Hamburg / Altona / Ottensen. Die weltgrößte Werbeholding WPP plant auf dem Zeise-Parkplatz in Ottensen tatsächlich eine große Niederlassung für seine Agenturen. In den Sommertagen saß man mit Beratern und dem Amt zusammen, musste kleine Abstriche von Plänen machen. Nun, da Bürger aus den Ferien und die Politik aus der parlamentarischen Sommerpause zurück sind, geht alles blitzschnell. Versuch eines Überblicks mit Kommentar.

Am Donnerstag, den 4. September, stellten die Investoren Quantum und Procom ihre Mieterpläne vor und bekamen nach Informationen von ALTONA.INFO zumindest bei den Fraktionen von SPD und GRÜNE in Altona (nicht den Parteien) positive Unterstützung. Dann wurde am Freitag eilig eine Pressekonferenz einberufen. Wenige Tage später, am 11. September, könnte es ohne eine einzige parlamentarische Debatte zum Thema bereits zu Fakten zur Ansiedlung des Werbekonzerns kommen. Die Kommission für Bodenordnung (KfB) tagt. Ein Gremium aus Bürgerschafts- und Bezirksabgeordneten kann den Verkauf des Grundstückes durchwinken oder noch eine Befassung in der Bürgerschaft beschließen.

Geht der Megadeal für das städtische Grundstück einfach so über die Bühne? Viele Ottenserinnen und Ottenser dürften erst in diesen Tagen, nach eigenem Sommerurlaub, über das Thema erfahren. Ursprünglich waren 50% Sozialwohnungen auf dem Parkplatz am Zeise bei über 80 Wohnungen insgesamt geplant. Ein Wettbewerb wurde bereits entschieden, es fehlte lediglich noch der Bauantrag (wir berichteten). Die Kommunalpolitik schwärmte von einer guten Lösung für Ottensen. Die Finanzbehörde und ihre Liegenschaft sollte noch das anhandgegebene Grundstück an Procom, auch bereits Betreiber und Vermieter der Zeise-Hallen, verkaufen. Von dieser Seite hieß es sogar im Januar, im Sommer 2014 sei Baubegin für geförderte Wohnungen, die so dringend in Ottensen benötigt werden, um die Preisspirale nicht weiter und weiter anzuheizen.

 

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Liegenschaft verlangte sehr hohen Grundpreis für Wohnungsbau

Wochen später kommen mühsam ein paar neue Fakten auf den Tisch und das Feld muss in großen Teilen von Hinten aufgerollt werden. Gebaut wird später und es soll Gewerbe statt Wohnen werden. Die mögliche Antwort auf eine kaufmännische Grundfrage über den Dingen irritiert: Können Investoren mit der Vermietung von Bürofläche soviel mehr Geld verdienen als mit Wohnimmobilien? Gerade in Ottensen?

Eigentümer des Grundstückes ist die Stadt Hamburg. Nach Informationen von ALTONA.INFO soll die FHH, trotz angeblicher Konzeptausschreibungspraxis und Zusicherung von 50% gefördertem Wohnungsbau (eigentlich eine  Übererfüllung des sog. Drittelmixes), einen sehr hohen Grundpreis für das Grundstück  verlangt haben. In der Kalkulation, das gibt Procom auf der kürzlichen Pressekonferenz zu, hätte der hohe Anteil von Sozialwohnungen zu Luxuswohnungen im selben Objekt für den frei finanzierten Teil geführt. Weshalb verlangt die Stadt eigentlich viel Geld für ein Grundstück, auf dem ein hoher Anteil Sozialwohnungen entstehen soll? Die Verteuerung des Umfeldes selbst, die massiven Grund- und Marktpreissteigerungen der letzten Jahre in Ottensen, haben die Messlatte wohl immer höher gelegt. Das zeigt auch, wie schwer es offenbar ist, überhaupt noch geförderten Wohnungsbau in Ottensen zu realsieren.

Bereits Monate vor der Verkündung, das bestätigte Procom, etwa im März 2014, sei es dann nach  Verkündung der Pläne für Wohnungsbau zu anderen Überlegungen gekommen. Zu diesem Zeitpunkt kamen ein Makler und der Projektentwickler Quantum hinzu. Jetzt will man in einem Joint Venture, einer gemeinsamen Firma mit Procom als Bauherr auftreten. Der Mietvertrag mit WPP über mindestens zehn Jahre ist bereits geschlossen. Die Investitionssumme für den geplanten Bau mit 13.000m² Nutzfläche, einem Cafe, etwas weniger Parkplätzen als bei Wohnen und sechs Vollgeschossen soll bei 65 Mio. Euro liegen.

 


Bürger gingen sofort auf die Straße – Unterschriftenlisten kursieren

Procom-GF Dennis Barth versteht den Protest gegen die Ansiedlung nicht. Nach der erstmaligen Verkündung in der Mopo und einem Beitrag im Abendblatt formierte sich erster Widerstand zum Thema. Etwa zweihundert Ottenser gingen auf die Straße mit Schildern und Argumenten für Wohnungsbau und gegen die Ansiedlung. Politiker kritisierten die übereilte plötzliche Enscheidung und die Rolle eines ehemaligen Bezirkspolitikers, der nach eigenen Angaben lediglich als Berater in bautechnischen Fragen nach Ende seines Mandates fungierte.

Zentral sei dieser Protest auch von einem Mieter des Zeise-Hauses ausgegangen, berichtet Barth, der eine Katalogbroschüre präsentiert, wo eben dieser Mieter selbst eine Art von Werberpark in den Zeisehallen vorschlug. Dazu kam es nicht.

Frank Bohlander, Geschäftsführer von Quantum AG, verweist auf zahlreiche andere Wohnprojekte, etwa den Suttnerpark, wo er zusammen mit der SAGA geförderte Wohnungen realisiere. Andererseits verschwänden überall auch Gewerbeflächen. Im Umfeld des Hermes-Hochhauses plane seine Firma an hunderten Wohnungen und es gäbe noch zahlreiche weitere Wohnprojekte.

Die Initiative „Pro Wohnen“ sammelte derweil etwa über 2.000 Unterschriften für eine Petition und weitere über 1.000 Unterschriften für ein Schreiben an das Bezirksamt Altona. Während die Fraktionen aus der Bezirksversammlung das Thema offenbar überwiegend begrüßen, stößt es in der örtlichen Politik der Ortsverbände auf Gegenwehr. Die SPD-Ortsverbände aus Altonas Zentrum, am deutlichsten wohl die SPD in Ottensen, soll nach Informationen von ALTONA.INFO gegen die Ansiedlung sein.

Bildergalerie – Demostranten zogen bereits einmal durch Ottensen. Am Samstag, den 13. September ist eine weitere Kundgebung geplant.

 


Mitarbeiter werden aus betriebswirtschaftlichen Gründen zusammengezogen

Bis zu 850 Mitarbeiter sollen hier arbeiten, so WPP-Deutschland-GF Richard Karpik gegenüber ALTONA.INFO. Man könne „im Gebäude aber noch wachsen“. Die Idee der Zusammenlegung sei insbesondere eine betriebswirtschaftliche. Alle Agenturen, darunter u.a. Sektionen von Scholz & Friends, sollen sich einen gemeinsamen Empfang, Kantine und weitere Ressourcen in einem Gebäude teilen. Der Weg zu diesem Haus sei jedoch keine Expansion und dies soll auch den Standort Hamburg gegenüber anderen Niederlassungen nicht aufwerten, merkt Karpik an. Die Zentrale von WPP wird aus London geleitet. In der Deutschland Holding, die nach niederländischem Recht geführt wird, sitzen nur ein Dutzend Kaufleute. Andere Niederlassungen sind etwa auch in Berlin, Düsseldorf, München. Man habe sich ein wenig über das Entsetzen vor Ort in Ottensen gewundert und sei schließlich selbst nur Mieter. Ein Makler hatte über 20 Objekte und Orte für das Projekt vorgeschlagen, so Karpik.


Kritik zur Geschäftspraktiken von WPP-Agenturen

Bei unser Recherche äußerte sich ein ehemaliger Manager aus dem eigenen Lager kritisch zu WPP und seinen Agenturen. Scholz & Friends habe schon einmal in Berlin ein ‚Zusammenziehen‘ zu einer größeren Einheit wie hier in Ottensen probiert, sagt die Person, die unerkannt bleiben möchte. Dabei gab es mal ein Prinzip bei der Agentur, gerade aus kreativen Gründen auf besonders kleine Einheiten zu setzen. Abseits dessen brauche Ottensen schlicht keine großen Werbeagenturen.

Fundamentale Kritik gibt es jedoch auch zur Geschäftspraxis von WPP.  Scholz & Friends, die jetzt in der Friedensallee Hauptmieter werden sollen, gehören erst seit 2011 zu WPP. Damals kaufte die mit Abstand weltgrößte Werbeholding die S&F-Mutter Commarco. So geht es bei WPP schon seit Jahren. Immer neue Akquisitionen in das Netzwerk der börsennotierten WPP plc verstärken einen bald uneinholbaren Einfluss in der Branche. In der Praxis nimmt die Holding durch ihre Marktmacht einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung von Medien – weltweit. WPP macht Umsätze im zweistelligen Mrd.-Bereich, ist mit über 160.000 Mitarbeitern und 3000 Standorten in über 110 Ländern vertreten. Agenturen wie Grey Global Group, Ogilvy & Mather Worldwide, Young & Rubicam, JWT, Hill & Knowlton, Burson-Marsteller, GroupM, Cohn & Wolfe
und The Brand Union gehören als größere Agenturen dazu. S&F ist da eher ein kleines Licht im Dschungel der Beteiligungen, die zudem noch steueroptimiert verteilt sind. So arbeiten beispielsweise zentrale Niederlassungen in Deutschland nach niederländischem Recht.

Brancheninsider, wie der ehemalige Mediaagentur-Chef und Manager Thomas Koch (tkm starcom, crossmedia), kritisieren WPP seit Jahren und auf Konferenzen insbesondere für die Praxis ihres Mediageschäftes, d.h. dem Einkauf von Werbeflächen für Dritte. Ein lange geschriebener Kodex der Branche, die marktregüläre und einheitliche Provisionierung mit 15% AE (Agenturexpedition) hat WPP schon vor Jahren durchbrochen und ersteigert seitdem, etwa über GroupM (Marktanteil am Werbeflächen-Einkauf in Deutschland über 50%) billig Restposten für Werbeplätze, bringt Anbieter dadurch massiv unter Druck. Auf eigene Rechnung billig gekaufte Flächen werden dann teurer an Kunden weiterverkauft. Durch diese Trading-Praxis der hohen Abschläge auf Werbeleistungen gelingt es WPP offenbar nicht nur sehr viel Geld zu verdienen, sondern auch, immer mehr Wettbewerber auszustechen. Verdient man auf der einen Seite mehr, können Honorare gesenkt werden. Manager anderer Werbeagenturen, Fachdienste und Publizisten sprechen hier in der Branche von vernichtenden und unhaltbaren Zuständen (mehr Infos in einem Fachartikel, PDF).

 

KOMMENTAR

Die Frage hinter einer solchen Ansiedlung in Ottensen stellt sich nicht nur auf Basis der Bewertung von sozialpolitischen Auswirkungen auf das aktuelle Anwohnerumfeld. Eine gute Info ist hier schließlich ausreichend in Studien zur Sozialen Erhaltungsverordnung für den Bereich Ottensen-West selbst aufgeführt. Kurzum die amtlichen Argumente: Ja, Ottensen braucht viel mehr Beruhigung und keine Aufwertung. Deshalb will man schließlich seit 2011 eine Erhaltungsverordnung erlassen.

Die Ansiedlung ist auch nicht nur eine wirtschaftspolitische Frage. Eröffnet sie tatsächlich konkrete Arbeitsmarktchancen, etwa eine nennenswerte Mehranzahl sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigungen? Branchenkenner wissen, Praktikumsverhältnisse sollte man von den 850 angeblichen Arbeitsplätzen vorher abziehen.

Zur Thematik kommen in Hamburg aber auch noch medienpolitische Gründe hinzu. Eine Medienstadt müsste eigentlich auch verstehen, welche strukturellen Einflüsse solche Ansiedlungen mit sich bringen. Einerseits in Wechselwirkung auf andere Werbeagenturen selbst, aber auch auf die publizistische Medienwelt. Ein wenig Recherche und die Lektüre von Fachbeiträgen hilft hier sicher.

Juristisch betrachtet ist nicht verständlich, weshalb eine Anhandgabe für Wohnungsbau so einfach in eine Anhandgabe für Gewerbebau gewandelt werden kann, wenn der wesentliche Grund der priorisierten Überlassung nicht mehr vorliegt. Müsste die Fläche dann nicht ausgeschrieben werden?

Die Komplexität des Themas lässt nur erahnen, dass hier gerade ein toxischer Cocktail zusammengemixt wurde. Ohne politische Debatte und ausführliche Analyse ist dieser sicher kaum genießbar.

 

 

 

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