Lieber als ein ganzes ‚Flüchtlingsdorf‘ am Rande, wäre dem Stadtteil die Eingemeindung von Vertriebenen in kleineren Einheiten. Auf dem Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik entsteht nach Vorstellungen von Bezirksamt und Hamburger Senat bis Ende 2016 eine Siedlung für 2.000 bis 4.000 Flüchtlinge. Über das „Wie?“ und die Anzahl der Unterzubringenden wurde am 18. November in der Schulaula am Iserbarg heftig gestritten. Der Planungsausschuss der Bezirkversammlung hatte zur ersten Informationsveranstaltung geladen.

Bis vor die Tür standen interessierte Anwohnerinnen und Anwohner, um von Amt und Politik in Kenntnis gesetzt zu werden. Die ‚Infoveranstaltung mit Anhörungscharakter‘, wie der Vorsitzende des Planungsausschusses, Henrik Strate, formulierte, konnte an dem Abend nicht jedem Interessenten Platz bieten.

Die Pläne, die bereits seit einigen Wochen über die Presse durchsickern, führen für viele Rissener zu der seit Jahrzehnten größten Veränderung in ihrem Umfeld. Zweitausend bis viertausend neue Anwohner/innen sollen in den Stadtteil mit knapp 15.000 Einwohnern ziehen. Grundlage für die Planung ist der Bebauungsplan Rissen 45, der seit 2014 festgestellt ist. Die angedachte Kapazität kann sich an anderen großen Bauvorhaben im Altonaer Bezirk, wie ‚A7-Deckel‘, ‚Kolbenschmidt-Hermes-Areal‘, ‚Othmarschen Park‘ und ‚Mitte Altona‘ durchaus messen.

Das Altonaer Bezirksamt präsentierte neben den maximalen Vorstellungen des Senates zu viertausend Personen mit Migrationshintergrund auch eine um die Hälfte reduzierte Planung. Altonas Stadt- und Landschaftsplaner, Frank Conrad, skizzierte die im Bezirkamt erarbeitete Alternative zur Schaffung von etwa 600 Wohneinheiten, darunter 400 Wohnungen für Flüchtlinge „mit Bleibeperspektive“ und weitere 200 Wohnungen für Hamburgerinnen und Hamburger ohne Migrationshintergrund (in der Mitte des Plans gezeichnet). Die Baukörper sollen hochwertiger, als in bisweilen vergleichbarer Art entstehen. Sie sollen  zwei bis vier Geschosse (inkl. Staffel) umfassen und nach Maßgabe des geförderten Wohnungsbaus eine Reihe von Auflagen erhalten.

Doch selbst die deutlich rezduzierte Variante stieß an dem Abend überwiegend auf Ablehnung der Anwesenden. Bürgerinnen und Bürger sprachen sich mehrfach dafür aus, die Integration in kleineren Einheiten zu organisieren und wünschten sich allgemein weniger Flüchtlinge in Rissen anzusiedeln.

Der Vorschlag des BA Altona zur Bebauung des Areals. Quelle: Bezirksamt Altona
Der Vorschlag des BA Altona zur Bebauung des Areals. Quelle: Bezirksamt Altona

Tatsächlich war das Gebiet mal mit 200-300 Wohneinheiten im Bebauungsplan Rissen 45 angelegt. Ob bis Ende 2016 nun mit sogenannten ‚Befreiungen‘ 600-800 Wohnungen gegen den Willen des Stadtteils entstehen? Daran darf nach dem Abend zumindest nur leise gezweifelt werden. Auch in anderen Altonaer Stadtteilen, etwa in Bahrenfeld, wurde die Kooperationsbereitschaft bereits stark strapaziert. Nachdem hier bald 7.000 Flüchtlige im Umkreis von zwei Kilometern um die Trabrennbahn wohnen, hatte die Politik nachgesteuert. Für eine bessere Verteilung, etwa auch südlich der B431, fasste die Bezirksversammlung Altona im Oktober einen Beschluss, der Stadtteile wie Blankenese, Flottbek, Nienstedten und Ottensen stärker in die Pflicht nehmen soll.

Dies sei jetzt der Auftakt für weitere Gespräche gewesen, sicherte Bezirksamtsleiterin Dr. Liane Melzer dem Publikum abschließend zu. Ein ‚Runder Tisch‘ werde gebildet. Mit der Bürgerinitaitive, die dem Amt 80 schriftliche Fragen übergab, werde das Bezirksamt Altona intensiv in Dialog bleiben.

Hinweis: Die komplette Veranstaltung mit Präsentation des Vorhabens sowie Rückfragen von Anwohnern und Statements der Politik ist als Mitschnitt in einem Filmbeitrag ab ca. 19:00 Uhr zu sehen. Das Bezirksamt Altona hat die Präsentation als PDF-Datei zur Verfügung gestellt.

6 KOMMENTARE / LESERBRIEFE

  1. Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

    Die Verteilung des Flüchtlinge in Altona ist ungerecht.
    Jede Stadtteil soll 5,4% Flüchtlinge integrieren. Die Baupläne sind vorhanden überall!
    Warum nur in Rissen-Sülldorf und Bahrenfeld ?!?

    Stadtteil Bevölkerungszahl Summe Flüchtlinge % Flüchtlinge
    Altona-Altstadt 28788 12 0,04% (!!)
    Altona-Nord – Sternschanze 29542 307 1,04% (!)
    Bahrenfeld 27378 6193 22,62%
    Blankenese – Iserbrook 24399 267 1,09% (!)
    Groß Flott. – Nienst. – Othm. 32011 808 2,52% (!)
    Lurup 35278 267 0,76% (!!)
    Osdorf 25901 1500 5,79%
    Ottensen 34707 36 0,10% (!!)
    Rissen-Sülldorf 24125 4744 19,66%

    Zuversichtliche Grüße,

    DH

  2. Liebe Mitbürger,

    die Zahl der 7.000 Flüchtlinge im nahen Umfeld der Trabrennbahn ist erschreckend und zeigt, dass eine gerechte Verteilung innerhalb der Stadt nicht stattfindet.

    Einen berechtigten Widerstand wird es auch bei der Umsetzung der Pläne für den Bau von Flüchtlingswohnungen beim UCI Kino geben:

    – Statt Sporthotel an der Paul-Ehrlich-Straße wird eine Zentrale Erstaufnahme in massiver Bauweise für ca. 600 Flüchtlinge gebaut.
    – Statt des avisierten Baus eines Meridien Spas sind nun mehrere hundert Flüchtlingswohnungen im Gespräch.

    Der Tausch von gleich zwei ursprünglich geplanten Freizeiteinrichtungen hin zu Flüchtlingsunterkünften ist doppelt hart.
    Fast zeitgleich (so scheint es aktuell) wird der Lärmschutzdeckel auf der A7 für diesen Bereich abgelehnt.
    Nicht zu vergessen die bereits bewohnte Unterkunft für Flüchtlinge im Holmbrook und die ZEA in der Baurstraße.

    Werden nun tatsächlich die Flüchtlingswohnungen beim UCI Kino geplant, darf mit massiven Protesten der neuen Bewohner der Othmarscher Höfe gerechnet werden. Nachvollziehbar!

    Kopfschüttelnde Grüße
    Jan

  3. Liebe Redaktion, lieber Senat,

    das an der Umsetzung der Senatspläne leise gezweifelt wird halte ich für den Wunsch des Senats. Die Volle Lautstärke des Widerstandes ist hier längst nicht erreicht. Und das ist auch gut so! Eine derartige Fehlplanung braucht Widerstand! Und der wird kommen! Wer so das Recht beugt und die Bürger dieser Stadt blendet der muss Stress Mögen!

    MP

  4. Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

    ja, 4000 geflüchtete Menschen an einem Ort zusammenzufassen ist zu viel.

    Aber wenn wir zum ursprünglichen Bebauungsplan zurückkehren und, wie vielfach gefordert, 30% der Wohnungen mit Geflüchteten belegen, dann sind das von ca. 250 Wohnung 75. Bei einer Belegung mit durchschnittlich fünf Personen bekommen 375 geflüchtete Menschen hier eine neue Bleibe. Kann Rissen wirklich nicht mehr?

    Zuversichtliche Grüße,
    JS

  5. Liebe Mitbürger,
    um die Zahlen zu veranschaulichen: Im ursprgl. Entwurf waren 200-300 Wohneinheiten, überwiegend durch Doppel- und Reihenhausbebauung geplant (ehemals Bauabschnitt A, heuteFelder A, B). Der Entwurf heute mit 600-800 Einheiten auf gleicher Fläche bedeutet ausschließlich Mehrfamilienhäuser mit 3 bzw. bis zu 5 Geschossen. Um die Menge an Menschen unterzubringen bedeutet das rund 30 Wohnblöcke.“
    Das bedeutet auch das Geschäfte, Apotheken, Ärzte, Schulen, Kitas, – später auch einmal die Parkplatz- und Verkehrssituation die heute rund 15000 Menschen „aufnimmt“, künftig eine Steigerung um bis zu 25% zu „verkraften“ hat. Das bedeutet zum Beispiel das bei rund 10% Kinderanteil (Quelle Bezirksamt) von 4000 neuen Mitbewohnern, 400 Kinder, das ist die Größe einer mittleren Grundschule, wie Rissen derer zwei Grundschulen hat, in dieselbigen als auch Kitas und Vosshagen (Stadtteil + Gymnasium) strömen werden. Malen Sie sich das einmal anschaulich aus, wie das ist wenn in einer Schulklasse mit 22 Kindern noch weitere 5 sitzen die auch lernen wollen aber kein Wort verstehen, – oder sind es gar 7 oder 8 ? Und wird es Deutschunterricht für Ausländer geben, werden neue Lehrkräfte eingestellt, werden die Kinder die heute bereits in 2 Schichten in der Schulkantine essen noch eine Dritte bekommen ? Verdienen nicht auch diese Kinder eine Chance auf Bildungs- und Chancengleichheit um nicht als Sozialfälle zu enden.
    Um zum Punkt zu kommen, lieber Senat, liebe Mitbürger, so gross der Handlungsbedarf auch sein mag, so verlockend die grossen Flächen scheinen – um Ghettobildung, Überforderung der Infrastruktur, Menschen, und schlussendlich auch unserer neuen Mitbürger zu verhindern, plädiere ich für eine vorausschauende und langfristig angelegte Planung und keine Schnellschüsse die den Stadtteilen und Bezirken für die kommenden Jahre Probleme in noch unbekanntem Ausmaß bescheren wird.

    Hochachtungsvoll,
    mk

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