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Luftverschmutzung in Hamburg: Gutachten kalkuliert Landstromversorgung für Kreuzfahrtschiffe

AIDA_Landstrom_Altona_Kreuzfahrtterminal

Dieses Bild stammt eindeutig nicht aus dem Reklamekatalog der Gesellschaft.

Hamburg / Altona. In der ‘schönsten Stadt der Welt’ ist nichts so schlecht wie die Luft und offensichtlich hängen beide Dinge sehr eng zusammen. Je attraktiver die Stadt, desto mehr Menschen, Touristen und Besucher kommen auch – zuweilen sind dies auf dem Seeweg deutlich mehr, als in den letzten Jahren. Von bis zu 160 Kreuzfahrtschiffen kann im Jahr 2012 ausgegangen werden und die Prognosen für die nächsten Jahre sehen zweistellige Wachstumsraten vor. Doch an Messstationen in Hamburg und Altona werden regelmäßig Grenzwerte für Luftverschmutzung überschritten. Ein Grund dafür ist laut Experten die starke Zunahme der Kreuzfahrtschifffahrt in den letzten Jahren. Doch wer zahlt jetzt für saubere Luft in der Hansestadt? Die Anwohner, die Reeder oder die Touristen? Bericht mit Kommentar.

Die SPD-Fraktion begrüßte gerade Ankündigungen des Hamburger Wirtschaftssenators gegenüber einem Radiosender in Sachen Landstrom für Kreuzfahrtschiffe. Jetzt soll das Kreuzfahrtterminal in Altona angebunden werden. Offensichtlich wurden nach Auswertung eines Gutachtens – das der Umweltbehörde nun vorliegt – erste Rückschlüsse gezogen. Ist es auch die Angst vor hohen Strafgebühren, die bei regelmäßigem Überschreiten der Luftverschmutzungswerte gezahlt werden müssten? Das vorliegende Gutachten zur Landstromversorgung errechnet Investitionskosten im niedrigen zweistelligen Millionenbereich für eine bessere Luftqualität in Hamburg. Im politischen Raum dreht das Thema bereits seit Jahren seine Kreise und mit technischem Fortschritt geht jedem Reeder und Hafen- bzw. Touristiklobbyisten langsam das Argument der unpassenden Steckerverbindungen von Bord. Die Reeder müssen trotzdem motiviert werden, das Thema anzupacken. Hamburg möchte doch schließlich ein Vorbild in Sachen Umwelttechnologie werden – die Chance, Hafen und Schifffahrt Einklang mit den heutigen Ansprüchen an Umwelt und Gesundheit zu bringen, ist zum Greifen nah.

Die Altonaer Bürgerschaftsabgeordnete Anne Krischok (MdHB, SPD), Vorsitzende des Umweltausschusses, meint: “Hier zeichnet sich ein vielversprechender Einstieg ab. Wir haben uns seit langem für eine Landstromversorgung eingesetzt. Für die stadt- und klimaverträgliche Weiterentwicklung unseres Hafens ist das Thema Landstrom ein Schlüsselthema.” Vor allem angesichts des rasant gestiegenen Aufkommens von Kreuzfahrtschiffen bestehe mehr denn je Handlungsbedarf, um im Hamburger Hafen die von Schiffen ausgehenden Emissionen zum Schutz der Menschen, die in der Nähe wohnen, zu reduzieren und damit die Luftqualität in ganz Hamburg zu verbessern. “Über 40 Prozent der Stickoxidbelastung kommt aus dem Hafen und wir wollen diese Schadstoffquelle zum Versiegen bringen und dafür sorgen, dass Kreuzfahrt- und Containerschiffe künftig nicht mehr die Luft verpesten”, ergänzt Monika Schaal, Fachsprecherin für Umwelt der SPD-Fraktion.

“Die Hotelschiffe pusten große Mengen giftiger Stickoxide in die Hamburger Luft”, so die Hamburger Grünen-Fraktion in der Bürgerschaft. Auch vor dem Hintergrund drohender Geldbußen an die EU fordern die Grünen vom Senat den zügigen Bau von Landstromanschlüssen an allen Liegeplätzen. Jens Kerstan (MdHB, Grüne), umweltpolitischer Sprecher und Vorsitzender der Grünen-Fraktion, meint, der Senat habe nicht wirklich den politischen Willen, die Landstromversorgung tatsächlich zu bauen. Mit der Verkündung von Senator Horch, dass das Terminal Altona nun einen Landstromanschluss bekommen solle, habe man sich für die kleinste Lösung entschieden, nämlich Landstrom am Terminal mit den geringsten Anlaufzahlen. In der Hafencity sollen die Schiffe wie gehabt unbehelligt vor sich hin qualmen können. Das sei kurzsichtig und mutlos. Wichtig sei ein vernünftiges Gesamtkonzept, das alle Beteiligten mitnimmt und private Partner mit einbezieht, meint Krischok (MdHB, SPD) sieht aber Horch auf gutem Weg.

Messstationen zeigen Grenzwertüberschreitungen

Kreuzfahrtterminal_Altona_Luftmesswerte

Darstellung: Luftmessnetz Hamburg, Standort Elbhang.

Unterdessen kritisiert der BUND in einer Mitteilung die ‘Gesundheitsgefährdung vieler Hamburger durch den Senat’. Auch daher verstärke man die Unterschriftensammlung für die Volkspetition “Hamburg atmet auf”. Die neue, seit März 2012 betriebene Messstation an der Willy-Brandt-Straße, habe eine erhebliche Belastung der Hamburger Innenstadt mit Stickoxiden bestätigt. Die jetzt verfügbare Auswertung der ersten drei Monate ergab eine Überschreitung des Grenzwerts um 60 %. In ähnlicher Größenordnung werden Belastungen an der Kieler Straße, der Max-Brauer-Allee, der Habichtstraße und der Stresemannstraße gemessen. In der Zunahme der Kreuzfahrtschifffahrt sehe man eine Begründung für den Anstieg der Messwerte, jedoch gäbe es zu den Emissionen von Schiffen keine detaillierten oder differenzierten Angaben. Etwa 150 Kreuzfahrfahrtschiffen im Jahr stünden 6.000 Containerschiffe gegenüber. Deutlich wird die sehr konkrete Auswirklung beiVergleich der gemessenen Luftdaten am Altonaer Elbhang bei gleichzeitigem Anlegen eines Kreuzfahrtschiffes am Altonaer Kreuzfahrtterminal. Der Vergleich der Daten des Luftmessnetzes Hamburg mit den Anlegedaten des Cruise Centers Hamburg für Kreuzfahrtschiffe zeigt zum Beispiel am 7. August, während der Anlegezeit des Kreuzfahrtschiffes AIDAluna in Altona, einen massiven Anstieg der Stickstoffemissionen (siehe Grafik).

Ergebnisse des Landstromgutachtens – Wer zahlt für den Landstrom? Wer ist Betreiber? Wird der Landstrom auch zur e-Tankstelle für Schiffe?

Das im letzten Jahr im Auftrag der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) überarbeitete Landstromgutachten (PDF) offenbart, dass vor allem auf hohen Strombedarf ausgelegte Landstromanlagen hohe Kosten mit sich bringen. So bräuchte man für das gegenwärtig größte Kreuzfahrtschiff, die Queen Mary 2, eine Anlagenkapazität von mehr als 10 MVA (MVA = Megavoltampere). In der Hafencity wurden in dem Gutachten zwei Stationen mit je 10 und 20 MVA kalkuliert, während für Altona eine Station mit 10 MVA für ausreichend befunden wird. Gerade im Bereich der Leitungszuführung für die Umspannungsanlagen stehen langfristige Investitionskosten für einen späteren Ausbau der Anlagen zur Disposition. Lohnen sich hier langfristige Investitionen, etwa die Erschließung mit starken Netzanschlüssen? Wird der Landstromanschluss auch zur Tankstelle für die Fahrt auf der See und tanken Schiffe in Zukunft gerne Energie an Land wie Elektroautos? Der Bau der Transformatorenanlagen für den Landstrom macht die höchsten Investitionskosten (10 MVA ca. 6 Mio EUR) in der Kalkulation des Gutachtens aus. Vergleicht man die Gesamtkosten zwischen Altona und Hafencity, so ergibt sich der wesentliche Kostenunterschied zwischen Altona und Hafencity über die Netzanschlusskosten. Der Anschluss an das Stromnetz in Altona soll laut einem Angebot des selben Anbieters (Vattenfall) bei einem Wegunterschied von lediglich 200m wesentlich günstiger sein, als der Netzanschluss in der Hafencity.

Die Skizze aus dem Gutachten zeigt, wie ein Landstromanschluss prinzipiell funktionieren kann. Quelle: Landstromgutachten, BSU.

 

Das Gutachten kommt in der Bewertung der Betreibermodelle zu dem Schluss, dass ein großer Teil der Investionskosten (bis zu 70-80%) über Förderprogramme der EU bzw. des Bundes refinanziert werden könnten. Es wird empfohlen, dass Investor und Eigentümer der Anlage eine Infrastrukturgesellschaft, der Betreiber der Anlagen ein Stromversorger sein sollte. Mit Blick auf die Reeder spricht das Gutachten jedoch von einem Motivationsproblem: Die Akzeptanz der Reedereien sei zwar eine “grundlegende Voraussetzung”, diese könne jedoch nur erreicht werden, wenn sie “keinen oder nur einen geringen monetären Mehraufwand hat und die organisatorischen und technischen Abläufe der Landstromversorgung störungsfrei und ohne hohen zusätzlichen Aufwand gewährleistet wird.” In der Kalkulation verschiedener Schiffstypen geht das Gutachten von Aufrüstungskosten zwischen 135 und 979 TSD Euro pro Schiff aus.

Und wie sieht es bei den Betriebskosten aus? Wer trägt den Kostenanteil für den teureren Landstrom? Gilt ‘Pay as you go’ als Devise auch für die Reedereien und Touristen? “Um der Gefahr zu begegnen, dass der Hamburger Hafen aufgrund der Mehrkosten Kunden an andere Hafenstandorte verliert, könnte durch den Hafen Hamburg ein Anreizsystem entwickelt werden, das die Kosten für die Reedereien, die den Landstromanschluss nutzen, z.B. durch ein Bonussystem bei den Hafennutzungsentgelten auf das ursprüngliche Niveau zurückführt oder sogar insgesamt zurückführt”, so die Empfehlung des Gutachtens. Bei der Ermittlung der Verbrauchskosten pro Kilowattstunde Strom nennt die Studie 10,1 cent/kWh Kosten als Referenzwert für den heute über den Bord-Verbrennungsmotor erzeugten Strom. Werden die Schiffe auch an den Investitionskosten der Landstromanlagen beteiligt, betragen die Kosten 58,0 cent/kWh, anderenfalls 15,2 cent/kWh. Wesentliche energetische Einsparungen ergeben sich natürlich – so das Gutachten – insbesondere auf den Schiffen selbst durch ein Einsatz von stromsparenden Elementen und Geräten.
In der abschließenden Empfehlung rechnet das Gutachten die Mehr-Betriebskosten auch hypothetisch auf die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe (ohne Umrüstkosten) um: “Bei Umlage auf den Passagier ergäben sich für eine Kreuzfahrt von ca. 1 Woche mit z.B. fünf Anläufen Mehrkosten von aus Landstrom von etwa 10-100 Euro” (je nach Beteiligung an den Investitionskosten für die Anlagen). Und weiter: “Beide Werte liegen damit in einer Größenordnung, die den Passagier wohl eher nicht von einer Kreuzfahrtbuchung abhalten wird.”

 

KOMMENTAR

Haben Sie weiße oder helle Möbel auf dem Balkon oder Ihrer Terrasse in Hamburg stehen? Schlechte Idee! Die Dinger stauben nach drei Tagen zumindest in der Nähe der Elbe zu. Langsam wird Ihnen klar, dass es noch eine andere Dimension von der Dauerfeier auf den Kreuzfahrtschiffen gibt, die Ihnen im Fernsehen mit bunten Urlaubsbildern gezeigt wird. Hamburg hat sich kürzlich auf die Fahnen geschrieben in Sachen ‘Regenerative Energien’ ganz weit vorne mitspielen zu wollen. Gesagt, getan?
Die Argumente für gute Luft erklären sich von selbst. Was ist mit der Hafenwirtschaft? In der Entwicklung umweltbewusster Schifffahrt steckt ein erhebliches Entwicklungspotential, auch für den Technologiestandort Hamburg. Spezialisierte Werften und Zulieferer hätten eine Menge zu tun, um Container- und Kreuzfahrtschiffe auf Vordermann zu bringen, zu warten und Reedereien bei der Umstellung auf solche Technik zu beraten. Diese erheblichen Möglichkeiten erfordern einen konsequenten und mutigen Schritt einer Hafenstadt wie Hamburg nach vorn. Statt Strafzahlungen an die EU abzuführen, sollten Förderprogramme von gleicher Stelle für Investitionen in Anspruch genommen werden. Bedenkenträger in der Hafenwirtschaft sollten die wirtschaftlichen Vorteile einer solchen Maßnahme für den Standort erkennen und lieber schnell für sich reklamieren, als dieses Potential an andere Hafenstädte zu verschenken.

Kurz-URL: http://www.altona.info/?p=53414

geschrieben von am 13 Aug 2012. abgelegt unter Allgemeines, Grüne, Landstrom, Meldungen, News & Meldungen, Politik, Politik Wirtschaft Gesellschaft, SPD, Verkehr und Umwelt, Wirtschaft & Gewerbe. Antworten verfolgen RSS 2.0. Zum Ende gehen und eine Reaktion schreiben.

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