In eigener Sache…

Buch-Ende
Die ’schöne digitale Welt‘. Sich den Herausforderungen stellen, bedeutet nicht, sich jedem Mechanismus auszusetzen.

Wie unsere Leserinnen und Leser festgestellt haben, verweisen wir schon seit mindestens zwei Jahren nicht mehr aktiv auf unsere “Facebook-Seite”. Ein aktives Zuführen von Lesern findet nicht statt. Der Algorithmus des Netzwerkes erlaubt es vom Facebook-Seitenprofil ausgehend nicht mehr (hier bewusst nicht verlinkt), Leserinnen und Leser in einem adäquaten Umfang zu erreichen. Zuletzt lag die Auslieferungsquote hier bei etwa zehn Prozent gemessen an den sogenannten “Fans”. Pro 1.000 Abonnenten des Profils werden unsere Beiträge damit lediglich bei 50-100 Personen eingeblendet. Die Zeit der Nutzbarkeit als Marketinginstrument, insbesondere um neue Leserinnen und Leser auf sich aufmerksam zu machen, nimmt stetig an Bedeutung für uns ab. Nach fünf Jahren erschöpft sich schließlich auch für eine Lokalzeitung der Bedarf, in dem geografisch festgelegten Umfeld neue Bürger erreichen zu können. Der Raum mit 250.000 Einwohnern in Altona ist zwar groß, aber nicht endlos. Wir müssen unsere Ressourcen in Zukunft auf andere Dinge konzentrieren.

Redaktionelle Inhalte, die wir in die Börse einstellen, sind eine Bereicherung für den Anbieter „Facebook“ selbst, zumal es im Gegensatz zu der vielen Werbung journalistische Beiträge sind, hinter denen ein Aufwand steht. Statt dies anzurechnen, erwartet das US-Unternehmen seit etwa zwei Jahren, dass Verlage sogar Werbegeld bewegen, um eigene Inhalte sichtbar zu machen? Solche Marketingkosten, da über den EU-Sitz Irland abgerechnet, führen noch zu besonderem Buchhaltungsaufwand, denn Umsatzsteuern müssen an eine Bundesstelle gemeldet werden. Davon unabhängig führen Werbeeinnahmen aus dem deutschen Markt nicht prioritär zu Beschäftigungsverhältnissen im Heimatmarkt. Ein wichtiger arbeitsmarktpolitischer Grund unseres eigenen Bestrebens ist schließlich die Schaffung von Arbeitsplätzen in Hamburg.

Unsere Aktivität (und die vieler anderen Medien) stärkte bisweilen die Attraktivität dieses Wettbewerbers in dem Digitalmarkt. Wir machen keinen Hehl daraus, dass uns dies im Aufbau auch mal nützlich war, jedoch immer weniger hilft. Durch die aktuelle Umgestaltung von Facebook und entsprechende Übernahmen anderer Dienste (etwa Whatsapp) wird aus unserer Sicht jetzt auch die strategische Ausrichtung deutlicher. Facebook nimmt durch eine überarbeitete Form der Präsentation von Fremdinhalten und mehr Werbung aus unserer Beobachtung jetzt selbst viel stärkeren inhaltlichen Einfluss. Redaktionelle Momente werden anders gewichtet, teilweise um andere Inhalte ergänzt. Das Angebot ist schon lange kein reiner Funktionsdienst mehr, sondern – ähnlich wie Google bei etlichen Diensten – Anbieter verlagstypischer redaktioneller Informationen.


Redaktionelle Gründe für unsere “Diät”

Aus journalistischer Sicht führt der “Like-Mechanismus” zu grundsätzlichen Problemen in der Ausübung des beruflichen Regelwerkes, etwa dem Trennungsgebot von Werbung und Redaktion. Aus Hintergrundgesprächen wissen wir, dass einzelne Politiker auf Basis einer Like-Popularität bereits Rückschlüsse auf eigene Aktivität ziehen. Über Mechanismen unaufgeklärte Leserinnen und Leser werden häufig fehlgeleitet informiert und assoziieren mit der angeblichen Beliebtheit auch eine inhaltliche Richtigkeit. Der Mechanismus selbst, der regelhaft Beiträge zu Trendthemen fördert, ist kritisch zu bewerten. Themen, die für Leserinnen und Leser aus unserer Einschätzung sogar wichtiger sind, gehen unter.

Leserinnen und Leser unserer Lokalzeitung sind zum Glück für solche Effekte nach unseren Beobachtungen weniger anfällig. In der Verhaltensforschung spricht man auch von einem Bandwagon-Effekt (Mitläufereffekt) – der Bereitschaft sich Handlungsweisen nur auf Grundlage der Handlungsweise anderer Personen anzuschließen. Über den Follower-Mechanismus hatten wir ein Stück im Glossar verfasst.

Reichweitenmessung: Was in der Welt von gedruckten Zeitungen eine unbestimmbare Variable ist (wer kann schon wissen wie viele Leser den Artikel auf Seite 17 tatsächlich gelesen haben?), wird in der digitalen Welt transparent. Wenn Themen weit überwiegend auf Basis ihrer massentauglichen Popularität Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen nehmen, sogar den Inhalt des Angebotes dominieren (man spricht auch von suchmaschinenoptimierter Publizität, Keyword-Journalismus), dann gefährdet dies aus unserer Sicht auch die innere Pressefreiheit einer Redaktion. Ein journalistisches Produkt sollte sich nicht einem Zähl- oder Abrechnungsmechanismus einzelner Themen verschreiben und sich darauf ausrichten. Faktisch kann die Beliebtheit eines Themas nicht maßgeblich für die Arbeit in der Redaktion sein. Gesellschaftspolitisch relevante Themen, müssen entsprechend gewürdigt werden und auch wahrnehmbar bleiben.

Es ist keine Kunst, Beiträge herzustellen, die etwa aufgrund ihrer Beschaffenheit im verkürzten Ausdruck und der reißerischen Bildsprache dazu geeignet sind, viele Leserinnen und Leser zu erreichen. Das sind schließlich bestens bekannte Mechanismen der Werbung. Es ist auch keine Kunst, ein Medienangebot so aufzubauen, dass viele zählbare Zugriffe auf den selben Inhalt entstehen (Bildstrecken, langgestreckte mehrseitige Artikel, inhaltsidentische Beiträge mit anderen Überschriften, Kommentarspalten). Sogenanntes Usertracking- und Analysemethoden, etwa die durch Google-Dienste wie Analytics, sind daher seit Jahren aus ähnlichen Gründen bei ALTONA.INFO gesperrt bzw. nicht integriert.

Auch die Interaktion zwischen uns als Redaktion und unseren Lesern ist aus unserer Sicht fehlgeleitet. Die Kommentarfunktion unter Beiträgen bei Facebook kann bisweilen von uns nicht adäquat moderiert werden. Dem Archiv unserer Zeitung gehen im Kontext des jeweiligen Beitrages alle Kommentare in dem Netzwerk verloren. Wertvolle Hinweise von Leserinnen und Lesern landen schlicht in einem anderen Medienangebot. Es sprechen auch datenschutzrechtliche Belange dafür, Leser nicht in dieser Weise mit der Software zu konfrontieren.

Aus den beschriebenen Gründen und auch Gründen des Datenschutzes sagen wir ab heute auf unbestimmte Zeit Adé zum “Like”-Button unter redaktionellen Beiträgen. Für Interaktion steht weiterhin das Kommentarfeld unter Beiträgen und für Anregungen das Formular für Themenvorschläge zur Verfügung. Nutzen Sie auch gerne in Zukunft verstärkt unseren E-Mail-Newsletter. Hier kann unsere Redaktion sicherstellen, dass Abonnenten entsprechende Informationen erreichen.

Letzte Anmerkung: Dass wir hier unsere Aktivitäten zurückfahren, bedeutet natürlich nicht, dass wir nicht weiter Informationen aus unterschiedlichen Quellen recherchieren oder auch entsprechend mal auftauchen.

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