Schule-Altona
Lernen, lernen, lernen. An vielen Gymnasien bleibt der Jugend kaum noch Zeit für die Jugend.

Hamburg. Die Volksinitiative „G9-Jetzt!“ hat mehr als 16.000 Unterschriften eingereicht und damit – sollen davon 10.000 gültig sein – die erste Stufe der Volksgesetzgebung absolviert. Jetzt muss sich auch die Bürgerschaft damit beschäftigen, ob es in Hamburger bei einer Verkürzung der Gymnasialzeit bleiben soll oder nicht. Es könnte zu einem neuen Volksentscheid über die Schulpolitik in Hamburg kommen.

Das Bestreben zahlreicher Eltern ist, die erst kürzlich umgesetzte Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien wieder abzuschaffen, genauer gesagt, Schulen die Wahlfreiheit zu lassen. Die CDU-Bürgerschaftsfraktion sehe sich jetzt bestärkt darin, Sorgen und Nöte von Schülern, Eltern und Lehrern im Zusammenhang mit der achtjährigen Gymnasialzeit ernst zu nehmen. „Wir werden uns konstruktiv beteiligen und stehen für Gespräche mit der Initiative und entsprechende Beratungen in der Bürgerschaft zu möglichem Reformbedarf zur Verfügung. Dabei werden wir aber auch die Interessen der Schüler, Eltern und Lehrer an den Gymnasien, die die achtjährige Schulzeit beibehalten wollen, und die Schüler, Eltern und Lehrer an den Stadtteilschulen im Auge haben“, sagt Karin Prien, schulpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion. Wenn der Senat einen überparteilichen Konsens zu dieser Frage erreichen wollte müsse er jetzt die Oppositionsfraktion in der Bürgerschaft in die Gespräche mit der Initiative einbeziehen, fordert die CDU.

Seit dem Start am 15. Mai hatten die Eltern der Volksinititiatve sechs Monate Zeit, die Unterschriften für ihre Forderung, die Wiedereinführung des G9 an Hamburger Gymnasien mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9, zu sammeln. Vertrauensleute der Volksinitiative sind deren Sprecherin, Dr. Mareile Kirsch, Journalistin und Mutter von zwei Kindern, Dr. Eva Terhalle Aries, Ärztin und Mutter von drei Kindern, sowie der IT- Spezialist Ulf Ohms, Vater von zwei Kindern. Gemeinsam mit weiteren Mitstreitern reichten sie am Montag Unterschriften im Rathaus an Vertreter der Senatskanzlei übergeben.

LINKE: „G9 gibt es schon jetzt – an den Stadtteilschulen“

„In Hamburg können Schülerinnen und Schüler schon jetzt das Abitur nach neun Jahren machen – an den Stadtteilschulen“, erklärte Dora Heyenn, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft nach Abgabe der Unterschriften. „Jetzt will die Initiative ‚G9-Jetzt-HH‘ das Abitur nach neun Jahren auch an Gymnasien wieder einführen. Wenn das geschehen sollte, gäbe es allerdings auch keinen Grund mehr, die künstliche Trennung zwischen Stadtteilschulen und Gymnasien mit all ihren negativen Folgen aufrechtzuerhalten“, meint die LINKEN-Politikerin.

Für die FDP sei eine Entrümpelung der Schulpläne und eine Stärkung der Stadtteilschulen wichtig, äußerte die  stellvertretende Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion Anna von Treuenfels. Die vielen Unterschriften würden beweisen, dass der „Druck im G8 nach wie vor als zu hoch wahrgenommen wird“, so die Abgeordnete. „Viele Schüler, Eltern und Lehrer erwarten, dass die 34-Wochenstunden-Grenze eingehalten und Bildungspläne wie Curricula weiter entrümpelt werden. Auch die Stadtteilschule braucht dringend mehr Unterstützung, um mit ihrem neunjährigen Weg zum Abitur mehr Akzeptanz zu erreichen, vor allem bei den Eltern“, kommentierte von Treuenfels. Der Schulsenator dürfe es jetzt allerdings nicht bei Ankündigungen belassen. „Nicht nur die Unterzeichner der G9-Initiative sondern alle Schüler, Eltern und Lehrer sowie auch die FDP-Fraktion erwarten, dass er nun aktiv wird, um den Druck aus den acht Jahren bis zum Abitur zu nehmen.“

Mit einem Volksentscheid über die Frage ist frühestens 2015 nach der Bürgerschaftswahl zu rechnen.

 

KOMMENTAR

Schafft Hamburg den Durchbruch und ‚denkt Schule neu‘?

An etwa 70 Gymnasien in Hamburg gilt derzeit G8. Schüler hätten keine Zeit für Hobbys oder würden unter enormem Leistungsdruck leiden, so die Kritik der G9-Befürworter. Auch der komprimierte Schulstoff verleite eher dazu, insgesamt weniger zu lehren. Klar ist auch, dass die Verkürzung der Schulzeit kurzfristig betrachtet Geld spart. Die Kritik an der Aufrechterhaltung von zwei kaum unterscheidbaren Schulbezeichnungen, die der „Stadtteilschule“ und des „Gymnasiums“, ist nicht von der Hand zu weisen. Beide Einrichtungen führen zu den selben Abschlüssen.

Der so genannte ‚Schulfrieden‘ wird in Hamburg bald vom Tisch sein. Doch im Gegensatz zu einer klassischen Entweder-Oder-Entscheidung könnte hier jetzt die Chance für die Entwicklung eines neuen Schulmodells stehen. Am Ende könnte die Schule neu gedacht werden, wie es etwa Philosoph Richard David Precht, fordert. Zentral ist etwa seine Forderung nach einer Auflösung der Jahrgangsstufen und Einführung von projektspezifischem Lernen. Vorbild könnte hier das Scheinsystem an Hochschulen sein. Erreicht ein Schüler entsprechende Qualifikation in verschiedenen Fächern, kann er sich zu einer Prüfung anmelden. Kommt es am Ende eines Kompromisses zu einer solchen Neuordnung, könnte ein neues Hamburger Schulsystem Modellcharakter für viele weitere Länder haben. (cz)

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