"Unser Bruder stirbt und die USA schauen zu" lautete einer der zentralen Vorwürfe.
„Unser Bruder stirbt und Amerika schaut zu“ lautet einer der zentralen Vorwürfe.

Hamburg / Montana. Die Solidarität mit der Familie des in den USA erschossenen Austauschschülers Diren (17) in unvermindert groß und von grundsätzlicher Natur. Am Freitag zogen etwa 500 Personen in einem leisen Protestzug vor das US-Konsulat, um zu gedenken, Aufklärung zu fordern und andererseits gegen Waffengesetze in den USA zu demonstrieren. Der Vater von Diren, der seit Dienstag in den USA war und am Wochenende mit dem Leichnam seines Sohnes nach Hamburg kam, hatte gesagt: Die ‚USA dürfe nicht weiter Cowboy spielen‘ und damit das System der Selbstjustiz und die dortigen liberalen Waffengesetze kritisiert.

Eine bewegende Trauer um Diren fand bereits bei dem Benefizspiel am Mittwoch statt. Über 20.000 Euro an Spenden sind zusammengekommen, um die Familie zu unterstützen. Nach der Demonstration bis vor das Hamburger US-Konsulat am Freitag, kam jetzt am Wochenende der Leichnam des Verstorbenen nach Hamburg. Über tausend Menschen nahmen im Park vor einer Moschee Abschied von dem Jungen. Diren soll nun in der Türkei bei Bodrum bestattet werden. Am kommenden Mittwoch gibt es noch ab 18:30 Uhr ein weiteres Benefizspiel. Diesmal tritt der Verein von Diren gegen den FC St. Pauli an.

Besonders ist, dass neben der ungebrochenen Solidarität für die Familie auch immer wieder politischer Protest zu vernehmen ist. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hatte über das LKA zwar Einsicht in die Unterlagen gefordert und erst wenn diese Informationen aus Montana vorliegen, kann das Ermittlungsverfahren nach deutschem Recht und Strafgesetzbuch beginnen. Beobachter erwarten jedoch bereits, dass die unterschiedlichen Rechtssysteme auch zu unterschiedlichen Urteilen über den vorliegenden Fall führen könnten.

Der Tod von Diren ist auch kein Einzelfall in den USA, bei dem Personen auf Grundstücken von Eigentümern erschossen wurden. Einfache Bürger haben dort Zugang zu Waffen, mit denen sie unter dem Deckmantel der Selbstverteidigung immer wieder schweren Schaden anrichten. Eine Kultur einer Selbstjustiz kennt man in Deutschland nicht. Verwunderung gibt es auch über den Ort des Ereignisses, das eigentlich ruhige Wohngebiet, das in Deutschland einem Neubaugebiet oder einer Spielstraße gleich käme.

Die Gasteltern von Diren aus der Nachbarschaft äußerten in Interviews einerseits ihre Bestürzung über den Fall und deuteten andererseits auch darauf hin, dass es sich um einen Einzelfall handeln soll. Dies trifft vielleicht auf die Gegend, nicht jedoch auf die USA selbst zu. Was wohl trotz aller Aufklärung zurückbleiben wird, ist deshalb ein erheblicher kultureller Unterschied. Ginge ein Jugendlicher in Deutschland – aus welchem Grund auch immer – in die Garage eines Nachbarn, lebte er sicher noch bis heute. Ob die vielen Austauschorganisationen über solche grundsätzlichen Gefahren für den Aufenthalt in den USA ausreichend aufklären, steht zu bezweifeln. (cz)

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