Reststreifen am Grenzmuseum Schifflersgrund Foto: Heinz-Josef Lücking CC BY-SA 3.0 DE
Reststreifen am Grenzmuseum Schifflersgrund Foto: Heinz-Josef Lücking CC BY-SA 3.0 DE

Vor 25 Jahren war ich 12 Jahre alt.

Die ersten Erinnerungen an das geteilte Land kommen aus frühen Kindheitstagen. Unser Vater ist mit uns Kindern immer einen Umweg zu den Großeltern gefahren. Auf dem Weg nach Hessen fuhr er eine erhöhte Straße am naheliegenden Grenzgebiet entlang. Durch das viele Grün zogen sich Stacheldraht, die braune ‚Todeszone‘, Wachtürme. Die Häuserfenster zum Westen waren zubetoniert. Auf der West-Seite gab es Haltebuchten. Mit Ferngläsern könnte man den Wachleuten und dem eingezäunten Dorf Wahlhausen sehr nah sein. Der Zonen-Voyeurismus langweilte uns Kinder spätestens nach dem dritten Mal, doch irgendwie fuhren unsere Eltern immer wieder dort vorbei.

Verstanden zu haben, wofür dieser Wall eigentlich angelegt ist, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich dachte, so schaut halt eine Grenze aus. Heute bin ich selbst Vater und überlege, wie ich es damals meinen Kindern in einfachen Worten erklärt hätte. „Dort ist auch Deutschland“ oder „Russland hat Ostdeutschland erobert und einen Zaun gezogen“. Es wäre egal. Kein Kind hat ein Verständnis für Krieg und daraus resultierende Folgen.

DDR. Drei Buchstaben in unausgeschriebener Kurzform prangten an der von der Decke ausgerollten Landkarte im Klassenraum. Im Erdkundeunterricht wurde über Städte oder Länder im Westen gesprochen, während sich alle fragten, was für eine dicke rote Linie durch das Land gezeichnet war. Politik, damals Gemeinschaftskunde, war ein Fach für spätere Klassen. „Made in West-Germany“ auf dem ferngesteuerten Spielzeugauto klang so lange nach Ausland, bis der Englisch-Unterricht startete. Das war ziemlich genau in dem Jahr des Mauerfalls. Revolution in der Pubertät.

Wir verbrachten Stunden vor dem Fernseher, damals, als die „Flüchtlinge“ in der Botschaft fest saßen. Zwei, drei Jugendjahre mehr und ich wäre mit Kumpels direkt nach Berlin aufgebrochen, um es live zu erleben. So flackerte uns die gute alte Blaupunkt-Röhre die Deutsche Einheit auf allen sechs zur Verfügung stehenden Kanälen entgegen. Plötzlich lief dasselbe Programm in allen Unterrichtsfächern gleichzeitig.

Den ersten Sonntag ging es in die Zone. Wir hatten keine Verwandten zu besuchen, aber unsere Eltern nutzten die gewonnene Einreisefreiheit für einen Familienausflug. „Diese Straßen“, höre ich meinen Vater noch rufen. Pflastersteine auf der Landstraße setzten unserem Wagen zu. Es roch nach Kohle am Ausflugsort. Die Straßen waren von Asiaten gesäumt, die Kinderspielzeug und Zigaretten verkauften. Eis war unfassbar günstig, dafür neongelb. Ansonsten gab es wenig Farbe, was wohl an den fehlenden Reklametafeln lag.

Unsere Klassenlehrerin nutzte Kontakte in die „Zone“. Als Helmut Kohl seinen Waldspaziergang mit Gorbatschow beendet hatte, die Tinte unter den Verträgen trocken war, nahm jeder von uns für vierzehn Tage einen Austauschschüler aus Aschersleben auf. Wir zeigten unsere Wessi-Stadt ohne die Spur einer Ahnung zu haben, welchen Eindruck dies auf unseren Besuch machte.

Woran ich mich erinnere? Wir gingen ins Raucherkino. Werner Beinhart, das muss kesseln. Ich knutschte den ganzen Film mit einer Austauschschülerin, die es auf mich abgesehen hatte. Die Mädels von drüben sind nicht so spießig, wie unsere hier, dachte ich. Der Rest ist Geschichte.

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