Hamburg / Altona. Am 18. November kam es nun endlich zum langerwarteten „Spatenstich“ in der Mitte Altona. Bürgermeister Olaf Scholz und Vertreter der Investorenseite nutzten die Gelegenheit für ein paar Worte an etwa 300 Gäste. Es ist das seit einem Jahrhundert größte städtebauliche Projekt für Altona, das zweitgrößte in Hamburg nach der Hafencity, sagen die Leute. Wie ein Blick in die Chronologie und unser Dossier verrät: Die Planungen waren bislang keine leichte Geburt. Bericht mit Details.

Der zugrunde liegende Bebauungsplan Altona-Nord 26 ist laut Senat am 23. September festgestellt worden, Einwände von Bürgerseite wurden abgearbeitet, berichtete ein BSU-Vertreter vor Ort beim Spatenstich an der Harkortstraße. Was man heute so alles braucht, für einen Bebauungsplan: „Lärmtechnische Untersuchung, Luftschadstoffgutachten, Klimagutachten Mitte Altona,  Artenschutzgutachten Fledermaus, Untersuchung Tagfalter und Heuschrecken, Avifaunistische Untersuchung und landschaftsplanerischer Fachbeitrag“ sowie eine „umweltrelevante Stellungnahme zu Bodenverunreinigungen“ wurden beauftragt und liegen vor. Kritiker monierten gegenüber ALTONA.INFO in den zurückliegenden Monaten insbesondere Lärmwerte und Bodenwertgutachten an. Selbst nach dem Transparenzgesetz gelang es nicht, an frühere Bodenwertgutachten heranzukommen. Das Kleingedruckte gehe jetzt seinen formalen Weg, versichert die Baubehörde, während sich Bagger seit Wochen durch das ehemalige Güterbahngelände graben, um für 1.600 Wohnungen sowie Park, Schule, Kita und ein paar Gewerbeflächen Platz zu schaffen.


Holsten-Areal wird ab 2018 die nächste Fläche für die Mitte Altona

Für die Gäste gab es Currywurst, sowie Holsten von Holsten für alle. Verdient hat an der Mitte Altona bislang insbesondere die gegenüberliegende Traditionsbrauerei aus Altona. Es soll sich ganz gut gerechnet haben, hört man auf den Fluren des Altonaer Rathauses. Ein wesentlicher Teil des vorherigen Leergutlagers wurde schließlich in Wohnungsbaufläche konvertiert. Den nächsten Spatenstich wird die Brauerei wohl allerdings verpassen, zumal sie erklärte, nach über hundert Jahren Traditionspflege am Standort Altona auch ihr restliches Gelände räumen zu wollen. Die Altonaer Politik erfuhr von diesem Wandel, wie auch die Lokalpresse, über die Veröffentlichung in einer Immobilienzeitung. Ein Vertreter von Holsten soll in Altona mal berichten, forderten einige Abgeordnete. Bis Ende 2017 soll bereits ein neuer Standort in Hamburg gefunden sein, berichtete eine Vertreterin der Hamburger Wirtschaftsförderung jüngst im Planungsausschuss und versetzte die Politik damit in Aufruhr.

Mit der Entwicklung der großen Holsten-Flächen ist demnach zu rechnen, noch bevor die Deutsche Bahn AG bis 2024 das Gelände des Fernbahnhofes für eine weitere Entwicklung räumt. ECE dementierte auf Anfrage eine Beteiligung an der Flächenentwicklung gegenüber unserer Zeitung, während Architekt André Poitiers, der auch den städtebaulichen Wettbewerb zur Mitte Altona gewann, schon eine klare Mischung von Gewerbe und Wohnen für das Areal vor Augen hat. Noch sei hier nichts in trockenen Tüchern, meint Poitiers. Das Vorgehen von Carlsberg erinnere ihn an eine amerikanische Variante des Flächenvertriebs, scherzt der Architekt.

Was wohl erst später folgt, so ab dem Jahr 2023, ist der eigentlich große Bauabschnitt der Mitte Altona: Die Stadt – das gaben FHH und DB AG im Sommer 2014 bekannt – wird das Grundstück des Fernbahnhofs Altona von der Deutschen Bahn AG für 38,8 Mio. Euro nebst Erschließungskosten für den neuen Bahnhof und Sanierungslasten, die über dem Betrag von 7 Mio. Euro anfallen, übernehmen. Konkrete Kosten für die Erschließung des neuen Bahnhofsareals durch die FHH, wurden bislang von der BSU nicht bestätigt. 100 Mio. Euro meldete mal der NDR.

Auf dieser zweiten Entwicklungsfläche, die eigentlich absehbar die dritte nach dem Holsten-Areal werden kann, ist massig Platz für Wohnungen, aber auch für den großen Park samt fußläufiger Verknüpfungen der Stadtteile Bahrenfeld, Ottensen, Altona-Altstadt und Altona-Nord. Die Bahn will nach Diebsteich, errichtet dort einen Bahnhof (Altona?) mit sechs Gleisen, davon zwei für die S-Bahn. Bei einer ersten Präsentation im Altonaer Planungsausschuss im September schimpfte die Lokalpolitik bereits über eine „Hundehütte“, die von der DB AG an die Stelle gesetzt würde. Ein anderes Thema, wie auch die Erschließung des neuen Standortes und deren Kosten, ist die Umfeldplanung der Postflächen oder auch die Anbindung mit weiteren Verkehrsmitteln, etwa der geplanten U5-Trasse nach Lurup. Hochbahn-Chef Günther Elste sprach sich gegenüber ALTONA.INFO für eine Anbindung des neuen Fernbahnhofes an die Strecke aus. Insbesondere wenn es zur Entwicklung von weiteren Flächen an der Trabrennbahn komme, mache dies Sinn.

 

Scholz: „Es kann sich nicht jeder jede Miete leisten“

„Wir feiern heute den Startschuss für eines der spannendsten Bauprojekte der Republik“, so ECE-Chef Alexander Otto. Der Konzern, der zur Otto-Gruppe gehört, hatte seinerzeit das Thema mit einem Ideenwettbewerb – der sogenannten Architekturolympiade – angestoßen. Es sei ein Verdienst des Oberbaudirektors, so Otto, dass in der Mitte Altona von Anfang an „groß gedacht“ worden sei. Ein wichtiger Aspekt sei ferner die Einbeziehung von Baugemeinschaften, die wesentlich „zur Identifikation mit dem Stadtteil beitragen“, betonte Otto, der Bürgerbeteiligung als Chance für Bauprojekte lobte und hier von einem „gläsernen Verfahren“ sprach. Für ECE, die eigentlich aus dem rein gewerblichen Umfeld kommen und etwa das Shoppingcenter „Elbe Einkaufszentrum“ in Osdorf betreiben, ist der Wohnungsbau eine ganz neue Sparte. Auf den ECE-Flächen wird hier mit Behrendt Wohnungsbau, Harmonia Immobilien und E.W. Fraatz errichtet, während kleinere Flächen im Norden an die städtische SAGA GWG sowie die Genossenschaften Altoba und BVE gingen.

Die planerischen Visionen einer „funktionsgetrennten Stadt“ aus den letzten Jahrzehnten hätten sich als „schwerer Fehler“ erwiesen, sagte der Erste Bürgermeister in seiner Rede. Heute bringe man viele Interessen direkt in der Stadt zusammen und so sei auch die Mitte Altona nebst Gewerbe, Park und Kita mit ihren perspektivisch 3.300 Wohnungen aus jeweils einem Drittel Eigentumswohnungen, Mietwohnungen und geförderten Wohnungen geplant. Olaf Scholz, dessen Senat in den letzten drei Jahren in Hamburg für den Wohnungsbau 35.000 Wohnungsbaugenehmigungen aussprach, sprach mit Blick auf die schwächere Bautätigkeit in der Vergangenheit von einer „verdammten Pflicht und Schuldigkeit“ der Stadt. Der Rückerwerb des Bahngeländes durch die Stadt Hamburg käme früh aber zum richtigen Zeitpunkt. „Es kann sich nicht jeder jede Miete leisten“ und man könne „nicht jeder Renditeerwartung entsprechen“, betonte Scholz.

Über ein unklares Detail in spe, sprach der Bürgermeister heute nicht. Ob es bei seinem Rundgang mit seinem Oberbaudirektor zur Sprache kam? Prof. Jörn Walter stellte bei der Vorstellung der Bahnhofsplanungen im bezirklichen Planungsausschus bereits klar, dass die Stadt Wert auf ein ordentlichen Bahnhofsbau lege, während der Vertreter der DB bei der selben Sitzung im September recht süffisant entgegnete, dann solle die Stadt Hamburg doch bei nächster Gelegenheit ihr Scheckbuch mitbringen. Interessanter Gesprächstoff für das nächste Meeting von Scholz und Bahnchef Grube ist das schon. Es gibt schließlich gute Gründe für die Altonaer, einen ordentlichen Bahnhofsbau zu fordern. Ein Vergleich zwischen dem jetzigen Bahnhofsklotz und der früheren Gestalt ist in den Geschichtsbüchern von Altona als Sündenfall bekannt.

Aurelis, die ehemalige Bahntochter, wechselte 2007 in private Hand, als die Bahn zahlreiche Gründstücke in Bahnhofsnähe für 1,7 Mrd. Euro verkaufte. Wenig später wies ein Prospekt für den später abgeblasenen Börsengang der Bahn eine positive Ertragungssituation des Konzerns in selber Höhe von etwa 1,7 Mrd. Euro aus. Ein Buchgewinn aus dem Verkauf von Tafelsilber, sagen Kritiker.

Zu den Ex-Grundstücken der DB AG gehörte auch das Areal der ehemaligen Güterbahnhofshallen in Altona. Aurelis-CEO Dr. Joachim Wieland sprach beim Spatenstich von 100 Mio. Euro, die seine Gesellschaft nun mittel und langfristig in Altona investiere. Insgesamt entwickle Aurelis derzeit deutschlandweit Flächen im Umfang von 20 Mio. Quadratmetern.

Interessant war noch, dass Wieland als Besonderheit gegenüber anderen Städten den „besonderen Realisierungsdruck“ der Verwaltung in Hamburg hervor hob. Das erlebe Aurelis in anderen Städten anders. Die Staatsräte hätten am Ende hart verhandelt, meint Wieland, der damit auf den Zeitraum der städtebaulichen Verhandlungen ansprach, lange bevor alle Vertreter nun zum Spatenstich antraten.


Bahnhofsverlagerung offenbar seit Mitte 2013 klar

Während der Unternehmer von harten Verhandlungen sprach, verzog der Bürgermeister keine Miene. Scholz sagt – ohne deutlich zu werden – bei Gelegenheit selbst, dass die Mitte Altona für die FHH ein Kraftakt ist. Ursprüngliche Planungen sahen immerhin vor, dass der Abschluss von städtebaulichen Vereinbarungen zwischen FHH und Eigentümern schon viel früher erfolgen. Das ganze Projekt der Mitte Altona verzögerte sich nach Einschätzung insbesondere durch die Nicht-Entscheidung der Deutschen Bahn AG, die ihren Partnern ursprünglich einen „Vorstandsbeschluss“ zur Bahnhofsverlagerung für 2010 avisierte, was aus zahlreichen Unterlagen und auch einer Eckpunktevereinbarung aller Grundeigentümer – auch der DB AG – hervorhing. Diese verfiel sogar (wir berichteten) und zwischenzeitlich gab es damit keine einzige Vertragsgrundlage mehr zwischen den Eigentümern der Flächen.

Erst im September 2013 präsentierte der Senat dann einen städtebaulichen Vertrag als ‚Letter of Intend‘, dessen Validität erst mit dem späteren städtebaulichen Vertragsabschluss im Juni 2014 im Kontext der sogenannten Abwendungsvereinbarungen zustande kommen sollte. Letztere regeln die wesentlichen Details zur Mitte Altona, etwa welche Planungsgewinne durch Umwandlung zu Wohnflächen entstehen und wie die Partner sich an Kosten für die Erschließung beteiligen müssen.

Grund für die Verzögerung zu diesen millionenschweren Absprachen war offenbar die immer noch nicht erfolgte Entscheidung der Deutschen Bahn AG, die für 2013 schließlich eine Untersuchung ihrer Tochtergesellschaft mit einem Verwaltungsaufwand von 13 Mio. Euro in Aussicht stellte und damit den Beteiligten eine neue Perspektive gab.

Die wesentlichen Erkenntnisse aus diesen Untersuchungen zur Kalkulation eines Bahnhofsumzugs mit „ergebnisoffenem Ausgang“ – wie es auch gegenüber der Presse immer hieß – liegen nach heutigen Informationen von ALTONA.INFO aus mehreren Quellen bereits seit Mitte 2013 vor. Dann war wohl klar, die Verlagerung des Fernbahnhofs ist wirklich in Reichweite, wie auch der Oberbaudirektor in einem Interview mit ALTONA.INFO dann im Januar 2014 erwähnte. Die Reaktionen nach unserer Veröffentlichung im Januar 2014 waren interessant. Natürlich fragten wir sofort bei DB AG als auch BSU nach den Ergebnissen der Planungen. Von beiden Parteien erhielten wir zu diesem Zeitpunkt abweisende Antworten, jedoch keine Information und auch kein Dementi. Heute ist auch klarer, weshalb. Die Stadt Hamburg musste sich offenbar noch mit der DB über den Kaufpreis für die Bahnfläche einigen, was auch im Interesse des Abschlusses mit den Eigentümern der vorgezogenen Flächen war.

Das Projekt „Mitte Altona“ ist bisweilen eine Stadtentwicklungsgeschichte mit vielen Etappen, die vor allem zeigt: Eine ‚halbe Mitte Altona‘ – das war auch seit den Ergebnissen des städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerbs vielen Beteiligten klar – hätte bei einem dauerhaften Verbleib des Bahnhofes mit viel Lärmbelastung, ohne den großen Park und Wegeverbindungen in spe, offenbar nicht einmal den halben Wert. Es ist jetzt anders gekommen. Die städtebaulich große Lösung kommt und Planungen zum „Jahrhundertprojekt“ dürften damit noch weit über das ursprüngliche Gebiet hinaus gehen.

Am Abend stellte der Oberbaudirektor noch die Entwürfe zu hochbaulichen Wettbewerben vor (Entwürfe folgen). Einer der nächsten Schritte ist die Vorstellung der Erschließungsarbeiten (PDF), die am 10. Dezember Thema einer offiziellen Anhörung im Rahmen von Planungs- und Verkehrsausschuss sein werden.

Weitere Infos – Unser Dossier „Mitte Altona“

 

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