Praktiker am Rugenbarg in Lurup.
Praktiker am Rugenbarg in Lurup.

Hamburg / Altona / Lurup. Mitarbeitern von Praktiker droht der Verlust ihres Arbeitsplatzes. Deutschlandweit könnten über 15.000 Mitarbeiter von den Entscheidungen des Vorstands betroffen sein, der eine sogenannte “positive Fortführungsprognose” zum gegenwärtigen Zeitpunkt für die Praktiker AG und einzelne Gesellschaften der Unternehmensgruppe verneinte. Auch Sanierungsfinanzierungen seien gescheitert. Es ist “neben dem Insolvenzgrund der Überschuldung ist auch die Zahlungsunfähigkeit der Praktiker AG gegeben”, so die Mitteilung der Baumarktkette, die erst Anfang 2012 mit einem Umzug und Sozialplan die Zusammenlegung der Zentralen nach Hamburg forcierte. Am Donnerstag ging der Insolvenzantrag für acht Tochtergesellschaften der Praktiker AG beim zuständigen Amtsgericht ein.

Die Verhandlungen über zunächst Erfolg versprechende weitere Sanierungsfinanzierungen seien am Mittwochabend gescheitert, weil einzelne Gläubigergruppen diesen nicht zugestimmt hätten. Eine “alternative Finanzierungslösung war auch notwendig geworden, nachdem die Veräußerung der Anteile an der luxemburgischen Tochtergesellschaft Bâtiself S.A. kurz zuvor wegen Gremienvorbehalten auf Seiten des Käufers nicht abgeschlossen und somit die erwarteten Erlöse aus dem Verkauf nicht realisiert werden konnten. Diese Erlöse waren im Finanzierungskonzept aus dem Jahr 2012 fest eingeplant”, so das Unternehmen.

In Hamburg-Altona ist in Lurup die Filiale Am Rugenbarg von Praktiker betroffen. Bei einem Orttermin am Donnerstag zeigten sich Mitarbeiter zugeknöpft, haben natürlich in dieser Situation Angst um ihren Arbeitsplatz. Etwas weiter die Straße runter ist Max Bahr. Betroffen sei diese Tochtergesellschaft mit seinen derzeit 132 Märkten in Deutschland und das Auslandsgeschäft nicht, so das Unternehmen. Klar ist, man plant im Rahmen des Verfahrens weiter die Sanierung, denn „die Praktiker- sowie die extra-BAU+HOBBY-Märkte sollen im Rahmen eines vorläufigen Insolvenzverfahrens fortgeführt werden“, so der Vorstand in einer erneuten Mitteilung am Donnerstag.

Der Praktiker-Konzern hatte nach eigener Darstellung im Mai 2012 einen harten Restrukturierungskurs eingeschlagen, der im Kern die Umstellung eines Großteils der Praktiker-Baumärkte auf die „höher positionierte und ertragsstärkere Marke Max Bahr“ vorsieht. Das neue Konzept habe sich bereits in ersten Schritten am Markt etabliert. „Bis Ende März 2013 habe das Unternehmen 54 Märkte umgestellt. Die neuen Max-Bahr-Märkte erzielen seit der Umstellung deutlich höhere Roherträge“, so das Unternehmen.


15.000 Mitarbeiter – das sagt die Gewerkschaft

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Praktiker waren bereit, für drei Jahre auf jeweils rund fünf Prozent ihres Jahresgehaltes zu verzichten als wichtigen Baustein für eine gesicherte Zukunftsperspektive von Praktiker. Umso bitterer ist es, dass nun in der Folge der Insolvenz viele der Menschen ihren Arbeitsplatz und damit ihre berufliche Existenz verlieren könnten“, so Stefanie Nutzenberger von Verdi.

Man werde das weitere Verfahren in der Insolvenz in enger Abstimmung mit den Betriebsräten begleiten und im Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Sicherung von möglichst vielen Arbeitsplätzen auch in den zuständigen Gremien mitwirken. Darüber hinaus werde man die Beschäftigten so rasch wie möglich über die möglichen Folgen des Insolvenzverfahrens und die weiteren Schritte informieren, betonte Nutzenberger.

Ziel müsse die sogenannte Insolvenz in Eigenverantwortung sein. Diese biete eher die Möglichkeit, viele Arbeitsplätze zu retten, während bei einer Insolvenz im Regelverfahren die Zerschlagung des Konzerns drohe, was der Vernichtung vieler Existenzen gleichkommen würde. Durch die Insolvenz in Eigenverantwortung besteht die Chance, dass die wirtschaftlich zu führenden Filialen des Gesamtkonzerns erhalten werden können und damit mehr Menschen in Beschäftigung bleiben. Dies wird jedoch vom weiteren Verfahren abhängen.


Chancen auf Sanierungsfinanzierung?

Unterdessen wurde bekannt, dass Praktiker auch mit Unterstützung durch Behörden in Hamburg rechnen kann. Die Ankündigung des Vorstands und das konsequente Handeln binnen der zurückliegenden Tage könnte auch als klarer Warnschuss an die Gesellschafter zu verstehen sein. Das Unternehmen kann offenbar belegen, dass der bereits eingeschlagene Sanierungskurs auch kaufmännisch funktioniert – das dürfte die Insolvenzrichter überzeugen.

Immer wieder betonte das Unternehmen, dass es nicht gelungen sei, eine tragfähige Anschlussfinanzierung zu finden. Im Mittelpunkt: Es gelang nicht, Anteile an der luxemburgischen Tochtergesellschaft bâtiself termingerecht zu veräußern, so das Unternehmen. „Zwar hatte der Vorstand eine Finanzierungsvereinbarung mit britischen und österreichischen Geldgebern ausgehandelt, jedoch scheiterte der Abschluss am Widerstand wesentlicher Gläubigergruppen. Damit war die Grundlage für eine positive Fortführungsprognose des Unternehmens entfallen“, so der Vorstand in der Pflichtmitteilung.

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