuch des Bundespräsidenten:

Kurz-URL: http://www.altona.info/?p=52711

geschrieben von am 12 Jun 2012. abgelegt unter Allgemeines, Gesellschaft, Hamburg, News & Meldungen, Nienstedten, Politik, Politik Wirtschaft Gesellschaft. Antworten verfolgen RSS 2.0. Zum Ende gehen und eine Reaktion schreiben.

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