Suchthilfeeinrichtung “Stay Alive” und “ABC” in Altona-Altstadt eröffnet
Altona / Altona-Altstadt. Lange sah es nicht danach aus, als könnte es klappen. Doch die Befürworter haben sich mit breiter Unterstützung der Altonaer Lokalpolitik und Bezirksverwaltung durchgesetzt. Heute wurde die Einrichtung in der Virchowstraße 15, der ehemaligen Gewürzmühle, eröffnet. Die Einrichtungen Stay Alive (Drogen- und Suchtberatungsstelle) und ABC (Assessment- und Behandlungscenter) zogen von der Großen Bergstraße und Davidstraße jetzt an diesen Standort zusammen. Gesundheits- und Verbraucherschutzsenatorin Cornelia Prüfer-Storcks, Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-Rose und Musiker Peter Maffay ehrten die Einrichtung.
Aller Anfang ist schwer, insbesondere wenn es um den Dialog und Ängste der Nachbarn geht. Dies stellen insbesondere soziale Einrichtungen immer wieder fest, so auch hier. Nachdem die Pläne für den Umzug der Suchthilfeeinrichtungen nach Altona-Altstadt auf einer Bürgeranhörung im Juni 2010 bekannt gemacht wurden, formierte sich sofort Widerstand gegen die Ansiedlung. Ein Contra-Bürgerbegehren erreichte zwar zunächst einen Suspensiveffekt, scheiterte jedoch an zu wenig gültigen Stimmen. Die Bezirksversammlung Altona richtete einen ‘Runden Tisch’ ein, der bis heute besteht. “Gute Argumente konnten sich gegen ein Bürgerbegehren und andere Widerstände durchsetzen”, schreiben die Betreiber, die am 1. November jetzt offiziell ihren Einzug in die mit einigem Aufwand eingerichteten Räume feierten. Unmittelbare Nachbarn sind nicht nicht nur das Polizeikommissariat PK 21 oder das Technische Rathaus. Andere Nachbarn zogen sogar bis vor das Oberverwaltungsgericht, um eine Ansiedlung zu verhindern, berichtete der Bezirksamtsleiter in seinem Grußwort. “Doch wir haben zum Glück alle diese Prozesse gewonnen”, sagt Warmke-Rose.
“Wir haben lange an der Realisierung arbeiten müssen”, berichtete Dr. Matthias Angrés vom Kuratorium Jugendhilfe e.V. “Was hier heute eröffnet wird, ist eine angemessene Umgebung umdie Menschen über Lebens- Einstiegs- und Austiegshilfen beraten zu können. Hier bekommen Menschen die Chance, ihr Leben künftig besser in den Griff zu bekommen”, so Dr. Angrés. Die Senatorin betonte die Wichtigkeit dieser Einrichtung, die sechs Jahre um einen neuen Standort kämpfte. Ein anderer wurde bereits versagt. Prüfer-Storcks stellte die Vorreiterrolle von Jugendhilfe e.V. heraus, eine der ersten Einrichtungen in Deutschland, die niedrigschwellige Arbeit in der Drogenszene aufnahm. Konkret bedeutet dies, dass Drogenabhängige, die aufgrund ihrer gesundheitlichen und sozialen Situation gar nicht in der Lage sind, sich einer Suchtbehandlung oder Entwöhnung zu unterziehen, hier durch medizinisch-pflegerische Versorgung unterstützt werden. “2011 wurden im Stay Alive 80.000 Spritzen getauscht”, dies spreche für sich, so die Gesundheitssenatorin. Niedrigschwellige Arbeit sei die Grundlage für jeden weiteren Erfolg. Dies belegten auch Zahlen: Während 1998 in Hamburg noch 132 Drogentote zu verzeichnen waren, starben 2011 insgesamt 57 Menschen infolge von Drogenkonsum. Insgesamt reduziere die Arbeit an dieser Stelle durch Vermeidung von Behhandlungsabbrüchen (Drehtüreffekt) weit höhere Kosten für die Stadt, so Prüfer-Storcks.
Bezirksamtsleiter Warmke-Rose betonte den Zusammenhalt von Politik und Verwaltung in Altona bei dieser Frage. In anderen Bezirken funktioniere Politik und Verwaltungshandeln in solchen Fragen nicht immer so gut, meint der parteilose Warmke-Rose. Trotz einem Wechsel der Mehrheiten in der Bezirksversammlung habe man in dieser Frage zusammengehalten. “Mit solch einer Bezirksversammlung zusammenzuarbeiten macht mich froh und das macht mich auch etwas stolz, über diese Besonderheit hier in Altona”, so Warmke-Rose. Gleichwohl habe es eine Menge Konflikte gegeben. Der Bezirksamtschef bekommt viel Applaus für seine folgende Bemerkung: “Es gibt oftmals starke Bedenken in der Bevölkerung, insbesondere, wenn es darum geht, Menschen sozialer Randgruppen in der eigenen Nachbarschaft unterzubringen. Auch als Bürger finde ich, wage ich zu sagen, dass wir mittlerweile ein Problem haben, wenn gegen die Ansiedlung von Kindergärten, von Hospizen, von Wohnunterkünften, von allen möglichen Arten Einrichtungen sozialer Infrastruktur, Nachbarn in dieser Stadt antreten und manchmal mit doch sehr fadenscheinigen Argumenten versuchen deren Ansiedlung zu verhindern. Das ist schlecht. Ich glaube man muss auch sagen, dass das schlecht ist.”
Christine Tügel, Vorstand Jugendhilfe e.V., betonte den Werdegang der Einrichtung und die deutlich verbesserten Möglichkeiten der Betreuung, die auch Dank der Investition des Vermieters entstanden. Für die zunächst im Bauwagen gegründete Initiative, die sich mit Erlösen aus einem Benefizkonzert von Peter Maffay vor zwanzig Jahren professionalisieren konnte, sei mit dem Einzug ein großer Schritt erreicht. Jetzt können Bedürftige hier zum Selbstkostenpreis eine gesunde Mahlzeit erhalten, einen Kaffee trinken, duschen, Wäsche waschen, Spritzen tauschen und auch in den dafür vorgesehenen Räumen mitgebrachte Drogen konsumieren, berichtet die Sozialarbeiterin. Die Einrichtung ist wochentags bis 19.30 Uhr geöffnet, schließt am Wochenende. Ein prominenter Unterstützer richtet zum Schluss ein paar Grußworte an das Publikum. “Ich wünsche dem Verein alles Gute, denn hier können sich Junkies unter hygienischen Bedingungen einen Schuss setzen”, so Peter Maffay in einer Videobotschaft. “Sie bekommen hier Beratung, ärztliche Beratung und Lebenstraining für den Alltag. Oft wird ein Ausstieg erst dadurch möglich”, weiß der Musiker zu berichten.
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