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„Refugees welcome“: Der Lutherpark – Seit 80 Jahren Seniorenheim. Jetzt sollen hier ab Sommer 330 Wohnungslose und Flüchtlinge untergebracht werden. Der Mietvertrag laufe bis zum Abschluss der Arbeiten am A7-Deckel.

Altona / Bahrenfeld. Pflegen und Wohnen Hamburg GmbH, das 2007 privatisierte Unternehmen (90 Mio. Euro Jahresumsatz, 1.700 Mitarbeiter), muss seine Bewohner aus dem Lutherpark „aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit“ nach eigenen Angaben umsiedeln. Man schloss einen Vertrag mit „Fördern und Wohnen“, dem städtischen Träger für die Unterbringung Wohnungsloser und Flüchtlinge. Statt Seniorenheim sollen auf dem Gelände am Holstenkamp nun ebenfalls Hilfsbedürftige untergebracht werden. Offenbar ist dies  wirtschaftlicher, denn die städtische Anstalt öffentlichen Rechts zahlt genügend Miete, während Objekte und Grundstück weiter im Eigentum des Pflegeunternehmens bleiben. Bewohner wurden jetzt erst nach der Entscheidung, Unterschrift und Vorstellung im politischen Gremium in Kenntnis gesetzt und erfuhren von ihrem Schicksal zuerst aus der Zeitung (ALTONA.INFO berichtete exklusiv aus dem Hauptausschuss).

Die ‚Randnotiz‘ bei der Vorstellung, dass eben ein paar Senioren (laut Pflegeheim sind es noch 148 Menschen) umgesiedelt werden müssten, wirft kein gutes Licht auf das Management. Am Rande der Gesellschaft sind die Pflegebedürftigen so schwach, dass sie nicht mal mehr vorher gehört werden, geschweige denn, sich nach Verkündung wehren können. Unterschriften sammeln die älteren Damen und Herren mit Rollatoren in der Fußgängerzone jedenfalls zu keinem Bürgerbegehren mehr. Die Tinte unter den Verträgen ist trocken – kaum vorstellbar, dass sich daran noch etwas ändern wird. Man plane jetzt „eine Informationsveranstaltung am 20. Februar“ und wolle Angehörige wie Bewohner beraten, damit die „Belastungen aus dem Umzug“ für sie so gering wie möglich ausfallen.

Was passiert nach Fertigstellung des A7-Deckels?

Es geht schließlich um eine Menge Geld, um Grundstücke, Bodenwert, neue Baugebiete. Mit dem Bau des A7-Deckels wird die ganze Region rund um den Holstenkamp aufgewertet werden. Es kommt viel Neubau hinzu. Bei einem Ortstermin fällt auf, dass zur Zeit etliche Häuser im direkten Umfeld des Lutherparks saniert und teilweise neu errichtet werden. Überall wird gebaut. Das macht bereits jetzt Druck auf das Umfeld. Die Bindung für die Flüchtlingsunterbringung laufe bis zum Abschluss der Baumaßnahme am A7-Deckel, berichteten die Vertreter von BASFI und Fördern und Wohnen am 13. Februar. Und dann? Parzellierung, Verkauf und Umwandlung zu kleinteiligem Wohnraum? Das Geschäft dahinter wäre in Zahlen noch interessanter als die kurzfristige Kapitalisierung.

Besonders überrascht gaben sich Politikerinnen und Politiker im Hauptauschuss nicht über die Maßnahme. Man begrüßte eine Lösung für Flüchtlinge grundsätzlich. Der Druck für deren Unterbringung ist enorm. 1.200 Plätze mehr als noch im letzten Jahr angenommen, müssen in Hamburg kommen. Wieso nicht auch in anderen Gebieten Altonas? Es wird in solchen Verhandlungen immer der Weg des geringeren Wiederstands gegangen. Hier trifft es 148 pflegebedürftige Menschen, die zur Zeit im Lutherpark untergebracht sind. „Auf Wunsch wird für jeden Einzelfall eine geeignete Einrichtung ausgewählt, in der befreundete oder verwandte Bewohner gemeinsam leben können“, schreibt Pflegen und Wohnen auf Anfrage von ALTONA.INFO. „Für die Bewohner bedeutet der Umzug an einen anderen Standort eine erhebliche Verbesserung ihrer Situation“, wird behauptet. „An unseren anderen Standorten können sie spürbar besser betreut werden“, so das Unternehmen.

Dass dies alles so sein soll, hat sicherlich viele Bewohner überrascht. Schließlich macht das Pflege-Unternehmen bis heute Werbung für den Standort Lutherpark und schreibt zu „Mein Zuhause im Grünen“: „Seit über 80 Jahren sind hier Menschen für andere Menschen da. Die Mitarbeiter von Pflegen und Wohnen Lutherpark fühlen sich der langen Tradition verpflichtet.“

Die Pläne zur Bebauung und Organisation des Areals wurden am 13.02. vorgestellt.
Die Pläne zur Bebauung und Organisation des Areals wurden am 13.02. vorgestellt.

Update vom 20.2.2014, 9:45 Uhr:

Pflegen und Wohnen Hamburg GmbH hat unsere Redaktion aufgefordert, zwei Angaben zu dem o.g. Beitrag zu korrigieren. Wir schrieben über 129 Personen, die im Lutherpark leben. „Nach heutigem Stand handelt es sich um 148 Bewohner“, schreibt das Unternehmen.

Weiterhin hatten wir aus den uns vorliegenden Informationen nicht deutlich entnommen, ob auch sämtliche Kosten für Angehörige und Bewohner übernommen werden, die mit dem Umzug verbunden sind. Pflegen und Wohnen Hamburg GmbH bittet auch hier um Korrektur: „Tatsächlich sichern wir in der Pressemitteilung vom 17.2.14 ausdrücklich eine Übernahme aller Kosten sowie der gesamten Umzugsorganisation zu, die im engen und individuellen Austausch mit den Bewohnern und deren Angehörigen erfolgt“, so das Unternehmen.

 

14 KOMMENTARE / LESERBRIEFE

  1. Wer nicht möchte, dass die alten und pflegebedürftigen Bewohnerinnen und Bewohner des p+w-Pflegeheims Lutherpark in Hamburg-Bahrenfeld in entwürdigender Weise geradezu auf das Abstellgleis geschoben werden, der kann jetzt mit ganz geringem Aufwand aktiv etwas tun.

    Wer gerade auch diesen fast wehrlosen, aber nicht ehrlosen Menschen das Recht auf Heimat und ein behagliches Obdach zugesteht, wie es ihren Bedürfnissen entspricht, wer möchte, dass diese Menschen ihren Lebensabend geborgen und in einem relativ vertrauten letzten Zuhause verbringen können, in dem vielfach auch Freundschaften geschlossen wurden, der kann sich jetzt an einer sog. Onlinepetition im Internet für die unser aller Schutz verdienenden Altvorderen dafür einsetzen:

    https://www.openpetition.de/petition/online/protest-gegen-die-schliessung-des-alten-und-pflegeheims-von-pflegen-wohnen-lutherpark

    Bitte unterschreiben auch Sie!

    Gerade auch jüngere Menschen sollten sich gerne angesprochen fühlen – die Jungen von heute sind die Alten von morgen!

    Und: Die wahrhaft soziale Einstellung einer Gesellschaft offenbart sich vor allem auch am Umgang mit ihren alten, pflege- und schutzbedürftigen Menschen.

  2. Es ist wirklich erschreckend und empörend, wie hier alte, pflegebedürftige und den Schutz von uns allen verdienende Heimbewohnern als Manövriermasse behandelt werden. Dies lässt auch Schlimmes für den künftigen Umgang unserer Gesellschaft mit alten und pflegebedürftigen Menschen befürchten. Wehret den Anfängen!

    Auch das „Hamburg Journal“ des NDR, die „Hamburger Morgenpost“, das „Hamburger Abendblatt“ und die Tageszeitung „Die Welt“ berichten:

    http://www.mopo.de/nachrichten/senioren-muessen-weichen-pflegeheim-soll-fluechtlings-unterkunft-werden,5067140,26442882.html

    http://www.abendblatt.de/hamburg/article125403642/Behoerde-hebelt-Standortgarantie-fuer-Pflegeheim-aus.html

    http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article125398323/Fluechtlinge-statt-Senioren-Widerstand-gegen-Heimschliessung-waechst.html

  3. Die Bewohner sollten eine Kündigung ihrer Verträge nicht hinnehmen. Das WBVG setzt hohe Hürden für eine Kündigung.
    Das Unfassbare ist, dass im Privatisierungsvertrag 2007 eine Standortsicherung für 20 Jahre vereinbart ist. Und da stellt sich der SPD Senat hin und behauptet (wahrheitswidrig)man könne gegen die Schließung nichts machen. Lest die Senatsdrucksache 18/4856.

  4. Menschenwürde auch für Bahrenfelder Pflegeheimbewohner!

    Es ist ein einziger Skandal: Der Heimbetreiber „Pflegen und Wohnen“ drängt hilflose alte Menschen (zum Zweck der Gewinnmaximierung?) aus ihrem Alterswohnsitz, und Teile der Politik, die Kirchen, Wohlfahrtsverbände sowie die Hilfeindustrie schweigen dazu. Das ist zynisch und beschämend zugleich!

      • Danke für den Hinweis, Herr Woywod, aber ich habe sehr wohl den Artikel gelesen.

        Bitte vor einem Verriss meines Kommentars jenen auch GENAU lesen – da steht ausdrücklich DIE Kirchen.

        So löblich und wichtig das Engagement von Pastor Begas und seinen Mitstreiter(inne)n unmittelbar vor Ort auch ist: Wo bleibt der Protest der Leitungsebene der sich sonst zu allen möglichen – auch weit außerhalb ihrer Kernkompetenz liegenden – Themen meldenden Nordkirche? Da sind mir von dem Landesbischof Herrn Ulrich oder der Bischöfin Frau Fehrs bisher leider keine Stellungnahmen bekannt, auch von der katholischen Kirche und den anderen Religionsgemeinschaften nicht.

        Schade, aber was nicht ist, das kann ja noch werden. Herr Landesbischof Ulrich, Frau Bischöfin Fehrs, bitte übernehmen Sie! Die alten und pflegebedürftigen Menschen, die unser aller Schutz bedürfen, werden es Ihnen danken.

  5. Die Umzugskosten werden zwar übernommen. Allerdings werden die Bewohner gezwungen nach dem Umzug in die anderen Heime der Pflegen und Wohnen GmbH einen neuen Heimvertrag zu unterzeichnen, der mit erheblichen monatlichen Mehrkosten verbunden ist. Der wirtschaftliche Druck wird in vielen Fällen dazu führen, dass sich die alten Menschen bzw. die Angehörigen in der unglaublich kurzen Zeit von 2 Monaten um eine andere akzeptable und finanzierbare Pflegeeinrichtung zu kümmern.

  6. Ich bin schon immer der Meinung, das für private Träger nicht die Hilfe für Bedürftige und sozial schwache Menschen im Vordergrund steht, sondern wirtschaftliche, auch wenn diese letztendlich wiederum steuerfinanziert sind. Da hat sich im Laufe der Zeit eine „Sozialindustrie“ entwickelt, die sich ja auch so schön manifestieren lässt, weil Kritik daran ja auch gleich als kaltherzig und asozial diffamiert wird. Dabei sind die asozialen die Sozialverbände und deren Vertreter, denen es lediglich um die eigenen Interessen geht.

  7. Pflegen und Wohnen Hamburg GmbH ist ein Unternehmen mit meiner Meinung nach unsäglicher Kommunikationspolitik. Wir als Angehöriger und Betreuer sind bis zum heutigen Zeitpunkt nicht über die Schließung informiert worden, noch über irgendetwas in diesem Bezug. Dass die Presse per 17.02. schon informiert wurde spiegelt die asoziale Art des Unternehmens wieder. „Im engen und individuellen Austausch mit den Bewohnern und Angehörigen“ ist ja wohl die größte Lüge und Frechheit. „Kassieren und Entsorgen“ wäre vielleicht richtig als Firmenbezeichnung.

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