Siegfried Lenz † (r) - Der am 17. März 1926 in Lyck (Ostpreußen) geborene Schriftsteller lebte die letzten Jahrzehnte im Elbvorort Othmarschen. Hier eine rare Aufnahme mit dem Schauspieler Maximilian Schell † und ihren Ehefrauen in der Verlagsvilla von Lenz. Foto: Marcus Schmidt

Der Schriftsteller und Hamburger Ehrenbürger Siegfried Lenz ist im Alter von 88 Jahren am Dienstag gestorben. Vertreter des Senats und der Bürgerschaft drückten in Stellungsnahmen ihr Beileid aus. “Hamburg hält inne. Der Senat sowie die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt werden sich mit Hochachtung und Dankbarkeit an Siegfried Lenz erinnern”, kommentierte der Senat. Der am 17. März 1926 in Lyck (ehm. Ostpreußen) geborene Schriftsteller lebte die letzten Jahrzehnte im Elbvorort Othmarschen.

„Hamburg trauert um den Ehrenbürger Siegfried Lenz, den aufmerksamen Beobachter, den großen Erzähler, den über die Grenzen Deutschlands hinaus hoch angesehenen Schriftsteller. In seinem literarischen Werk hat Siegfried Lenz menschliche Schicksale immer wieder mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen verknüpft. Auch damit hat er das Bild Hamburgs und der Bundesrepublik Deutschland in der Welt geprägt. Die „Deutschstunde“ gehört für mich zu den wichtigsten Büchern, die ich gelesen habe. In „Leute von Hamburg“ hat er den Bürgerinnen und Bürgern seiner Heimatstadt freundlich-ironisch einen Spiegel vorgehalten”, so der Erste Bürgermeister Olaf Scholz.

Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler: „Die literarische Welt ist um einen der prägendsten Schriftsteller deutscher Sprache ärmer geworden und Hamburg hat einen großen Ehrenbürger verloren. Die Werke von Siegfried Lenz haben die Zeitgeschichte Deutschlands eindrücklich und einfühlsam in Worte gefasst und insbesondere der Nachkriegsgeneration eine Stimme gegeben. Mit dem im November diesen Jahres von der Siegfried Lenz Stiftung erstmals im Hamburger Rathaus vergebenen Siegfried Lenz Preis wird sein Wirken für Freiheit und internationaler Verständigung lebendig gehalten.“

Andreas Dressel, Fraktionsvorsitzender der SPD: „Mit tiefer Trauer hat die SPD-Fraktion heute den Tod von Hamburgs Ehrenbürger Siegfried Lenz vernommen. „Wir verneigen uns vor einer großen Hamburger Persönlichkeit. Siegfried Lenz war nicht nur einer der bedeutendsten und meistgelesenen Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur, als kritischer Geist hat er die Geschicke unserer Stadt und unseres Landes über viele Jahrzehnte begleitet und mitgeprägt. Erinnert sei zum Beispiel an das Jahr 1970, als er zusammen mit Günter Grass in Begleitung von Bundeskanzler Willy Brandt zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages nach Warschau reiste und sich damit als geborener Ostpreuße für die Versöhnung zwischen beiden Ländern engagierte. Siegfried Lenz hat über 50 Jahre als Autor in Hamburg gelebt und gearbeitet, davon zeugen viele Eindrücke und Erlebnisse, die Eingang in sein literarisches Werk gefunden haben. Ich bin mir sicher, dass auch kommende Generationen die Bücher von Siegfried Lenz mit großem Gewinn lesen werden.“

Dietrich Wersich, Vorsitzender und kulturpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion: „Mit Siegfried Lenz verliert Hamburg einen großen Schriftsteller und Literaten. Er gehörte nicht nur zu den großen Erzählern. Die Klarheit seiner Sprache hat seine Texte ausgezeichnet. Immer wieder hat er in seinen Werken einen humoristischen Blick auf seine Wahlheimat Hamburg einfließen lassen. Gleichzeitig hat er mit seiner Sympathie für Israel, mit seinem Eintreten für die Aussöhnung mit Polen das Wort ergriffen und sich politisch eingemischt. Die CDU gedenkt seiner in Dankbarkeit. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden.“

Jens Kerstan, Fraktionsvorsitzender und Katharina Fegebank, Landesvorsitzende der Hamburger Grünen:  „Als Schriftsteller, als Ehrenbürger und als politisch denkender Mensch hat Siegfried Lenz unsere Stadt und viele Debatten in den vergangenen Jahrzehnten mitgeprägt. Mit seinem Werk und seinen Worten hat Siegfried Lenz einen großen Beitrag zu Aussöhnung und Ausgleich geleistet. Er hat sich eingemischt, mit treffenden Worten, mit dem genau passenden Ton und mit hoher Integrität. Wir werden seine Stimme vermissen. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden.“

Dora Heyenn, Fraktionsvorsitzende der Fraktion DIE LINKE: „Hamburg hat mit Siegfried Lenz einen Ehrenbürger und einen bedeutenden Schriftsteller verloren, der mit seinem Buch DIE DEUTSCHSTUNDE eine neue Ära der deutschen Literatur eingeleitet hat. Auch nach seinem Tod werden sich noch Generationen von Schülern und Schülerinnen über seine Kritik an der NS-Herrschaft mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Siegfried Lenz gehörte zu den Literaten, die sich auch immer in die Politik eingemischt haben. Er hat die Demokratie gelebt, auch wenn es unbequem war. Insbesondere sein Engagement für die Ostverträge von Willy Brandt in den emotional sehr aufgewühlten Auseinandersetzungen der siebziger Jahre war ihm ein gesellschaftspolitisches Anliegen. DIE LINKE nimmt mit Respekt Abschied von Siegfried Lenz.“

Katja Suding, Fraktionsvorsitzende der FDP: „Mit dem Tode von Siegfried Lenz hat Hamburg einen seiner größten Erzähler und einen wichtigen politischen Kopf verloren. Sein Einsatz für die Aussöhnung mit Polen sowie sein Engagement für die Solidarität mit Israel waren wegweisend. Er hat nicht nur die Nachkriegsliteratur in Deutschland entscheidend geprägt sondern auch bis in unsere Tage mit seiner ausgleichenden Natur und seiner starken Sprache Maßstäbe gesetzt. Wir trauern mit seiner Familie, seinen Freunden und seinen vielen Lesern in Hamburg, Deutschland und der Welt.“


Thalia: Proben zur „Deutschstunde“ begannen am Todestag von Lenz

Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters Hamburg: „Am 22. November zeigt das Thalia Theater die Premiere von „Deutschstunde“ in der Regie von Johan Simons. Der große deutsche Nachkriegsautor Siegfried Lenz ist heute verstorben. Das Thalia Theater trauert um den Autor, der Hamburg nicht nur literarisch, sondern auch durch sein politisches Engagement geprägt hat. Beispielhaft dafür ist sein bekanntester Roman „Deutschstunde“, in dem Lenz den Pflichtbegriff im Nationalsozialismus ebenso deutlich wie differenziert kritisierte und so zur Aufarbeitung beitrug.“

Der niederländische Regisseur Johan Simons habe heute mit den Proben zur Bühnenadaptation begonnen, die am 22. November im Thalia Theater Premiere feiern wird. „Das Thalia Theater trauert um Siegfried Lenz. Er  war neben Günter Grass der wichtigste Schriftsteller Deutschlands nach dem Krieg und der bedeutendste in Hamburg lebende Autor.  Seine ‚Deutschstunde‘ bleibt ein Buch von Weltrang. Aber mehr noch: Die jahrzehntelange tiefe Freundschaft zwischen ihm und Helmut Schmidt zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, Geist und Macht, Kunst und Politik miteinander zu versöhnen – ein Vorbild für alle Nachgeborenen.
Vor vielen Jahren hatte ich die Überlegung, seine ‚Deutschstunde‘ für das Theater, für das Thalia Theater in Hamburg, zu realisieren. Jetzt endlich waren wir soweit, diesen schönen und auch vermessenen Plan in die Tat umzusetzen. Ausgerechnet heute hat Johan Simons mit den Proben begonnen. Und heute ist Siegfried Lenz gestorben. Das Ensemble hat sich sehr auf die Arbeit gefreut und ist sehr bestürzt. Wir wussten, dass es ihm nicht gut geht und haben dennoch inständig gehofft, dass er die Aufführung noch erleben könnte. Jetzt bleibt uns nur sein Vermächtnis: sein Werk.

Als Siegfried Lenz Johan Simons und mich vor einigen Monaten empfing, lernten wir einen hellwachen und humorvollen Menschen kennen. Einen sanften Rebell, der sich mit allem Kleinkarierten nicht mehr beschäftigen mochte. Wir waren tief beeindruckt. Er sprach nicht von Politik, nicht von der nationalsozialistischen Gesellschaft in der ‚Deutschstunde‘, sondern davon, wie klein der Mensch angesichts der Naturgewalten ist, vom Leben hinterm Deich, vom Aufruhr der Natur, wenn der Mensch sich vergreift, von den Schreien der Möwen in der ‚Deutschstunde‘. Wir mussten an Shakespeare und seine Schilderungen der Natur denken. In ihnen spiegelt sich der Mensch. Wir werden weiterarbeiten und, wenn alles gut geht, am 22. November seine ‚Deutschstunde‘ spielen. Im Gedenken an Siegfried Lenz.“

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