HappyBirthday

GLOSSE.

Hamburg, usw. Wie sozial ist eigentlich das “Soziale Netzwerk”? Eine Frage, die einige zu ergründen suchen, während sich andere daran weniger stören zu drauflosliken, bis das Netzwerk explodiert. Es geht um den Geburtstag. Eines der heiligen Dinge. Irgendwie hat sich über lange Zeit eingebürgert, dass dieser Tag der eigenen Geburt gefeiert wird. Mit guten Freunden, Familie und Bekannten.

Zu Jahresbeginn juckt es in den Fingern. Wie wäre es mit: “Hiermit gratuliere ich allen, die dieses Jahr …” Weniger Aufwand, aber nicht treffsicher genug. Ein vorträglicher Gruß soll schließlich sogar noch Unglück bringen. Plan-B muss her.

Recherche in der App-Welt. App Nr. 295 für mein vollgestopftes Apple-Gerät, für das kaum Steuern anfallen. Anderes Thema. Eine Happy-Birthday-Automatisierungs-App (HBAA), ausgestattet mit passgenauen Zufallsgenerator-Sprüchen zum Geburtstag auf Basis von Persönlichkeitsvariablen? Nicht gefunden! Wo bleibt das hippe Social-Media-Startup hierzu?

 

Hier ist der Businessplan

Neugründer ohne eigene Ideen aufgepasst! Hier wird jetzt die nächste Milliarden-Idee verraten: Die ‚HBAA‘ stellt dem Nutzer Fragen, natürlich erst nachdem die Freundeslisten aus allen Netzwerken importiert wurden. First-Mover-and-Early-Adopter-Strategy: Peter hat das gemacht, Melanie auch – sie hatten ein Invite – hört-hört, das geht ab. Einmal in den Club invited, geht der User sein „Freunde“ durch, bestimmt das, was gute CRM*-Software für Vertriebsprozesse schon lange kann: Anredeform per Sie, per Du oder per ‘Digga’ (für Norddeutschland). Darauf folgen Ausschlussfragen, etwa zum Krankheitsbild oder ökonomischen Zustand: Lieblingsspeisen, Reiseorte, Einkommensschätzung nicht vergessen. Der Autotextgenerator will mit weiterführenden Produktempfehlungen schließlich nicht daneben liegen. Per Sofort-Abfrage scannt das System bei jeder Eingabe die Datenbank und prüft Variablen gegen Angaben von Dritten über die Person. “Peter schätzte, dass Melanie 140kg wiegt.“ Richtig oder falsch? Aktuell mehr oder weniger? – fragt die Maschine – Zum Schluss das Liken nicht vergessen. Jetzt ist der User Member und bekommt einen Badge. Ab 100-Gratulationen gibt es einen 5 Euro Gutschein. Bis auf die neue Freunde-Akquise muss man dafür nicht viel tun. Das System gratuliert in den nächsten Jahrzehnten schließlich automatisch.

 

Geburtstag im Selbstversuch rückprivatisiert

Zu diesem Businessplan gehört natürlich eine Portion ‚Betroffenheit‘. Gerade hatte ich Geburtstag und meine Angaben darüber aus dem Public-Private-Partnership mit Facebook per Click rückprivatisiert. Niemand, außer mir selbst, konnte sehen, wann ich geboren bin. Und ich ahnte ja nicht …

Anlass war eine schleichende Verwunderung über die Jahre zu diesem Thema. Wer so alles von den „Freunden“ meinte, aus heiterem Himmel zum Geburtstag gratulieren zu müssen. In die Gratuliererei mischten sich Personen, die ich noch nicht ein einziges Mal persönlich gesehen hatte. Bei vielen waren es die einzigen kommunikativen Kontakte in nahezu immer gleicher Grußmanier. „Bon Anniversaire“, „Herzlichen Glückwunsch“, „Happy Birthday“.

Nach Jahren der ebenfalls immergleichen Dankesagung (es hat mich wirklich sehr gefreut, dass so viele Leute an meinen Geburtstag gedacht haben) ging ich in einem Selbstversuch den Schritt und privatisierte meinen Geburtstag. Plötzlich blieben Unbekannte aus, aber sogar richtig gute Freunde und Verwandte! Anrufe, SMS, ein paar Postkarten, einen Besuch. Das gab es alles wie üblich. Aber es fehlten Kandidaten.

Muss es sein, dass man Erinnerungen an Funktionen einer Software koppelt? Stumpft man derart ab und nun die entscheidende Frage: Ist das “sozial” interessant oder verführt das „Soziale Netzwerk“ nicht zum Gegenteil? Im Selbstversuch ist für mich nachgewiesen: Der Mensch ist bequem. Das Gedächnis wird in eine Datenbank ausgelagert. Die Beschleunigung digitaler Medien schafft zwar mehr Raum für viel mehr „Freunde“, hinterlässt aber gleichzeitig weniger Raum für eine gute Kontaktpflege.

Verlass ist auf die Technik, etwa E-Mails aus den *Customer-Relationship-Management-Tools von Banken, Versicherungen und anderen. Sie sind die ersten, die gegen 0:01 Uhr mit „Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch“ ihre Werbebotschaft verknüpfen. Es gibt auch Leute, die halten Geburtstage im steigenden Alter nicht mehr für besonders erwähnenswert. Auf der anderen Seite dürfte feststehen, dass gerade Jugendliche die Anzahl von Geburtstagsgratulationen ganz anders beobachten und interpretieren. Wem nicht besonders nett gehuldigt wird, wer nicht hunderte von „Freunden“ hat, ist kein Held in den „Sozialen Netzwerken“. Muss er das denn? In unserer beschleunigten Welt wird es Zeit für einen kritischeren Blick auf die vermeintlich „Sozialen Netzwerke“. Ein anderes Beispiel: Ich erinnere mich zu gut an einen Vater´, der in üblichen Apple-Store-Schlage am Jungfernstieg Stunden verbrachte. Darauf angesprochen meinte er, er stehe hier, damit die Tochter „wieder mithalten“ könne.

 

Social-Business as usual

Firlefanz! Zurück zum „Social-Business“. Lassen Sie uns ins Geschäft kommen! Es wird höchste Zeit für den Kickoff der weltumspannenden Geburtstags-App. Eine Pressekonferenz, lieber doch ein „Viral“ zur Markteinführung. Wir kaufen noch ein paar Youtuber und Product-Blogger für ein Placement ein. Programmierer arbeiten seit Monaten, entcoden den zwischenmenschlichen Geburtstagsalgorithmus, kritzeln die bek(n)ackte geknackte Formel auf. Dann werden ein paar Praktikanten eingestellt und Junior Business Developer Visitenkarten gedruckt. Bei dem ersten Exit nach zwei Jahren kaufen Platzhirsche die App für Milliarden. Zuckerberg schlägt sicher zu, frei nach Claim: “Danke, dass Du uns dabei hilfst, die Welt für alle noch transparenter und vernetzter zu gestalten.“ (“thank you for helping us to make the world more open and connected” (Zuckerberg)).”

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