Verdi-BertholdBose
Ver.di Landesvorstand Bose: „Befristungen bedeuten Stillstand im Leben der Betroffenen“ Foto Ver.di

Hamburg. Nach dem deutschlandweiten Aufruf zur Aktion „Unbefristet“ startet der Hamburger Landesverband am Freitag einen Flashmob vor dem Rathausmarkt. Der ‚Mob‘ richtet sich dabei dabei gegen befristete Arbeitsverträge, sogenannte “Kettenbefristungen”, so eine Mitteilung. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) kritisiert die allgemein hohe Quote befristeter Arbeitsverhältnisse in Hamburger Betrieben und appelliert an Politik und Wirtschaft.

Jede/r zehnte Beschäftigte arbeite demnach in Hamburg befristet. Im Fokus stünden hier die Verträge “ohne Sachgrund und Befristungen in der Dauerschleife – so genannte Kettenbefristungen”. „Wir machen Druck gegen den Befristungswahn, denn Befristung bedeutet große Unsicherheit in der Lebens- und Familienplanung und das bedeutet Stillstand im Leben der Betroffenen“, sagt ver.di Landesleiter Berthold Bose.

Mit der öffentlichen Aktion appelliert die Gewerkschaft an Politik und Wirtschaft, entsprechende Regelungen zu schaffen, die Ketten – und sachgrundlose Befristungen ausschließen. „Ob über gesetzliche-, betriebliche oder tarifliche Regelungen – wir wollen von den Arbeitgebern und Politikern dieser Stadt die Zusage, dass diese Form der prekären Beschäftigung zukünftig der Vergangenheit angehört“, so Bose.

 

Massiver Anstieg befristeter Arbeitsverträge in Deutschland

In Deutschland ist die Anzahl der befristeten Arbeitsverhältnisse bei Neueinstellung seit 2001 von 32% auf 42% im Jahr 2013 gestiegen, so die Gewerkschaft. Die Befristungsquote bei weiblichen Neueinstellungen sei dabei mit 47% überdurchschnittlich hoch und auch junge Beschäftigte seien besonders stark betroffen. Bei den 25–35 jährigen seien dies 14,1 % und bei den 15-25 jährigen sogar 24,6%, die ausschließlich in einem befristeten Arbeitsverhältnis arbeiten. Die Gewerkschaft kritisiert, dass Planungsunsicherheit und Schwierigkeiten im Lebensalltag und in der Lebensplanung Folgen sind, mit denen die befristeten jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu kämpfen haben.

Befristete Einstellungen als Ersatz bei Krankheitsfällen oder als Schwangerschaftsvertretung könnten dabei durchaus eine sinnvolle Berechtigung haben. Trotz Unterschieden in den Branchen sei laut IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) der Dienstleistungssektor besonders stark von Befristungen betroffen. Bei dem Deutschlandtrend sei gerade Hamburg ein Schwerpunkt. Mit einer Befristungsquote von knapp 10% aller Arbeitsverhältnisse liege Hamburg sogar über dem Bundesdurchschnitt, ermittelte der Mikrozensus-Bericht der Statistikämter. In Zahlen: In Hamburg arbeiten 75.000 abhängig Beschäftigte befristet, 35.000 davon laut Verdi grundlos.

In der eigenen Recherche seien ver.di in Hamburg etwa Betriebe wie Bildungs- und Weiterbildungsträger, gewerbliche und patientenferne Bereiche an Hamburger Krankenhäusern, Betriebe der öffentlichen Hand, die Deutsche Post AG, der Hamburger Flughafen oder der Handel aufgefallen. Verdi veröffentlichte Statements von Vertretern einiger Hamburger Betriebe.

Katharina Ries-Heidtke, Konzernbetriebsratsvorsitzende Asklepios, zur Situation bei Asklepios: „In den Bereichen mit hoher Befristung herrscht ein Klima der Angst. Befristete gehen kaum zum Betriebsrat und fordern seltener ihre Rechte und Ansprüche ein – man möchte ja entfristet werden!“

Olaf Brendel, Betriebsrat HF – Hermes Fulfillment (Otto-Logistik) zur gesundheitlichen Situation von befristet Beschäftigten: „Befristete Kolleginnen und Kollegen kommen häufiger krank zur Arbeit. Ein unhaltbarer Zustand für die Betroffenen und die gesamte Belegschaft.“

Peter Petersen, langjähriger Betriebsrat Grone Schule, zur Situation bei dem Weiterbildungsträger: „Eine Lebensplanung für junge Beschäftigte mit Befristung geht fast nicht. Es herrscht eine dauerhafte Unsicherheit bei der Frage, ob man entfristet wird oder nicht.“

KOMMENTAR / LESERBRIEF

Antwort hinterlassen