Kreative Kampfansage aus Ottensen – Kommentar

Der offene Brief an den Konzernvorstand der WPP plc (PDF) wurde nicht nur von Fatih Akin unterschrieben. Verleger, Theaterleute, Geschichtsforscher, Schauspieler und weitere sind seit Wochen dabei sich zu vernetzen. Sie wollen den vermeintlichen ‘Kreativkonzern’, der sein Geld weit überwiegend mit dem Handel verdient, mit kreativen Mitteln bearbeiten. Der offene Brief an Sir Martin Sorrell ist als Beginn einer Protestkampagne geübter Ottenser zu verstehen.

Ein kreatives Mittel darin nennt sich Zynismus, die wohl schärfste Texterwaffe. Verdruss scheint durch, wenn über die Hafencity zu lesen ist:

“Eigens für international agierende Unternehmen wie die WPP Group hat die Stadt Hamburg mit erheblichem Aufwand unter anderem die begehrtesten Flächen in der Hafencity erschlossen. Sie beschäftigen die kreativsten Köpfe der Stadt. Nutzen Sie diese Kreativität dazu, die Hafencity lebenswert zu machen. Bauen Sie dort etwas auf, worauf Sie und Ihre Mitarbeiter stolz sein können.”

oder

“Der einzigartige Kulturort Ottensen ist bereits filetiert, ausverkauft und schwer verwundet von „Entwicklern“…”

Politik und Senat sollten diese Rebellion der Kreativwirtschaft aus Ottensen nicht nur ernst nehmen, sondern sich auch Gedanken über ihre Vergabepolitik machen. Auslöser der ganzen Sache war offenbar auch der Grundpreis, den man für das Grundstück trotz angedachtem Sozialen Wohnungsbau verlangte. Erst dies brachte eine Suche nach mehr Wirtschaftlichkeit ins Rollen, obwohl der Senat doch gerade zu Wohnungsbau auf Gewerbeflächen aufgerufen hatte.

Das Kaufpreisangebot der Liegenschaft kam wissentlich vor dem Hintergrund, dass eben genau dieses Gebiet bereits massive Aufwertung in den zurückliegenden Jahren erfahren hat. Wer dazu Fachliches sucht, sollte bei der städtischen Baubehörde und dem Bezirk anklingeln, denn seit 2011 arbeitet man hier aus den beschriebenen Gründen sogar eine Soziale Erhaltungsverordnung für das Gebiet aus.

Die Debatte bewegt sich zwar gegenwärtig auf dem juristischen Level von Baupolitik. Viele Menschen fragen sich aber auch, wer eigentlich dieser weltgrößte Werbekonzern WPP ist und wofür er steht. Seitdem das Wort „Wirtschaftsförderung“ gefallen ist, darf man sich zudem fragen, aus welchen Gründen hier eine ‚Förderung‘ überhaupt angebracht ist und welche Wechselwirkungen eine solche innerhalb des gewerblichen Marktes auf andere Teilnehmer haben könnte.

Das Wegbrechen von Arbeitsplätzen in den publizistisch-journalistischen Medien öffnet derzeit viele Flanken für Unternehmen wie WPP, das bestätigen Kollegen und Gesprächspartner aus der Branche. Ein Blick in die Geschäftsberichte des Konzerns reichen vielleicht, aber auch das Wissen, dass über Macht und Kontrolle von Werbung heute ein wesentlicher Einfluss auf die Entwicklung von Medien und damit auch auf die Gesellschaft geltend gemacht wird.

WPP kontrolliert über Tochterfirmen wie Group M enorme Werbeausgaben (die Rede ist von mehr als 50% aller Media-Werbeausgaben in Deutschland). Wenige Medien sind in einer Medienkrise bereit bzw. in der Lage, solche Marktkonzentration zu kritisieren (Hintergrundbeitrag, PDF). Die Entflechtung eines dermaßen konzentrierten Marktes, statt „Wirtschaftsförderung“ aus Steuermitteln, wäre sicher eine ausgewogenere sozialmarktwirtschaftliche Grundhaltung und Medienpolitik für Hamburg.

Die Präsentation einer solchen Angelegenheit, die den Behörden spätestens seit dem 16. April bekannt war, nach ‚Kommunalwahlen‘ und kurz vor der parlamentarischen Sommerpause, steht für sich.

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