Christoph Zeuch

469 BEITRÄGE 5 KOMMENTARE / LESERBRIEFE

Reststreifen am Grenzmuseum Schifflersgrund Foto: Heinz-Josef Lücking CC BY-SA 3.0 DE
Reststreifen am Grenzmuseum Schifflersgrund Foto: Heinz-Josef Lücking CC BY-SA 3.0 DE
Reststreifen am Grenzmuseum Schifflersgrund Foto: Heinz-Josef Lücking CC BY-SA 3.0 DE

Vor 25 Jahren war ich 12 Jahre alt.

Die ersten Erinnerungen an das geteilte Land kommen aus frühen Kindheitstagen. Unser Vater ist mit uns Kindern immer einen Umweg zu den Großeltern gefahren. Auf dem Weg nach Hessen fuhr er eine erhöhte Straße am naheliegenden Grenzgebiet entlang. Durch das viele Grün zogen sich Stacheldraht, die braune ‘Todeszone’, Wachtürme. Die Häuserfenster zum Westen waren zubetoniert. Auf der West-Seite gab es Haltebuchten. Mit Ferngläsern könnte man den Wachleuten und dem eingezäunten Dorf Wahlhausen sehr nah sein. Der Zonen-Voyeurismus langweilte uns Kinder spätestens nach dem dritten Mal, doch irgendwie fuhren unsere Eltern immer wieder dort vorbei.

Verstanden zu haben, wofür dieser Wall eigentlich angelegt ist, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich dachte, so schaut halt eine Grenze aus. Heute bin ich selbst Vater und überlege, wie ich es damals meinen Kindern in einfachen Worten erklärt hätte. “Dort ist auch Deutschland” oder “Russland hat Ostdeutschland erobert und einen Zaun gezogen”. Es wäre egal. Kein Kind hat ein Verständnis für Krieg und daraus resultierende Folgen.

DDR. Drei Buchstaben in unausgeschriebener Kurzform prangten an der von der Decke ausgerollten Landkarte im Klassenraum. Im Erdkundeunterricht wurde über Städte oder Länder im Westen gesprochen, während sich alle fragten, was für eine dicke rote Linie durch das Land gezeichnet war. Politik, damals Gemeinschaftskunde, war ein Fach für spätere Klassen. “Made in West-Germany” auf dem ferngesteuerten Spielzeugauto klang so lange nach Ausland, bis der Englisch-Unterricht startete. Das war ziemlich genau in dem Jahr des Mauerfalls. Revolution in der Pubertät.

Wir verbrachten Stunden vor dem Fernseher, damals, als die “Flüchtlinge” in der Botschaft fest saßen. Zwei, drei Jugendjahre mehr und ich wäre mit Kumpels direkt nach Berlin aufgebrochen, um es live zu erleben. So flackerte uns die gute alte Blaupunkt-Röhre die Deutsche Einheit auf allen sechs zur Verfügung stehenden Kanälen entgegen. Plötzlich lief dasselbe Programm in allen Unterrichtsfächern gleichzeitig.

Den ersten Sonntag ging es in die Zone. Wir hatten keine Verwandten zu besuchen, aber unsere Eltern nutzten die gewonnene Einreisefreiheit für einen Familienausflug. “Diese Straßen”, höre ich meinen Vater noch rufen. Pflastersteine auf der Landstraße setzten unserem Wagen zu. Es roch nach Kohle am Ausflugsort. Die Straßen waren von Asiaten gesäumt, die Kinderspielzeug und Zigaretten verkauften. Eis war unfassbar günstig, dafür neongelb. Ansonsten gab es wenig Farbe, was wohl an den fehlenden Reklametafeln lag.

Unsere Klassenlehrerin nutzte Kontakte in die “Zone”. Als Helmut Kohl seinen Waldspaziergang mit Gorbatschow beendet hatte, die Tinte unter den Verträgen trocken war, nahm jeder von uns für vierzehn Tage einen Austauschschüler aus Aschersleben auf. Wir zeigten unsere Wessi-Stadt ohne die Spur einer Ahnung zu haben, welchen Eindruck dies auf unseren Besuch machte.

Woran ich mich erinnere? Wir gingen ins Raucherkino. Werner Beinhart, das muss kesseln. Ich knutschte den ganzen Film mit einer Austauschschülerin, die es auf mich abgesehen hatte. Die Mädels von drüben sind nicht so spießig, wie unsere hier, dachte ich. Der Rest ist Geschichte.

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Von Christoph Zeuch

Der kommunale Bürgerwille aus Altona soll ‘verbindlich’ werden. Ein aktuelles Bürgerbegehren wünscht sich dies für direktdemokratische Entscheidungen. Wenn Sie das Kreuzchen noch nicht gemacht haben, lassen Sie uns kurz über das Wesen der Demokratie nachdenken.

Keine Sorge, keine Vorlesung, ein Blick in Artikel 20 GG reicht: “Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen (…) ausgeübt.” Soviel zu den Rechten, die natürlich auch für kommunale Belange gelten.

Kommen wir zu den Pflichten: Sowohl die parlamentarische, als auch die sogenannte Direkte Demokratie, kommen nicht ohne ständiges Engagement von Bürgerinnen und Bürger aus. Dies sind keine Gegensätze aber es kann nicht ausreichen, alle paar Jahre mit einem Kreuzchen die Meinung zu artikulieren. ‘Irgendwer wird es schon machen’ ist eine faule Ausrede in der Demokratie.

Jeder kennt genügend Leute, die von einer Mitwirkungspflicht noch nicht viel gehört haben. Sie wollen in Ruhe gelassen werden und trauen anderen vermutlich genauso wenig über den Weg wie sich selbst. Demokratie lebt vom Engagement. Egal, wie Sie sich entscheiden: Seien Sie doch mal verbindlich und teilen Sie Ihre Meinung mit! (cz)

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Am Donnerstag haben sich Mitarbeiter von Gruner + Jahr dem Anlass entsprechend gekleidet. Quelle: Internet

Mahlzeit, liebe G+J-Kollegen. Hoffentlich hat das “Dinner in Schwarz” in der Betriebskantine geschmeckt?

So langsam wird klar, was manche Verleger mit “Transformation” (Bertelsmann neulich zur Streichung von  400 Stellen im eigenen Hause G+J) meinen, wenn sie über Notwendigkeiten und den digitalen Medienwandel sprechen. Beim SPIEGEL (Bertelsmann hat eine Sperrminorität), läuft “Transformation” vorerst noch in eine andere Richtung, wie die Schriftstellerin Julia Franck bei NDR Kultur kritisierte. Die Zusammenarbeit von SPON und Amazon nannte sie eine “janusköpfige Allianz“.

Dahinter steckt zwar auch eine fundamentale Kritik am Funktionsmechanismus der digitalen Welt. Unter den Radar von Top 10-Listen verschwindet nicht nur viel. Es verändert sicher den redaktionellen Produktionsmechanismus, wenn Inhalt in direkte Handelsbeziehungen des Verlages eingeflochten ist. Andererseits schlägt die Kritikerin vor, die Verlage sollten doch selbst in Konkurrenz zu Amazon treten und einen eigenen Handel betreiben.

Funktioniert der publizistisch-digitale Wandel nur, wenn Verlage ihren Aktionsradius vergrößern, mehr Kaufleute als Journalisten engagieren, mehr Handelsgeschäfte eingehen? Verlassen sie damit nicht den Kern ihrer (ursprünglichen) publizistisch-journalistischen Ausrichtung? Welche Ursachen gibt es dafür?

Der SPIEGEL warf Mathias Döpfner noch in einer Januar-Ausgabe vor, aus dem Axel-Springer-Verlag einen “Supermarkt” (u.a. Handelsmarken “Volks.”, bekannt ist die “Volks.Pizza” und viele weitere sind in der Markendatenbank beim Patentamt nachschlagbar) zu machen. Wer im Glashaus sitzt…, mag mancher ASV-Manager gedacht haben. SPIEGEL-Ableger SPON verknüpft seine redaktionellen Bestsellerlisten nämlich mit der Amazon-Bestellseite im Rahmen eines sogenannten Affiliate-Deals. Es gibt Provision beim Verkauf der Bücher.

Zwischen “Volks.Pizza” und Spiegel-Bestseller liegen Welten – bereits manifestiert durch die staatliche Buchpreisbindung. Funktional macht es aber keinen Unterschied. Plötzlich verkauft ein Verlag eine Ware oder Dienstleistung oder betätigt sich als direkter Mittler. Kann ein Haus die nötige Distanz zu Unternehmen und Produkten wahren, die für die Wahrnehmung ihres journalistischen Auftrages wesentlich ist?

Müssen wir jetzt wirklich darüber sprechen, ob und wenn ja, mit welchen Waren und Dienstleistungen ein publizistisches Unternehmen direkte Erlöse erzielen darf? Wie weit soll das gehen? Was hat das mit Presserecht zu tun? Sollen wir als Lokalzeitung einen schmierigen Beitrag zu einem tollen Luxusloft in Ottensen schreiben und mit dem Makler eine Provision vereinbaren? Wieso sollte ein Makler dann nicht – wie im Fall von Engel und Völkers bereits in Hamburg geschehen – selbst einen Verlag aufbauen und lobhudelnde Immobilientexte als Lifestyle-Journalismus in den Elbvororten verteilen? An meinem Briefkasten stand: “Bitte keine Werbung”, aber der Postbote machte hier wohl keinen Unterschied mehr.

Die politisch spannende Frage ist, welche Gegebenheiten Journalisten in einer digitalen Welt vorfinden, in der Marketingmitarbeiter von Unternehmen behaupten können, sie seien ebenfalls Journalisten. Eine digitale Welt, in der die deutliche Kennzeichnung eines gewerblichen Interesses als “Anzeige” im Gegensatz zur analogen Welt eine Kür, aber keine Pflicht ist. Eine digitale Welt, in der Vermarkter wie Google dem Publizisten nur den Klick bezahlen und einzelne Mediaagenturen enorme Werbevolumen verwalten und dort buchen, wo es die höchste Provision gibt.

In der Chaosforschung spricht man von einem Schmetterlingseffekt, wenn komplexe Systeme mit großer  Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen ihrer Anfangsbedingungen reagieren. Das trifft für journalistische Medien sicher zu. Viele Verlage opfern ihre Grundprinzipien im Überlebenskampf. Die Staatsorgane sollten dringend in der Verfassung nachschlagen und klarstellen, bis zu welchem Punkt gewerbliche Interessen gehen können. Sind diese “Meinung, Kunst oder Wissenschaft”, wie aus Artikel 5 hervorgeht? Ist das Presse? Sollte dies so sein, dürfte das “Dinner in Schwarz” so lange laufen, bis die Kantine geschlossen ist und erst dort wieder aufmacht, wo ein Unternehmer vorschreibt, was wie zu berichten ist. (cz)

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Hamburg / Kiel. Offenbar haben heute einige Redaktionen nur repetiert, was eine Agentur vorgetextet hatte. Durch die Republik stand in vielen Headlines: “Ehefrau von Olaf Scholz wird Ministerin” (u.a. Abendblatt, Welt, Focus, Bild). Ein weit überwiegender Teil verzichtete an der Stelle schlicht auf den Namen der designierten Bildungsministerin für Schleswig-Holstein.

Man hätte einfach den Namen der langjährigen Politikerin in die Überschrift setzen können. Nach kurzer Recherche dürfte schließlich noch aufgefallen sein, dass Britta Ernst sogar nicht einmal so heißt wie Olaf Scholz. Nun, offenbar war genau dies der Grund. Die Entscheidung für das Marketing lautete: Es verkauft sich besser. Nutze den bekannteren Namen.

Klicks sind leider die Währung, die insbesondere im Digitalen zu immer mehr Exzessen führen. In den Augen der Verantwortlichen sollte eigentlich sachliche Bewertung vor Marketinginteresse stehen. Besonders tragisch: Die Klickheadline erhielt Einzug auf manche gedruckte Titelseite. Der neue Verkaufsmechanismus von Nachrichtenagenturen lässt grüßen, denn hier wird längst mit Priorität für die digitale Welt gearbeitet.

Es verwundert kaum, dass gerade Digitalmedien immer stärker in den Boulevard abdriften. Dass Top-10-Rankings, Reizbegriffe, unlautere Versprechen immer mehr Einzug finden und sachliche Aufklärung verdrängen. Das digital-ökonomische Mediensystem, es benötigt eine Währungsreform. Bleiben Klicks die Leitwährung, wird Emotion immer häufiger vor Aufklärung gestellt.

Dies ist natürlich alles nur eine exemplarische Randbeobachtung. Wenn ich eine Frau wäre, hätte ich noch ein ganz anderes Problem damit. Drehen wir das Thema doch mal um: “Ehemann von Britta Ernst plant Kandidatur in Hamburg”? Funktioniert (noch) nicht. Als neue Bildungsministerin hat Britta Ernst dann also doch noch eine Aufgabe mehr als gedacht.

Der offene Brief an den Konzernvorstand der WPP plc (PDF) wurde nicht nur von Fatih Akin unterschrieben. Verleger, Theaterleute, Geschichtsforscher, Schauspieler und weitere sind seit Wochen dabei sich zu vernetzen. Sie wollen den vermeintlichen ‘Kreativkonzern’, der sein Geld weit überwiegend mit dem Handel verdient, mit kreativen Mitteln bearbeiten. Der offene Brief an Sir Martin Sorrell ist als Beginn einer Protestkampagne geübter Ottenser zu verstehen.

Ein kreatives Mittel darin nennt sich Zynismus, die wohl schärfste Texterwaffe. Verdruss scheint durch, wenn über die Hafencity zu lesen ist:

“Eigens für international agierende Unternehmen wie die WPP Group hat die Stadt Hamburg mit erheblichem Aufwand unter anderem die begehrtesten Flächen in der Hafencity erschlossen. Sie beschäftigen die kreativsten Köpfe der Stadt. Nutzen Sie diese Kreativität dazu, die Hafencity lebenswert zu machen. Bauen Sie dort etwas auf, worauf Sie und Ihre Mitarbeiter stolz sein können.”

oder

“Der einzigartige Kulturort Ottensen ist bereits filetiert, ausverkauft und schwer verwundet von „Entwicklern“…”

Politik und Senat sollten diese Rebellion der Kreativwirtschaft aus Ottensen nicht nur ernst nehmen, sondern sich auch Gedanken über ihre Vergabepolitik machen. Auslöser der ganzen Sache war offenbar auch der Grundpreis, den man für das Grundstück trotz angedachtem Sozialen Wohnungsbau verlangte. Erst dies brachte eine Suche nach mehr Wirtschaftlichkeit ins Rollen, obwohl der Senat doch gerade zu Wohnungsbau auf Gewerbeflächen aufgerufen hatte.

Das Kaufpreisangebot der Liegenschaft kam wissentlich vor dem Hintergrund, dass eben genau dieses Gebiet bereits massive Aufwertung in den zurückliegenden Jahren erfahren hat. Wer dazu Fachliches sucht, sollte bei der städtischen Baubehörde und dem Bezirk anklingeln, denn seit 2011 arbeitet man hier aus den beschriebenen Gründen sogar eine Soziale Erhaltungsverordnung für das Gebiet aus.

Die Debatte bewegt sich zwar gegenwärtig auf dem juristischen Level von Baupolitik. Viele Menschen fragen sich aber auch, wer eigentlich dieser weltgrößte Werbekonzern WPP ist und wofür er steht. Seitdem das Wort “Wirtschaftsförderung” gefallen ist, darf man sich zudem fragen, aus welchen Gründen hier eine ‘Förderung’ überhaupt angebracht ist und welche Wechselwirkungen eine solche innerhalb des gewerblichen Marktes auf andere Teilnehmer haben könnte.

Das Wegbrechen von Arbeitsplätzen in den publizistisch-journalistischen Medien öffnet derzeit viele Flanken für Unternehmen wie WPP, das bestätigen Kollegen und Gesprächspartner aus der Branche. Ein Blick in die Geschäftsberichte des Konzerns reichen vielleicht, aber auch das Wissen, dass über Macht und Kontrolle von Werbung heute ein wesentlicher Einfluss auf die Entwicklung von Medien und damit auch auf die Gesellschaft geltend gemacht wird.

WPP kontrolliert über Tochterfirmen wie Group M enorme Werbeausgaben (die Rede ist von mehr als 50% aller Media-Werbeausgaben in Deutschland). Wenige Medien sind in einer Medienkrise bereit bzw. in der Lage, solche Marktkonzentration zu kritisieren (Hintergrundbeitrag, PDF). Die Entflechtung eines dermaßen konzentrierten Marktes, statt “Wirtschaftsförderung” aus Steuermitteln, wäre sicher eine ausgewogenere sozialmarktwirtschaftliche Grundhaltung und Medienpolitik für Hamburg.

Die Präsentation einer solchen Angelegenheit, die den Behörden spätestens seit dem 16. April bekannt war, nach ‘Kommunalwahlen’ und kurz vor der parlamentarischen Sommerpause, steht für sich.

Hamburg / Altona / Ottensen. Die Kommission für Bodenordnung (KfB) hat die Entscheidung über eine Grundstücksvergabe am Donnerstag vertagt. Das Thema wird nach Informationen von ALTONA.INFO nun im Grundstücksausschuss der KfB bewegt, bevor es dann wieder zur Abstimmung Anfang Oktober ansteht. Konflikte gab es zum Thema einer “Wirtschaftsförderung” und der sogenannten “Anhandgabe”.

Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD), selbst eigentlich kein Mitglied der Kommission, soll nach Informationen von ALTONA.INFO aus mehreren Quellen das Wort ergriffen und seinen Unmut über das Vergabeverfahren geäußert haben. Dass sich ein Senator überhaupt in die KfB-Diskussion einbringe, sei ein äußerst seltener Fall, heißt es dabei. Die Vorlage der Wirtschaftsbehörde (BWVI) zum Aspekt einer sogenannten “Wirtschaftsförderung” wird aus Kommissionskreisen als völlig unzureichend und dürftig beschrieben. Präzise Aussagen gab es wohl nicht. Der Grundstücksausschuss werde sich mit dieser, aber auch der juristischen Frage der Anhandgabe noch beschäftigen müssen, zumal sich im Rahmen des damaligen Anhandgabeverfahrens nach Informationen von ALTONA.INFO neben Procom auch zwei andere Unternehmen für einen Wohnungsbau auf dem Grundstück des Zeise-Parkplatzes beworben hatten. Befürchtet werden offenbar juristische Auseinandersetzungen für den Fall, dass das städtische Grundstück unter anderen Bedingungen als Wohnungsbau anhandgegeben wird. In dem 2010 durchgeführten Ideenträgerwettbewerb ging es nach Informationen von ALTONA.INFO ausschließlich um den Aspekt, Gewerbeflächen für Wohnungsbau vorzuschlagen.

Nach unseren weiteren Informationen ist die Sitzung des Grundstücksausschusses nun für Ende September geplant. Vor Oktober könne es daher zu keiner Entscheidung über einen Verkauf des öffentlichen Grundstückes kommen. Ende Oktober läuft auch die Frist zur Anhandgabe aus. Offen bleibt nun noch, ob die KfB der Hamburgischen Bürgerschaft das Thema zur Entscheidung vorlegt. Dann könnte auch eine parlamentarische Debatte über das Vorhaben und die genauen Umstände der plötzlichen Umorganisation der Fläche erfolgen.

Zwischenzeitlich liegt auch die Antwort auf die Kleine Anfrage (20/12858, PDF) der Bürgerschaftsabgeordneten Heike Sudmann (DIE LINKE) vor. Demnach sei die Liegenschaft bereits am 16. April über anderweitige Pläne des Investors für das Grundstück informiert worden. Damit verdichten sich nun amtsseitig bestätigt auch bisherige Vermutungen, dass das Thema offenbar aus dem Bezirkswahlkampf herausgehalten werden sollte, sicherlich aber bereits vorher in den Senats- und Fraktionsspitzen bekannt sein dürfte. Welche amtlichen Informationen hier von welcher Seite zu welchem Zeitpunkt genutzt wurden, ist aktuell unklar. Nach Auskunft von Procom war – wie berichtet – etwa im März klar, dass es zu veränderten Plänen kommen werde.

Zur Praxis der Anhandgabe fragte die Abgeordnete Heike Sudmann noch genauer nach. “Nachdem über mehrere Jahre keine der Bebauungsplanausweisung als Kerngebiet entsprechende gewerbliche Nutzung realisiert werden konnte, erfolgte 2013 die Anhandgabe des Grundstücks schließlich mit dem Ziel einer Wohnbebauung”, antwortet der Senat und räumt ein: “Bei einer wesentlichen Abweichung von den Nutzungsvorgaben hat der Anhandgabenehmer keinen Anspruch mehr auf das Grundstück. Gleichwohl kann ihm dieses bei einer entsprechenden Entscheidung der Kommission für Bodenordnung zu den ursprünglich vereinbarten oder geänderten Bedingungen verkauft werden. Diese Antwort sorgte offenbar auch für die beschriebenen Auseinandersetzungen in der KfB, in der die SPD über eine absolute Mehrheit verfügt.

Welches alternative Szenario gibt es noch? Die Pläne für den Wohnungsbau könnten nach Angaben von Procom jederzeit wieder aktiviert werden und müssten wohl auch bis Ende Oktober auch wieder auf den Tisch, zumal die Anhandgabe bis dahin befristet ist. Ein Spiel auf Zeit, zumal auch vor jeder Entscheidung für welches Bauprojekt auch immer eine Reihe von Unterlagen, etwa zur Finanzierung, beizubringen sind.

Ein wesentlicher Grund, weshalb es zu einem Schwenk von Wohnungsbau auf Gewerbe kam, ist nach Recherchen offenbar mit dem hohen Grundverkaufspreis der Stadt Hamburg verbunden. Zusammen mit der vorliegenden Baulast, auf dem Grundstück auch 130 Parkplätze für das Zeise I bereithalten zu müssen, hätten freifinanzierte Luxuswohnungen neben den 50% geförderten Wohnungen entstehen sollen, um wirtschaftlich investieren zu können, heißt es aus Kreisen der Kommission. Dies deckt sich auch mit Angaben von Procom.

 

“Wir sind viele” – Ottenser Künstlerszene interveniert gegen weltgrößten Werbekonzern

Was in der Sommerpause schon klar wurde, hat sich nun auch in einem Schreiben von prominenten Entscheidern aus der Ottenser Kulturszene manifestiert. In Ottensen stellten sich zahlreiche prominente Künstler, u.a. Fatih Akın, mit einem öffentlichen Brief (unten im Wortlaut) gegen das Vorhaben und adressieren sich dabei sogar direkt an den Konzernvorstand aus London, etwa mit den Worten “Wir sind viele, wir sind hervorragend vernetzt, und wir haben einen langen Atem.”

In der Altonaer Politik ist die Meinung aktuell gespalten. Während sich die SPD-Fraktion aus dem Gesamtbezirk den Ansiedlungsplänen offenbar nicht in den Weg stellt, votierten SPD-Ortsverbände und einzelne Vertreter aus dem Altonaer Kerngebiet jedoch nach Informationen von ALTONA.INFO gegen das Vorhaben. Konkrete Beschlüsse gibt es jedoch auch bei den GRÜNEN nicht. Es heißt hier aus Fraktionskreisen, dass man Wohnungsbau bevorzuge. Auch die CDU in Altona hat noch keine abschließende Meinung zu dem Thema und will sich die Wirtschaftsdaten genauer anschauen.

Die Bezirkspolitik hätte im Übrigen nach Auskunft des Fachamtes im Bezirksamt Altona gegenüber ALTONA.INFO jederzeit die Möglichkeit, den Bebauungsplan von 1997 für das Gebiet entsprechend zu ändern und alle anderslautenden Bauvorhaben dadurch zurückzustellen. Einen manifesten politischen Willen für Einleitung gibt es jedoch nicht. Für Samstag, den 13. September, haben Initiativen um 15:00 Uhr zu einer Demo auf dem nebenliegenden Kemal-Altun-Platz aufgerufen.

Ergänzung / Der offene Brief von prominenten und Künstlern im Text (PDF):

Offener Brief an Martin Sorrell, Chief Executive Officer (CEO)
der WPP Group in London sowie an Richard Franz Karpik,
Geschäftsführer der WPP Deutschland Holding GmbH in Frankfurt a. Main
Sehr geehrter Herr Sorrell, sehr geehrter Herr Karpik,
die Zusammenlegung der Aktivitäten Ihrer Agenturen in Hamburg ist wirtschaftlich sicher eine sinnvolle
Entscheidung, gerade von London und Frankfurt aus. Und sicherlich sind Sie es gewohnt, dass man
Ihre Ideen auch umsetzt. In diesem Fall würden wir uns jedoch wünschen und anraten, dass Sie Ihr
Vorhaben nochmals überdenken.
Eigens für international agierende Unternehmen wie die WPP Group hat die Stadt Hamburg mit erheblichem
Aufwand unter anderem die begehrtesten Flächen in der Hafencity erschlossen. Sie beschäftigen die
kreativsten Köpfe der Stadt. Nutzen Sie diese Kreativität dazu, die Hafencity lebenswert zu machen.
Bauen Sie dort etwas auf, worauf Sie und Ihre Mitarbeiter stolz sein können.
Wie Sie vermutlich wissen, wurde in Hamburg bereits im Frühjahr eine Wohnbebauung für den Standort
Zeise-2 vorgestellt, übrigens auch mit öffentlich geförderten Wohnungen. Dieser Bebauungsplan, der ebenfalls
von Ihrem Projektentwickler dargelegt wurde, ist bei der Bevölkerung Ottensens auf Zustimmung gestoßen.
Deshalb richten Sie Ihre neue Idee und die Energie Ihrer Mitarbeiter heute nicht gegen die Bevölkerung
des organisch gewachsenen Wohn-Stadtteiles Ottensen, der seine auch von Ihnen geschätzte Atmosphäre
und Attraktivität den Läden, den kulturellen Angeboten, den kleinteiligen Gewerben und den Menschen
verdankt, die diesen Ort seit vielen Jahren aufgebaut haben und prägen. Denn wir kämpfen hier Tag für Tag
gegen Verdrängung und um den Erhalt dieser Errungenschaften.
Sie sind hier jederzeit willkommen – als Besucher unserer Bars, als Musikfan in der Fabrik, als
Genießer und Flaneur in unseren Restaurants und Theatern und zu Premieren in den Zeise Kinos.
Kommen Sie als neue Bewohner und nicht als Verdränger gewachsener Strukturen.
Vielleicht suchen Sie sich bessere und ortskundigere Berater. Der einzigartige Kulturort Ottensen ist
bereits filetiert, ausverkauft und schwer verwundet von „Entwicklern“ vom Schlage einer Procom Invest –
die vielleicht etwas von Einkaufszentren verstehen.
Einen weiteren Bürokomplex für 850 Mitarbeiter verkraftet dieser Stadtteil nicht. Wir wehren uns gegen den
Ausverkauf Ottensens an einige wenige Profiteure. Und gegen die Politiker, die sich spekulationsgetriebenen
Immobilienfirmen wie Procom Invest mehr verpflichtet fühlen als den Bürgern, die hier leben.
Was wir dagegen setzen, sind unser Mut, unsere Geradlinigkeit, unsere Kreativität – und vor allem unser
Herz – das Herz von Ottensen. Halten Sie uns bitte nicht für naiv und unterschätzen Sie uns nicht.
Denn wir sind hier schon lange zu Hause. Dies ist unser Terrain, unser Stadtteil. Wir sind viele, wir sind
hervorragend vernetzt, und wir haben einen langen Atem.
Bei allem gebotenen Respekt – wir fordern Sie auf: Nehmen Sie Abstand von Ihrer Idee
und verzichten Sie auf dieses Projekt.
Wir laden Sie herzlich ein, sich selbst ein Bild der Situation vor Ort in Ottensen zu machen.
Wir legen Ihnen gern in einem persönlichen Gespräch unsere Argumente dar.
Mit freundlichen Grüßen, as-salāmu ’alaikum

Die recht sonnige Darstellung zeigt die Gebäudefassade zur Friedensallee. Einen gestalterischen Wettbewerb soll es nach Angaben nicht mehr geben. Bild / Visualisierung: Quantum/Procom

Hamburg / Altona / Ottensen. Die weltgrößte Werbeholding WPP plant auf dem Zeise-Parkplatz in Ottensen tatsächlich eine große Niederlassung für seine Agenturen. In den Sommertagen saß man mit Beratern und dem Amt zusammen, musste kleine Abstriche von Plänen machen. Nun, da Bürger aus den Ferien und die Politik aus der parlamentarischen Sommerpause zurück sind, geht alles blitzschnell. Versuch eines Überblicks mit Kommentar.

Am Donnerstag, den 4. September, stellten die Investoren Quantum und Procom ihre Mieterpläne vor und bekamen nach Informationen von ALTONA.INFO zumindest bei den Fraktionen von SPD und GRÜNE in Altona (nicht den Parteien) positive Unterstützung. Dann wurde am Freitag eilig eine Pressekonferenz einberufen. Wenige Tage später, am 11. September, könnte es ohne eine einzige parlamentarische Debatte zum Thema bereits zu Fakten zur Ansiedlung des Werbekonzerns kommen. Die Kommission für Bodenordnung (KfB) tagt. Ein Gremium aus Bürgerschafts- und Bezirksabgeordneten kann den Verkauf des Grundstückes durchwinken oder noch eine Befassung in der Bürgerschaft beschließen.

Geht der Megadeal für das städtische Grundstück einfach so über die Bühne? Viele Ottenserinnen und Ottenser dürften erst in diesen Tagen, nach eigenem Sommerurlaub, über das Thema erfahren. Ursprünglich waren 50% Sozialwohnungen auf dem Parkplatz am Zeise bei über 80 Wohnungen insgesamt geplant. Ein Wettbewerb wurde bereits entschieden, es fehlte lediglich noch der Bauantrag (wir berichteten). Die Kommunalpolitik schwärmte von einer guten Lösung für Ottensen. Die Finanzbehörde und ihre Liegenschaft sollte noch das anhandgegebene Grundstück an Procom, auch bereits Betreiber und Vermieter der Zeise-Hallen, verkaufen. Von dieser Seite hieß es sogar im Januar, im Sommer 2014 sei Baubegin für geförderte Wohnungen, die so dringend in Ottensen benötigt werden, um die Preisspirale nicht weiter und weiter anzuheizen.

 

zeise-parkplatz-ottensen


Liegenschaft verlangte sehr hohen Grundpreis für Wohnungsbau

Wochen später kommen mühsam ein paar neue Fakten auf den Tisch und das Feld muss in großen Teilen von Hinten aufgerollt werden. Gebaut wird später und es soll Gewerbe statt Wohnen werden. Die mögliche Antwort auf eine kaufmännische Grundfrage über den Dingen irritiert: Können Investoren mit der Vermietung von Bürofläche soviel mehr Geld verdienen als mit Wohnimmobilien? Gerade in Ottensen?

Eigentümer des Grundstückes ist die Stadt Hamburg. Nach Informationen von ALTONA.INFO soll die FHH, trotz angeblicher Konzeptausschreibungspraxis und Zusicherung von 50% gefördertem Wohnungsbau (eigentlich eine  Übererfüllung des sog. Drittelmixes), einen sehr hohen Grundpreis für das Grundstück  verlangt haben. In der Kalkulation, das gibt Procom auf der kürzlichen Pressekonferenz zu, hätte der hohe Anteil von Sozialwohnungen zu Luxuswohnungen im selben Objekt für den frei finanzierten Teil geführt. Weshalb verlangt die Stadt eigentlich viel Geld für ein Grundstück, auf dem ein hoher Anteil Sozialwohnungen entstehen soll? Die Verteuerung des Umfeldes selbst, die massiven Grund- und Marktpreissteigerungen der letzten Jahre in Ottensen, haben die Messlatte wohl immer höher gelegt. Das zeigt auch, wie schwer es offenbar ist, überhaupt noch geförderten Wohnungsbau in Ottensen zu realsieren.

Bereits Monate vor der Verkündung, das bestätigte Procom, etwa im März 2014, sei es dann nach  Verkündung der Pläne für Wohnungsbau zu anderen Überlegungen gekommen. Zu diesem Zeitpunkt kamen ein Makler und der Projektentwickler Quantum hinzu. Jetzt will man in einem Joint Venture, einer gemeinsamen Firma mit Procom als Bauherr auftreten. Der Mietvertrag mit WPP über mindestens zehn Jahre ist bereits geschlossen. Die Investitionssumme für den geplanten Bau mit 13.000m² Nutzfläche, einem Cafe, etwas weniger Parkplätzen als bei Wohnen und sechs Vollgeschossen soll bei 65 Mio. Euro liegen.

 


Bürger gingen sofort auf die Straße – Unterschriftenlisten kursieren

Procom-GF Dennis Barth versteht den Protest gegen die Ansiedlung nicht. Nach der erstmaligen Verkündung in der Mopo und einem Beitrag im Abendblatt formierte sich erster Widerstand zum Thema. Etwa zweihundert Ottenser gingen auf die Straße mit Schildern und Argumenten für Wohnungsbau und gegen die Ansiedlung. Politiker kritisierten die übereilte plötzliche Enscheidung und die Rolle eines ehemaligen Bezirkspolitikers, der nach eigenen Angaben lediglich als Berater in bautechnischen Fragen nach Ende seines Mandates fungierte.

Zentral sei dieser Protest auch von einem Mieter des Zeise-Hauses ausgegangen, berichtet Barth, der eine Katalogbroschüre präsentiert, wo eben dieser Mieter selbst eine Art von Werberpark in den Zeisehallen vorschlug. Dazu kam es nicht.

Frank Bohlander, Geschäftsführer von Quantum AG, verweist auf zahlreiche andere Wohnprojekte, etwa den Suttnerpark, wo er zusammen mit der SAGA geförderte Wohnungen realisiere. Andererseits verschwänden überall auch Gewerbeflächen. Im Umfeld des Hermes-Hochhauses plane seine Firma an hunderten Wohnungen und es gäbe noch zahlreiche weitere Wohnprojekte.

Die Initiative “Pro Wohnen” sammelte derweil etwa über 2.000 Unterschriften für eine Petition und weitere über 1.000 Unterschriften für ein Schreiben an das Bezirksamt Altona. Während die Fraktionen aus der Bezirksversammlung das Thema offenbar überwiegend begrüßen, stößt es in der örtlichen Politik der Ortsverbände auf Gegenwehr. Die SPD-Ortsverbände aus Altonas Zentrum, am deutlichsten wohl die SPD in Ottensen, soll nach Informationen von ALTONA.INFO gegen die Ansiedlung sein.

Bildergalerie – Demostranten zogen bereits einmal durch Ottensen. Am Samstag, den 13. September ist eine weitere Kundgebung geplant.

 


Mitarbeiter werden aus betriebswirtschaftlichen Gründen zusammengezogen

Bis zu 850 Mitarbeiter sollen hier arbeiten, so WPP-Deutschland-GF Richard Karpik gegenüber ALTONA.INFO. Man könne “im Gebäude aber noch wachsen”. Die Idee der Zusammenlegung sei insbesondere eine betriebswirtschaftliche. Alle Agenturen, darunter u.a. Sektionen von Scholz & Friends, sollen sich einen gemeinsamen Empfang, Kantine und weitere Ressourcen in einem Gebäude teilen. Der Weg zu diesem Haus sei jedoch keine Expansion und dies soll auch den Standort Hamburg gegenüber anderen Niederlassungen nicht aufwerten, merkt Karpik an. Die Zentrale von WPP wird aus London geleitet. In der Deutschland Holding, die nach niederländischem Recht geführt wird, sitzen nur ein Dutzend Kaufleute. Andere Niederlassungen sind etwa auch in Berlin, Düsseldorf, München. Man habe sich ein wenig über das Entsetzen vor Ort in Ottensen gewundert und sei schließlich selbst nur Mieter. Ein Makler hatte über 20 Objekte und Orte für das Projekt vorgeschlagen, so Karpik.


Kritik zur Geschäftspraktiken von WPP-Agenturen

Bei unser Recherche äußerte sich ein ehemaliger Manager aus dem eigenen Lager kritisch zu WPP und seinen Agenturen. Scholz & Friends habe schon einmal in Berlin ein ‘Zusammenziehen’ zu einer größeren Einheit wie hier in Ottensen probiert, sagt die Person, die unerkannt bleiben möchte. Dabei gab es mal ein Prinzip bei der Agentur, gerade aus kreativen Gründen auf besonders kleine Einheiten zu setzen. Abseits dessen brauche Ottensen schlicht keine großen Werbeagenturen.

Fundamentale Kritik gibt es jedoch auch zur Geschäftspraxis von WPP.  Scholz & Friends, die jetzt in der Friedensallee Hauptmieter werden sollen, gehören erst seit 2011 zu WPP. Damals kaufte die mit Abstand weltgrößte Werbeholding die S&F-Mutter Commarco. So geht es bei WPP schon seit Jahren. Immer neue Akquisitionen in das Netzwerk der börsennotierten WPP plc verstärken einen bald uneinholbaren Einfluss in der Branche. In der Praxis nimmt die Holding durch ihre Marktmacht einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung von Medien – weltweit. WPP macht Umsätze im zweistelligen Mrd.-Bereich, ist mit über 160.000 Mitarbeitern und 3000 Standorten in über 110 Ländern vertreten. Agenturen wie Grey Global Group, Ogilvy & Mather Worldwide, Young & Rubicam, JWT, Hill & Knowlton, Burson-Marsteller, GroupM, Cohn & Wolfe
und The Brand Union gehören als größere Agenturen dazu. S&F ist da eher ein kleines Licht im Dschungel der Beteiligungen, die zudem noch steueroptimiert verteilt sind. So arbeiten beispielsweise zentrale Niederlassungen in Deutschland nach niederländischem Recht.

Brancheninsider, wie der ehemalige Mediaagentur-Chef und Manager Thomas Koch (tkm starcom, crossmedia), kritisieren WPP seit Jahren und auf Konferenzen insbesondere für die Praxis ihres Mediageschäftes, d.h. dem Einkauf von Werbeflächen für Dritte. Ein lange geschriebener Kodex der Branche, die marktregüläre und einheitliche Provisionierung mit 15% AE (Agenturexpedition) hat WPP schon vor Jahren durchbrochen und ersteigert seitdem, etwa über GroupM (Marktanteil am Werbeflächen-Einkauf in Deutschland über 50%) billig Restposten für Werbeplätze, bringt Anbieter dadurch massiv unter Druck. Auf eigene Rechnung billig gekaufte Flächen werden dann teurer an Kunden weiterverkauft. Durch diese Trading-Praxis der hohen Abschläge auf Werbeleistungen gelingt es WPP offenbar nicht nur sehr viel Geld zu verdienen, sondern auch, immer mehr Wettbewerber auszustechen. Verdient man auf der einen Seite mehr, können Honorare gesenkt werden. Manager anderer Werbeagenturen, Fachdienste und Publizisten sprechen hier in der Branche von vernichtenden und unhaltbaren Zuständen (mehr Infos in einem Fachartikel, PDF).

 

KOMMENTAR

Die Frage hinter einer solchen Ansiedlung in Ottensen stellt sich nicht nur auf Basis der Bewertung von sozialpolitischen Auswirkungen auf das aktuelle Anwohnerumfeld. Eine gute Basis ist hier schließlich ausreichend in Studien zur Sozialen Erhaltungsverordnung für den Bereich Ottensen-West selbst aufgeführt. Kurzer Blick in die amtlichen Argumente: Ja, Ottensen braucht viel mehr Beruhigung und keine Aufwertung. Deshalb will man schließlich seit 2011 die Erhaltungsverordnung erlassen.

Die Ansiedlung ist auch nicht nur eine wirtschaftspolitische Frage. Eröffnet sie tatsächlich konkrete Arbeitsmarktchancen, etwa eine nennenswerte Mehranzahl sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigungen? Branchenkenner wissen, Praktikumsverhältnisse sollte man von den 850 angeblichen Arbeitsplätzen vorher abziehen.

Zur Thematik kommen in Hamburg aber auch noch medienpolitische Gründe hinzu. Eine Medienstadt müsste eigentlich auch verstehen, welche strukturellen Einflüsse solche Ansiedlungen mit sich bringen. Einerseits in Wechselwirkung auf anderen Werbeagenturen selbst, aber auch auf die publizistische Medienwelt. Ein wenige Recherche und die Lektüre von Fachbeiträgen hilft hier sicher.

Juristisch betrachtet ist nicht verständlich, weshalb eine Anhandgabe für Wohnungsbau so einfach in eine Anhandgabe für Gewerbebau gewandelt werden kann, wenn der wesentliche Grund der priorisierten Überlassung nicht mehr vorliegt. Müsste die Fläche dann nicht ausgeschrieben werden?

Die Komplexität des Themas lässt nur erahnen, dass hier gerade ein toxischer Cocktail zusammengemixt wurde. Ohne politische Debatte und ausführliche Analyse ist dieser sicher kaum genießbar.

 

 

 

Und schon wieder holt uns eine Hiobsbotschaft ein. Diesmal streicht Gruner + Jahr Arbeitsplätze. 400 Stellen sollen in drei Jahren, insbesondere auch in Redaktionen in Hamburg abgebaut werden. Bei Bertelsmann, dem beherrschenden Konzern hinter dem Verlagshaus am Baumwall, wurden 75 Mio. Euro als Einsparvolumen im Rahmen der “laufenden strategischen Transformation” (was auch immer das bedeuten mag) auf die Haben-Seite zusammenrechnet. Gruner + Jahr hatte erst im letzten Jahr durch die Einstellung der FTD hunderte Leute entlassen.

Alarmsirenen müssten bei jedem Verlust immer lauter tönen. In Hamburg gehen solche Nachrichten aber mittlerweile als kurze Schlagzeilen ohne besonderen politischen Kommentar von der Bühne. Donnerstag wurde noch bekannt, dass die Funke-Gruppe (u.a. Abendblatt) über einen Ausstieg aus dem Verlegerverband für die kürzlich erworbene Zeitung diskutiert, berichtete newsroom.de. Im Journalistenverband ist bei solchen Gelegenheiten immer von Tarifflucht die Rede. Heißt: Weniger Sicherheit für die Belegschaft und in jedem Fall viel weniger für neue Leute.

Im letzten Jahr wurden gerade in Hamburg hunderte journalistische Arbeitsplätze ersatzlos gestrichen. Zu glauben, dass Stellen einfach so im Digitalen nachwachsen, ist ein Trugschluss. Die gegenwärtige Medienordnung im kaum regulierten Telemedienbereich, aber insbesondere die digitale Politik der Stadt Hamburg, gibt dies nicht her. Ein Beispiel: Während das Wörtchen “Anzeige” nach einem aktuellen Urteil des Bundesgerichtshofes nun als ausschließliche Kenntlichmachung für einen kommerziell-kommunikativen Hintergrund in Print gilt, herrscht im Internet weiter Narrenfreiheit für Schleichwerbung, im Werber-Jargon neuerdings *”Native Advertising”.

Die politische Verantwortung für Rahmenbedingungen der Medienwirtschaft trägt insbesondere der Erste Bürgermeister in Hamburg. Olaf Scholz hat seit mehreren Monaten neben den hiesigen massiven Standortproblemen sogar noch den Auftrag der Länder, mit einer neuen Mediengesetzgebung für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen. Ob dies den Journalismus oder die Werbewirtschaft stärken wird, bleibt abzuwarten. FHH-Initiativen gibt es gegenwärtig, z.B. mit “Nextmedia” (wir berichteten). Es stellt sich hier bereits die Frage, ob solche Initiativen mehr journalistische Publizität fördern oder man jene Chance einfach ignoriert hat.

Über tiefe Einschnitte im klassischen Journalismus täuscht nicht hinweg, dass Unternehmen wie Twitter oder Facebook in Hamburg eine Niederlassung eröffnen. Der Hauptsteuersitz bleibt dabei, wie auch bei Google in der Hamburger ABC-Straße, an anderer Stelle. Das führt zu Arbeitsplätzen in Heimatmärkten der Unternehmen. Erlöse werden aus Deutschland über Hamburg abgezogen. Was hier bleibt sind Verkaufsmannschaften, keine Inhaltemacher. Gerade Hamburg leidet hier, weil es die Stadt in den letzten Jahren neben den besonderen ‘Transformationsherausforderungen’ nicht mal geschafft hat, ureigene publizistische Medienunternehmen am Standort zu halten (dpa, Springer, etc.). Für neue Player – wie auch für unsere Zeitung – gibt es kaum Raum zur Entfaltung wenn sogar die Stadt Hamburg selbst mit eigenen Internetaktivitäten dazu in Konkurrenz tritt.

Strukturell erleidet der Journalismus immer größere Verluste, während sich die Werbebranche – eigentlich klassischer Konterpart des Journalismus – stabil hält und immer mehr Lücken findet. In der Praxis sind Spuren auszumachen, die ein erhebliches Missverhältnis aufzeigen. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens fünf PR-Agenten in unserer kleinen Redaktion anrufen und wissen möchten, ob Personal der Berichterstattungsfront zu ihren meist rein kommerziellen Geschäftsterminen erscheint oder Journalisten E-Mails beachtet hätten. Immer mehr “Kollegen” machen zudem von der einen auf die andere Seite rüber und arbeiten im weisungsgebundenen Interesse von Produkten, Projekten bzw. eines Unternehmens oder einer Institution. Der Journalistenverband DJV wähnt PR-Leute trotzdem weiter als “Journalisten” in ihren Reihen. Ein aktuelles PR-Seminar in Hamburg ist schnell überbucht, soviel zum ‘Trend’ – ausgerechnet im Journalismus. Doch nicht alle verbliebenen “Kollegen” an der Front sehen dies genauso. Netzwerk Recherche fordert seit Jahren eine klare Trennung zwischen PR und Journalismus.

Da wesentlich weniger Arbeitsplätze im klassischen Journalismus entstehen und gleichzeitig immer mehr Journalisten gegangen werden, ist ein Ungleichgewicht der Kräfte entstanden. Dass immer weniger Journalisten einer immer größeren Armada von Marketingmenschen gegenüber stehen ist aber nicht nur eine Wahrnehmung, sondern auch ein gefährliches Spiel für die Gesellschaft.

Man wird etwa den Eindruck nicht los, dass sich zahlreiche Politiker selbst in den Reihen der Werberlobby bequem gemacht haben. Immer dann, wenn die Bilder auf Broschüren dem Text den Platz nehmen, wenn Wahlprogramme und Slogans ausgedünnt werden und es auf Großflächenplakaten verkürzter zugeht, wenn einfach nur Stimmung bei Facebook gepostet wird, wird dies in der Politik deutlich.

Der allgemeine Aggregatzustand erinnert mich auch an eine Hochphase des Neuen Marktes. In der Vorphase des schnellen Niedergangs hatten oberflächliches Geblubber und Tech-Anglizismen Konjunktur. Alles drehte sich um die rein fiskale Bewertung von Ideen. Anglizismen versprühten Illusionen und erfolgreiche Unternehmer waren die besten Verkäufer von Luftschlössern. Vielleicht zieht auch hier ein Gewitter auf und Werbesprüche verschwinden schneller als sie von der Stange gekauft wurden. Wer weiß das schon.

Das Mediennutzungsverhalten und die Flucht zahlreicher TV-Zuschauer in den Boulevard, in die leichte Kost, in das reine Mitmachen, den Herdentrieb, gibt Anlass zur Sorge. Die Spaßgesellschaft verbringt Unmengen ihrer Zeit vor großen Buchstaben, Katzenbildern in sog. Sozialen Netzwerken und mit sonstigem Entertainment. Sie lässt sich damit allzu gerne von wichtigen politischen Themen ablenken. Kein Wunder, dass ein politischer Bezug schlicht nicht vorhanden ist und sich Menschen nicht mal mehr an die Wahlurnen trauen. Mit wie vielen Bekannten können Sie ein ernsthaftes Thema noch am Tisch debattieren? Welche sind die genannten Informationsquellen?

Bei zunehmender Komplexität wäre eine Investition in viel mehr Aufklärung angebracht. Wie sonst will eine Gesellschaft Herausforderungen der Überschuldung, dem greifbaren Generationenkonflikt, internationalen Krisenherden oder Missständen in der Einkommensverteilung begegnen?

Die Politik muss jetzt dringend erkennbare Grenzen im Digitalen ziehen. Journalismus und Werbung müssen klar differenzierbar werden. Dann entsteht auch ein innerer Wert, ein Bezug des Verbrauchers zu einem journalistischen Produkt das aufklärt und nicht nur ablenkt. Es kann und darf im Internet nicht nur um Klicks und Aufmerksamkeit gehen. Aufklärung hat Vorrang vor Unterhaltung. Nur so werden Verlage mit vielen Mitarbeitern einen ‘Transformationsprozess’ ohne große Entlassungswellen überstehen. Nur so bleiben Verlage auch publizistisch-journalistisch orientierte Häuser und mutieren nicht zu Handelskonzernen, die sich für nichts zu schade sind.

Ergänzend: Eine Zusammenfassung der Lage – John Oliver (HBO) über *”Native Advertising”

Hamburg / Altona. Vertrauensleute des Bürgerbegehrens “Bürgerwille verbindlich machen” sammelten genügend Unterschriften für die Durchführung eines neuen Bürgerentscheides in Altona, der voraussichtlich am 24. Oktober stattfinden wird. Hintergrund sind Frustrationen über einige zuvor ins Leere gelaufene direkte Abstimmungen von Bürgerinnen und Bürgern. Aus der Hamburgischen Verfassung geht hervor, dass der Senat den Bezirken – da Bezirke keine Eigenständigkeit haben und Teile der Hamburgischen Verwaltung (Exekutive) sind – jede Entscheidung abnehmen und damit sowohl Beschlüsse des ‘Verwaltungsausschusses’ Bezirksversammlung als auch entsprechende gleichrangige Bürgerentscheide, d.h. Abstimmungen der Bürger per Unterschrift über Sachfragen, kassieren kann. Jetzt kommt es zu einem Bürgerentscheid über die juristische Wirkung von Bürgerentscheiden.

In der Sommerpause wollten sich Vertreter von SPD, CDU, GRÜNE und FDP bei einem nicht-öffentlichen Treffen nicht auf einen Kompromiss mit den Initiatoren einigen. Am Dienstag beschloss die Bezirksversammlung Altona dann einen Gegenvorschlag. Bürgerinnen und Bürger können jetzt aus folgenden zwei Abstimmungsvarianten auswählen:

a) Vorschlag der Initiatoren / Vertrauensleute:

“Sind Sie für verbindliche Bürgerentscheide in den Bezirken und unterstützen Sie die Forderung, dass der Bezirk der Bürgerschaft und dem Senat empfiehlt, die dazu notwendigen Gesetze zu beschließen?”

b) Gegenvorschlag Bezirksversammlung Altona

“Sind Sie dafür, dass Senat und Bürgerschaft aufgefordert werden, in der kommenden Wahlperiode die Rechte der Bezirke und damit die Durchsetzung des Bürgerwillens zu stärken, indem die Bezirke

· erweiterte Haushaltsrechte erhalten,
· in sachgerechter Weise mit Personal- und Sachmitteln ausgestattet werden,
· stärkere städtebauliche Planungshoheit bekommen,
· die Aufgaben der unteren Straßenverkehrsbehörde übernehmen?

Dabei soll die verfassungsmäßige Struktur Hamburgs als Einheitsgemeinde gewahrt werden.”

Zur Abstimmung über die Frage sind über 195.000 Altonaerinnen und Altonaer, erstmals auch ab 16 Jahren, aufgerufen. Bis Freitag, den 24. Oktober müssen die Abstimmungsunterlagen beim Bezirksamt Altona (mit Freiumschlag) eingegangen sein.


Debatte in der Bezirksversammlung Altona – Vertrauensleute stellen Position vor

Am 26. August war eine Sondersitzung der Bezirksversammlung einberufen worden, damit Fristen eingehalten werden können. Obwohl seit Monaten Gelgenheit zur politischen Absprache besteht und Vertreter Unterschriften zum Thema sammeln, haben sich Parteien in Altona dazu nicht vereinbart. Erst einen Tag zuvor war es nach Informationen von ALTONA.INFO zu der eiligen Abstimmung eines Gegenvorschlages bei einem Treffen der Fraktionsspitzen zu diesem wichtigen Thema kommunalpolitischer Kompetenzen gekommen.

Die Debatte aus der Bezirksversammlung Altona haben wir aufgezeichnet. Darin betont die Initiative die Notwenigkeit für eine Anpassung aus demokratietheoretischer Sicht. Parteienvertreter befürchten aber offenbar, dass eine Abstimmung per Bürgerentscheid in die Hamburgische Verfassung eingreifen könnte, obwohl dieses Mittel gar nicht im Rahmen von Bürgerentscheiden in Bezirken zulässig ist.

Brauchen wir eine Reform für die Verbindlichkeit von bezirklichen Bürgerbegehren?

Ergebnis

Am 24. Oktober wird in Altona allenfalls über eine Empfehlung an die Hamburgische Bürgerschaft (Legislative, Landesparlament) oder den Senat als obere Verwaltung (Exekutive) entschieden, zumal man ja eben gegenwärtig über solche Mittel keine wirksamen Anpassungen einer Gesetzgebung bewirken kann. Die Auswirkungen einer Entscheidung sind soweit überschaubar, als dass in jedem Fall noch eine Entscheidung auf Ebene eines Volksentscheides in Gesamt-Hamburg erfolgen müsste, um eine tatsächliche Änderung der ‘kommunalen’ parlamentarischen wie auch direktdemokratischen Kompetenzen zu bewirken. Die Unterschrift von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Bezirk Altona ist daher vielmehr als Votum zu verstehen. Faktisch geht es um die Frage, ob Bürgerinnen und Bürger auch außerhalb von parlamentarischen Wahlen rechtssicher und im Rahmen der Befugnisse über Sachfragen mitbestimmen können sollen. (cz)

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Nach fünf Jahren war es Zeit für eine optische und konzeptionelle Überarbeitung unserer digitalen Lokalzeitung. Das fing mit einer leichten Anpassung des Logos an und führte nun bis zur Reorganisation der kompletten redaktionellen Arbeit …

Der Relaunch hat einen Monat Arbeitszeit in Anspruch genommen – wir danken für Ihre Geduld und holen alle Nachrichten aus dem ‘Sommerloch’ nach. Das grundsätzliche Setup steht jetzt – trotzdem sind wir noch in einer Betaphase. Es gibt ein Forum, in dem Sie uns mit Hinweisen zu Fehlern und Anregungen unterstützen können.

Mehr rubrizierte Zeitung – Mehr Autoren und Themen

Eingeführt ist nun mehr rubrizierte Zeitung für unsere Leser. Wir werden in Zukunft mehr Themen aus dem bunten Altona – von Rissen über Lurup bis in die Altstadt – anbieten.

Alles wird etwas multimedialer, das Layout ist für Mobilgeräte optimiert und passt sich an Bildschirmgrößen an. Rufen Sie uns einfach mit dem Browser des Mobilgerätes auf – das Icon von ALTONA.INFO können Sie gerne ‘Zum Home-Bildschirm’ hinzufügen.

Besonders freuen wir uns, unseren Abonnenten neben ausführlichen redaktionellen Berichten und Reportagen auch mehr Funktionen anbieten zu können. Unsere Lokalzeitung wird zu einem sozialen Netzwerk – in der ersten Version des ALTONA.INFO-Intranets kann bereits gebloggt und sich ausgetauscht werden (Zugriff für Abonnenten).

Die Neuauflage hat zweifelsfrei auch Einfluss auf die Arbeitsweise unserer Redaktion. In Zukunft sollen mehr Autoren für ALTONA.INFO schreiben. Ein paar interessante Gastautoren können wir bereits gewinnen – mit freien Kollegen pflegen wir in Zukunft noch mehr Kontakt.

Kurzum: Wir bemühen uns, Sie weiter davon zu überzeugen, dass eine Investition – z.B. ein Abonnement unserer Digitalzeitung – lohnt. Wie Sie sehen, investieren wir bereits weiter.

Viel Freunde weiterhin und gute Lektüre.

Herzlichen Gruß aus der Redaktion!
Christoph Zeuch

HorstDietrich
Horst Dietrich (†) bei einem Interview im Fabrik-Büro im September 2011.

Hamburg / Altona / Ottensen. Der Gründer der Ottenser FABRIK, Horst Dietrich, ist am 25. Juli im Alter von 79 Jahren infolge schwerer Krankheit verstorben. Als Mitbegründer der über vierzig Jahre alten FABRIK in Ottensen war er über mehrere Jahrzehnte bis 2012 auch der Geschäftsführer. “Die Fabrik war mein zweites Zuhause”, sagte Dietrich kurz vor seinem Ausscheiden nach vierzig Jahren FABRIK im Interview mit ALTONA.INFO.

Der Senat würdigte das Engagement: „Horst Dietrich ist einer der Väter der Fabrik gewesen. Er hatte Mut, und er hat sein ganzes Engagement in die Entwicklung dieses Kultur- und Kommunikationszentrums gelegt. Sein Name wird mit der Fabrik verbunden bleiben”, so der Erste Bürgermeister Olaf Scholz. Die FABRIK Stiftung trauert um ihren Gründer Horst Dietrich, der in Stenderup verstorben ist: „Wir verlieren mit ihm den Visionär, der sich für die Idee der FABRIK mit seiner ganzen Kraft und seinem Engagement eingesetzt hat. Dieser Idee fühlen wir uns weiterhin tief verbunden“, so Ulrike Lorenz, geschäftsführender Vorstand der Stiftung. Dietrich hatte 1971 zusammen mit dem Architekten Friedhelm Zeuner in der 150 Jahre alten, ehemaligen Maschinenfabrik das Kultur- und Kommunikationszentrum FABRIK gegründet. Als erstes und wohl bekanntestes Kultur- und Kommunikationszentrum in Deutschland, so der Senat, “holte sie die Kultur aus den Tempeln der Kunst in den Alltag und wurde zum Vorreiter einer europaweiten Bewegung von Kommunikationszentrums-Gründungen”.

Der große Kran vor dem Gebäude ist bis heute nicht nur Symbol einer einzigartigen sowie geschichtsbewahrenden Architektur mit einer Holzkonstruktion im Inneren. Er trägt auch symbolisch die fortbleibende Last, mit Kultur und Geschichte im Sinne aller Menschen behutsam umzugehen. Dietrich kämpfte noch kurz vor seinem operativen Ausscheiden selbst und erfolgreich gegen Kürzungspläne des Hamburger Senates im Jahr 2011. Es kam anschließend zu einer dringenden Sanierung. Eine paar Jahre zuvor wurde durch die Gründung der Fabrik-Stiftung bereits die Übergabe des Hauses eingeleitet. Dietrich wollte sich sehr sicher sein, dass das Erbe des Hauses bewahrt bleibt. Eine fortschreitende Krebserkrankung ließ ihm zuletzt nicht viel Kraft und Zeit für die Organisation.


“Kultur für alle ist das Stichwort”

Kunst und Kultur soll greifbar und begreifbar werden, so ein Motto der FABRIK. Die offene Kinder- und Jugendarbeit im Stadtteil bildet heute einen wichtigen Pfeiler, wie auch abendliche Kultur- und Kursprogramme – vom Mitmachen in der Töpferei und beim Fotokurs bis hin zum Besuch von Konzerten jeglicher Art. Die Fabrik ist dabei als überregional bekanntes Veranstaltungszentrum bis heute Bühne für viele Künstler, ohne ausschließlich Rücksicht auf das kommerzielle Vermarktungspotential zu nehmen. Diese Besonderheit sucht in der Hamburger Musik- und Kulturszene seinesgleichen. Bestrebungen der Stadt, die FABRIK unter der Dachmarke einer “Musikstadt Hamburg” zu integrieren, stand Dietrich nach Informationen dieser Zeitung bis zuletzt skeptisch gegenüber.

Politik dringt heute nicht nur von Innen nach Außen, wenn das Kommunikationszentrum Bühne für politische Parteien ist. Kritik wird von Außen, an der besten Werbefläche direkt unter Kran und Logo des Hauses sichtbar. Das legendäre Großplakat vor dem Eingang des Hauses wird – ebenso wie mancher Abend auf der Bühne des Hauses – unkommerziell genutzt. Immer wieder sind hier für die zahlreichen Besucher und Anwohner kritische Botschaften zu vernehmen, etwa “Das Geld is nich wech. Das Geld is nur wo anners” in Anspielung auf eine enorme Investition der Stadt Hamburg aus Mitteln der Kulturbehörde.

Das Vermächtnis von Horst Dietrich, Träger des Max-Brauer-Preises 1993, ist mit Sicherheit eine fortwährende Aufgabe für künftige Ottenser Generationen. Maler von Beruf, musste er offenbar kein Kulturmanagement studieren, um ein erfolgreiches Kulturzentrum zu etablieren. Dank seines Engagements bleibt mit der FABRIK in Ottensen eine fest verankerte Kulturstätte zurück, die von seinen Nachfolgern verteidigt werden will. Horst Dietrich machte in einem Interview kurz vor seinem Ausscheiden klar, mit welcher Mission: “Kultur für alle ist das Stichwort.”

Unser Audiointerview aus September 2011:

Das St. Trinitatis-Quartier und die Umgebung - so wurde das Thema im Rahmen des "Zukunftsplans Mehr Altona" als Anregung ausgestaltet. Quelle: BA Altona (klick für Vergrößerung)
Das St. Trinitatis-Quartier und die Umgebung - so wurde das Thema im Rahmen des "Zukunftsplans Mehr Altona" als Anregung ausgestaltet. Quelle: BA Altona (klick für Vergrößerung)
Das St. Trinitatis-Quartier und die Umgebung – so wurde das Thema im Rahmen des “Zukunftsplans Mehr Altona” als Anregung ausgestaltet. Quelle: BA Altona (Klick für Vergrößerung)

Altona / Altona-Altstadt. Seit Jahren beschäftigen sich Bezirkspolitik und -verwaltung mit der von der evangelischen Kirche angestrebten vier- bis fünfgeschossigen Bebauung von größeren Flächen rund um die Sankt Trinitatis Kirche in Altona an der Königsstraße / Ecke Kirchenstraße.  Das ‘Trinitatis-Quartier’, so wird es bereits von Seiten einiger Politiker genannt, war bereits Anlass für heftige Debatten der Bezirksversammlung Altona. Die Kirche hatte eine Bauvoranfrage ‘Kirchenstraße 40′ an den Bezirk gerichtet. Fakten gibt es am 9. Juli.

Im Bauausschuss wurde nach Informationen von ALTONA.INFO bereits ein Beschluss mit Stimmen von Rot-Grün gefasst, der Einschränkungen vorsieht, aber dem Anliegen grundsätzlich zustimmt. Der Senat hatte hierzu im Vorfeld Druck gemacht und einen sogenannten Vorratsbeschluss (Hängebeschluss) gefasst (wir berichteten). Die CDU stellte jedoch nach Informationen dieser Zeitung bereits im Bauausschuss einen Antrag nach § 19 des Bezirksverwaltungsgesetzes, der das Verfahren rund um die Bebauung und die Antwort auf den Vorbescheid zurückstellte. Damit muss ein Hauptgremium dem Thema zustimmen (BV oder stellv. HA), bzw. kann diesen Beschluss noch aushebeln.

Was war passiert und machte eine Entscheidung jetzt notwendig? Der Senat hatte dem Bezirk und damit der Lokalpolitik mitten in der Wahlphase  einen Hängebeschluss zugeleitet. Hätte der Bauausschuss dem Thema nicht zugestimmt (zu dem Zeitpunkt war noch nicht einmal der neue Bauausschuss konstituiert), hätte sich der Senko-Beschlusss entfaltet, der dem Antrag der Kirche prinzipiell und umfänglich zustimmte. Der Bauaussschuss hat die von der Kirche beantragte Version jedoch insbesondere hinsichtlich der geforderten Geschosshöhe beschränkt. Nach Informationen von ALTONA.INFO soll es hierbei jetzt (nur) noch um eine dreigeschossige Bebbauung (mit oder ohne Staffel ist unklar) gehen.

Bei der letzten Sitzung der Bezirksversammlung Altona wurde ein Teil des CDU-Antrages für die Einleitung eines neuen Bebauungsplanverfahrens gegen die Stimmen von CDU, LINKE und AFD abgelehnt. Eine Abstimmung über den ersten entscheidenen Satz des Antrages (“Vor diesem Hintergrund wird die Bezirksamtsleiterin gemäß § 19 Absatz 2 BezVG aufgefordert, den oben genannten Vorbescheid abzulehnen”) wird am 9. Juli in einer Sitzung des Hauptausschusses erfolgen. Sehr wahrscheinlich nicht-öffentlich, obwohl es sich bei den Beteiligten um Kirche und Staat handelt.

Kirche will Bauanfrage nicht öffentlich machen

Wir baten den Kirchenkreis West-/Südholstein mehrfach um Herausgabe der Bauvoranfrage. Das Bezirksamt Altona hat hier ohne Freigabe durch den Antragsteller keine Handhabe. Konkurrenz um das Baurecht ist schließlich nicht zu befürchten und dennoch erhielt unsere Redaktion keinerlei Detailinformation zum Thema von Kirchenseite. Verständlich auch deshalb, weil die Bauvoranfrage bzw. die Antwort darauf noch nicht zugestellt ist. Das vorliegende Geschehen ist komplex.

Aus politischen Kreisen war zu vernehmen, dass der Kirchenkreis in der Bauvoranfrage offenbar einen sehr umfassenden Teil des Geländes beplanen wollte. Die Bezirksverwaltung hatte in einigen vorherigen Runden mehrere Vorschläge ausgearbeitet und auch bei einer Diskussion vorgestellt. Es gab die Große, die Mittlere, die Kleine Variante (wir berichteten)

StTrinitatisKirche
Hier der Blick (Winteraufnahme) auf die Hauptkirche von der Königstraße aus (Klick für Vergrößerung).

Grundsätzlich merkten Baufachleute aus dem Amt in vergangenen Diskussionen an, dass sie eine Bebauung des Hauptkirchen-Geländes mit Verweis auf die Blickbeziehungen für unschön erachten. Der Blick von der Königstraße auf den Kirchenturm sei dann sehr eingeschränkt – etwa, wie dies bereits beim Michel durch den klotzigen Vorbau einer Unternehmensberatung passierte. Die Stadt hat hier ein gewichtiges Wörtchen mitzuentscheiden – schließlich muss für eine Baubauung ein Flächentausch zwischen Kirche und FHH erfolgen. Der Senat stimmte offenbar grundsätzlich dafür (Anfragen unserer Redaktion wurden vom Senat einfach nicht beantwortet), zumal die Kirche selbst von einer “Standortentscheidung” spricht. Erhielte die Kirche Baurecht, könnte die Kirchensynnode am 1. Oktober 2014 beschließen, so eine Sprecherin des Kirchenkreises gegenüber ALTONA.INFO.

 

MdB Weinberg (CDU): Bürgerbeteiligung “nur Lippenbekenntnis” – GRÜNE verweisen auf “Zukunftsplan”

Der Altonaer Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg (CDU) sprach sich gegen die Bebauung aus. „Man würde nicht nur den Grünzug Neu-Altona zerschneiden, sondern auch die Blickbeziehung zwischen Jüdischem Friedhof und Kirche zerstören. Gerade im engbebauten Kerngebiet brauchen die Menschen die wenigen noch vorhanden Grünflächen“, so der Bundestagsabgeordnete, der sich schon zu Zeiten als Bezirksabgeordneter für den Erhalt einsetzte. Weinberg kritisierte wie zuvor auch bereits der CDU-Abgeordnete Sven Hielscher insbesondere die GRÜNEN, die eine umfassende Bürgerbeteiligung im Wahlkampf zugesagt hätten, dann jedoch Fakten im Bauausschuss zu schaffen versuchten.

Christian Trede, Mitglied der GRÜNEN-Fraktion und baupol. Sprecher in Altona hält dagegen und kann die Kritik nicht nachvollziehen. “Show-Nummer” nennt er die Kritik der CDU. Die CDU-Fraktion sei in der Frage gespalten, meint Trede und mal für oder gegen die Bebauung gewesen. Hinsichtlich der Bürgerbeteiligung verweist er auf das Verfahren zum “Zukunftsplan Altona”. Hier hätten Bürger auch an dieser Stelle bereits geplant und Vorstellungen geäußert. “Wir räumen den Grünzug frei und sorgen in Wahrheit für Durchgängigkeit”, so Trede gegenüber ALTONA.INFO. Jetzt sei im nächsten Schritt ein Workshop geplant, bevor es zur Ausschreibung eines Architekturwettbewerbes komme. Die Einmischung des Senates durch die Senko in das Verfahren nennt Trede “eine absolute Unverschämtheit”.

Wie es auch immer kommt: Die Notkirche soll weg, eigentlich sollte eine Kita (Flottneser) dort noch hin. Was am 9. Juli passsiert, wird auf Kirchenwunsch im nicht-öffentlichen Teil entschieden. Beim Verfahren “Zukunftsplan Mehr Altona” konnte grundsätzlich mitgestaltet werden. An diesem intensiven und zeitaufwändigen Verfahren nahmen allerdings – wie auch bereits bei einem Workshop der Kirche mitten an dem letztjährigen Altonale-Straßenfest – nicht besonders viele Bürgerinnen und Bürger teil.

Der Zug fährt ab! Die DB AG hat sich mit der Stadt Hamburg auf einen Umzug des Fernbahnhofes verständigt. Haben Sie Fragen? Schön, wir auch.
Der Zug fährt ab! Die DB AG hat sich mit der Stadt Hamburg auf einen Umzug des Fernbahnhofes verständigt. Haben Sie Fragen? Schön, wir auch.
Der Zug fährt ab! Die DB AG hat sich mit der Stadt Hamburg auf einen Umzug des Fernbahnhofes Altona verständigt. Haben Sie Fragen? Schön, wir auch. Hefen sie uns dabei.

In eigener Sache…

Der Zug ist abgefahren …. das Jahrhundertprojekt für Altona steht unter Dampf!

Wir berichten bereits seit Jahren über das Thema “Mitte Altona” in einem Dossier – , waren selbst beim städtebaulichen Wettbewerb in der Jury (ohne Stimmrecht) dabei, auf zahlreichen Informationsveranstaltungen. Jetzt ist endlich klar: Durch die Entscheidung der DB AG zur Verlagerung des Fernbahnhofes nimmt das gigantischste Projekt seit Jahrzehnten Form an. Die Frage ist nach wie vor: Welche genau? Details zu dem städtebaulichen Wettbewerb und zu dem Park sind bereits bekannt. Aktuell laufen Hochbauwettbewerbe für die vorgezogenenen Flächen.

Für den neuen Fernbahnhof Altona am Diebsteich soll es erste Visualisierungen geben, die wohl noch nicht die Öffentlichkeit erreichen sollen. Auch hier werde es einen städtebaulichen Wettbewerb geben, kündigte die DB AG gegenüber ALTONA.INFO an. Was plant die Stadt Hamburg für einen Wohnungsbau auf den nachgelagerten Flächen? Was wird aus dem aktuellen Gebäude, das nur in Teilen der DB AG selbst gehört? Welche Auswirkungen hat das städtebaulich gigantische Vorhaben auf die umliegenden Stadtteile Bahrenfeld, Ottensen, Altona-Altstadt, Altona-Nord?

Fragen über Fragen – uns fallen bereits zahlreiche ein. Wir haben der Deutschen Bahn AG und der städtischen Baubehörde (BSU) den Betrieb eines von uns moderierten (neutralen) Bürgerforums bei ALTONA.INFO angeboten. Eine Antwort steht aus.

Helfen Sie uns, damit wir Ihre Fragen beantworten können. Sie fragen, wir recherchieren und bleiben dran. Nutzten Sie das untenstehende Formular. Vielen Dank!

_DSC4721Hamburg / Altona. Mittwoch für die Presse, Donnerstag für Clubmitglieder, Montag für die Allgemeinheit. Es gibt kaum ein Unternehmen, dass sich im Marketing besser auskennt als der mit 71 Jahren ‘Alte Schwede’. Das wurde in den letzten Jahren und zur Eröffnung deutlich. Ob die welterste Innenstadtlage eine sehr gute Idee war, wird sich zeigen. Vieles, was in Altona passiert – soviel steht fest -, wird starken Einfluss auf Produkte und Ethik von Ikea nehmen.

 

Das muss laufen, denn für Ikea geht es um eine weltweit neue Strategie. Mitten in der Fußgängerzone, so dicht am kleinen Einzelhandel und an Bürgerinnen und Bürgern war man noch nie. Dieser ‘Pretest’ kommt nicht ohne Protest aus, erfuhr das Unternehmen schon vor Jahren. Mitten in der Metropole Hamburg und dazu noch im lebendigen Altona zu eröffnen, ist eine besondere Herausforderung für den Konzern, der sich lieber kleiner gibt als er tatsächlich ist.

Man hätte auch woanders angefangen, sucht gegenwärtig in anderen Innenstädten. Es gibt jedoch keinen vergleichbaren Fall und die Gelegenheit ergab sich hier, berichtet Expansionschef Johannes Ferber. “Hej, Nachbarn!” heißt es in der Einladung. Jetzt sei man direkt und vor Ort für seine Nachbarn da.

Bei dem Rundgang für die Presse präsentierte sich das Unternehmen (3,99 Mrd. Euro Umsatz 2013 in Deutschland, 14.500 Mitarbeiter, 48 Einrichtungshäuser) bürgernah, kreativ und auch politisch. In Altona sollen 300 Mitarbeiter auf 18.000m² Verkaufsfläche unter Leitung von Christian Mollerus aktiv sein. Es ist eines der kleinsten Häuser überhaupt in der Ikea-Welt.

Ein großes Werk zeichnet die Silhouette der Elbphilharmonie. “Wir sind Erster” steht dort in kapitalen Lettern. Etwas Verzögerungen gab es bei der Verhandlung des städtebaulichen Vertrages mit der Stadt Hamburg, die das Thema aus der Ortspolitik in eigene Hände nahm (evozierte). Der Bauvorbescheid machte in Altona schnell die Runde. Es wurde klar, das sagte Ikea selbst, dass es ein großer Klotz wird. Maximale Transparenz, wo nur möglich, war das Motto.

ALTONA.INFO bot eine Moderationsleistung an. Das Frage-Antwort-Forum zu Verkehr, Firmenpolitik, Baustelle, Umwelt und Architektur wurde eingerichtet. Ikea selbst bloggte über den Baustellenfortschritt und sicherte unserer Redaktion zu, auf Fragen von Anwohnern auch öffentlich zu antworten. Expansionschef Ferber bewertet das Forum als einen herausragend-innovativen Ansatz. Tausende Fragen von Anwohnern, häufig viel Kritik, gab es. Themen zum Baugeschehen erübrigen sich mit der Eröffnung. In der Ikea-Welt steht das “Offizielle Bürgerforum” mit unabhängiger Moderation in vielen Präsentationen, so Ferber. Es wäre schön, das irgendwie weiter zu betreiben, meint der Expansionschef. Gleichzeitig ist es keine Aufgabe seiner Abteilung mehr. Die Staffelübergabe erfolgt intern an eine eigenständige Betreibergesellschaft. Auch das ist üblich, in der großen Ikea-Welt.

In dem Forum, auf der Straße, in dem eigens eingerichteten kommunalpolitischen Ikea-Ausschuss waren Verkehrsthemen die drängendsten. Sie bleiben es auch. Niemand weiß, ob das alles gelingt. Ein “Mobilitätskonzept” wurde im Mai, einen Monat vor der Eröffnung, zusammen mit Transportideen für die Kunden präsentiert. Besucher sollen insbesondere zu Fuß, mit dem Fahrrad, in jedem Fall nicht mit dem Auto kommen. Welche von den Lieferideen in welchem Umfang funktionieren, prognostiziert Vor-Ort-Chef Christian Mollerus nicht, gibt er unumwunden zu.


Welche Ikea-Produkte funktionieren eigentlich in der Stadt?

Bei dem Rundgang für die Presse weist Ikea beispielhaft auf zwei Produktlösungen für innerstädtische Belange hin. Das Einrichtungshaus bietet Lösungen für Schiebetüren oder Dachgeschossschrägen im Altbau an. Die andere Frage ist: Was passt eigentlich an Möbeln und Gegenständen noch in zumeist kleine innerstädtische Altonaer Wohnungen? Keller, sofern vorhanden, stehen gerammelt voll. Jeder Kauf eines mittelprächtigen Möbelstückes führt automatisch zur Ablöse eines anderen. Der Verbraucher will hier innovativ überzeugt werden. Leichtbau-Pressspan auf unebenen Altbau-Holzdielen, soviel steht fest, funktioniert regelmäßig mangelhaft. Vielleicht ist Obsoleszenz Programm. Mode und Möbel, das könnte in Altona ganz gut funktionieren.

Bei einem früheren Workshop stellte das Unternehmen Marketinganalysen vor. 70% bisheriger Ikea-Kunden kämen vom Land bzw. wohnten am Stadtrand. Dort gibt es Quadratmeter, Keller und regelmäßig Taschengeld. In der Stadt wird für Ikea jetzt vieles anders sein. Zunächst kommt dennoch der “Vollsortimenter” und der Produkt- und Marketing-Zyklus ist an dem Jahreskatalog orientiert.

Bisweilen ist in der Produktwelt nicht vieles anders. Das Kundentracking in Altona ist neu. Alles ist durchlässiger, die Gänge breiter. Es gibt Abkürzungen und man kann mit Einkaufswagen die Rolltreppen befahren. Kassen sind nicht etwa im Erdgeschoss, sondern auf Ebene 2. Nach dem Einkauf entscheidet sich: Fahre ich nach oben auf das Parkdeck oder gehe ich weiter nach unten und zu Fuß, fahre Rad, Bus oder Bahn? Mit leeren Händen und nur einer Quittung zu gehen ist die beste Idee. Einkäufe abgeben und sich für einen Aufpreis liefern lassen ist die gleichzeitig schwierigste Entscheidung für den gemeinen Kunden. Das eben Bezahlte gleich wieder in die Obhut Dritter geben zu müssen, verlangt dem Kunden Überwindung ab.

Überraschend sagt Ikea-Altona-Chef Mollerus, dass man am Wochenende nicht viel mehr Besucher erwarte. Ikea rechnet damit, dass sich das Einkaufsverhalten an den Wochentagen stärker erweist. Mit Blick auf Verkehrsprognosen muss das auch aktiv gesteuert werden. Ikea selbst habe das größte Interesse daran, dass verkehrstechnisch alles funktioniert, betonte das Unternehmen in den letzten Jahren immer wieder bei Bürgeranhörungen.

Sollte es zu einem befürchteten Verkehrschaos kommen, hat Ikea noch Steuerungsmöglichkeiten. Parkgebühren hoch, Lieferkosten runter. Vielleicht an einzelnen Haupttagen, etwa am Samstag. Noch mehr Anreize für die ÖPNV-Nutzung und zuletzt – Aktionen für Clubmitglieder in Nichtfrequenzbereichen.

Hey, IKEA. Willkommen in Altona!

Die Altonaer heißen das Unternehmen nach dem “Lass dich überraschen”-Prinzip willkommen. Auch die Schweden lassen es darauf ankommen. Etwa 80 Mio. Euro sind in der Großen Bergstraße verbuddelt. Die “Revitalisierungskur”, von der viele Politiker und Einzelhändler mit Blick auf die Geschichte der Einkaufszone sprechen, wird auch eine für Ikea selbst sein. Die politisch-kreative Begleitung von Prozessen ist in Altona schließlich immer garantiert.

Ikea ist jetzt unausweichlich dort angekommen, wo es vielleicht auch wieder hinmöchte. Direkt vor die Haustür von seinen Verbrauchern. So wie es mal in den ersten Jahren war, als Gründer Ingvar Kamprad im Jahr 1943 loslegte.

Machen Sie für alle Betroffenen das Beste daraus.
Wir haben da weiter ein Auge drauf.

Dossier “Ikea-Altona”

Hamburg / Altona. In Altona kommt ein neuer Bürgerentscheid. Das Bürgerbegehren zur Stärkung der Verbindlichkeit eben solcher war erfolgreich. Das Amt hat ausgezählt: “Bürgerwille verbindlich machen” – hat nach Informationen von ALTONA.INFO genügend Unterstützerunterschriften zusammen und ist zustande gekommen. Die Bezirksversammlung Altona muss sich nun verhalten. Entweder stimmen Kommunalpolitiker dem Vorhaben zu oder formulieren einen Gegenvorschlag. Mit einer Beschlussfassung ist nach der Sommerpause ab August zu rechnen.

Es war zuletzt eng geworden und es gab etwas Streit. Hintergrund: Die Vertrauensleute gingen von einer geringeren Anzahl zu sammelnder Unterstützungsunterschriften aus. Drei Prozent der Wahlberechtigten zur letzten Bezirkswahl müssen unterschreiben, damit aus einem Bürgerbegehren auch ein Bürgerentscheid wird. Dabei gingen die Initiatoren und auch das Bezirksamt Altona zunächst von benötigten min. 5.623 Unterschriften aus. Die letzten Listen wurden allerdings erst am 27. Mai – zwei Tage nach der letzten Bezirkswahl abgegeben. Das Bezirksamt Altona nahm nun die Zahl der hier neuerdings Wahlberechtigten als Grundlage. Statt gedachter 5.623 Unterschriften mussten dies dann 5.937 sein, erklärte Wahlleiter Kersten Albers im Interview mit ALTONA.INFO. Später kam das Amt, ableitend aus einer noch nicht in Kraft getretenen Verordnung doch noch zur anderen Rechtsauffassung. Ein Präzedenzfall.

Fest steht jetzt: 197.880 Wahlberechtigte könnten schon bald abstimmen, wenn die Bezirksversammlung Altona dem Anliegen nicht entspricht und zustimmt. In diesem Fall erginge die Aufforderung an den Senat direkt, das Geforderte umzusetzen. Ist damit zu rechnen?


Unterstützung für das Vorhaben kommt aus mehreren Parteien

Seit Monaten waren die Vertrauensleute mit ihren Unterstützern unterwegs. Es gab ein Treffen bei dem sich zahlreiche Initiativen, Vereine und Kulturzentren auf das “Altonaer Manifest” – eine Art Denkschrift – verständigten. Daraus ging dann der Wille hervor, zunächst im Wege eines Bürgerbegehrens zu agieren. Nach Informationen von ALTONA.INFO haben sich sogar Vertreter unterschiedlicher Parteien in Altona für das Vorgaben ausgesprochen. Der Bürgerentscheid über Bürgerentscheide formuliert die Empfehlung, Gesetze in Hamburg anzupassen. Direkte Abstimmungen der Bürger sollen – anders als bei vorherigen Bürgerbegehren – eine echte Verbindlichkeit haben. Juristisch äußerst interessant dürfte es werden, wenn der Senat ausgerechnet dieses Anliegen kassiert. Es würde schließlich genau die Kritik bestätigen, dass bezirkliche Bürgerbegehren keine abschließende Wirkung haben und allenfalls Handlungsempfehlungen sind. Eine ähnliche Einschätzung, wenn auch zu den Bezirksversammlungen selbst, nahm 2013 das Verfassungsgericht vor.

Das hier jetzt erreichte Vorhaben aus Altona kann als Vorreiter für alle Hamburger Bezirke betrachtet werden. Es ähnelt den Plänen von Mehr Demokratie e.V. zur Durchführung eines Volksentscheides in Gesamt-Hamburg über die sogenannte ‘Einheitsgemeinde’. Bis September, so Ankündigungen von Mehr Demokratie gegenüber dieser Zeitung, will man dafür einen konkreten Vorschlag unterbreiten. Die Fraktionen laufen dem Thema jetzt hinterher. Zunächst käme von Mehr Demokratie jedoch noch ein grundlegender Vorschlag zu Referenden, sagt Manfred Brandt.

Das neue Altonaer Bürgerbegehren und die Pläne von Mehr Demokratie zur kommunalen Reorganisation verbinden eine gemeinsame Frustration: Während in Hamburg seit Jahren immer wieder die Rede von einer “Stärkung der Bezirke” ist, halten sich tatsächliche Rechte des Bezirksparlamentes, daran angelehnt auch für direkte Abstimmungen der Bürger, in Grenzen. Der Hamburger Senat kann faktisch alle bezirklichen Beschlüsse aushebeln und evozieren. Neuerdings nutzt er diese Möglichkeit nicht nur passiv, sondern auch aktiv, etwa durch die Fassung von Vorratsbeschlüssen (bsp. Trinitatiskirche). In vielen Bezirken sind entsprechende Fallbeispiele bekannt. Vielleicht fällt es in Altona einfach häufiger auf? Durch die Anpassung der Verfassung solle dies in Hamburg in Zukunft jedenfalls verhindert werden.

Nach Einschätzung von Beobachtern gibt es in den kleinen wie auch größeren Parteien Befürworter für eine solche Änderungen. ‘Zentralisten’ in Parteien gibt es auch. Sie vertreten die Auffassung, der Staatsapparat müsse an einer Stelle in Hamburg zusammengefasst organisiert sein. Für eine dezentrale Struktur nach dem Prinzip der Subsidiarität, etwa mit echten kommunalen “Parlamenten”, sprechen sich Befürworter aus anderen Gründen aus. Sie argumentieren, Dinge könnten durch die Ortsnähe politisch besser eingeschätzt und entscheiden werden. Aufgaben zwischen Landes- und Kommunalebene könnten neu sortiert und damit Zuständigkeiten verschlankt werden. Dann käme es überdies auch nicht mehr zu absehbar wirkungslosen Beschlüssen.

Wie es auch immer kommt: Mit Blick auf die letzte Wahlbeteiligung gilt festzuhalten, dass der Bezug von Bürgerinnen und Bürgern zu dem kommunalpolitischen Geschehen in Hamburg optimierungbedürftig ist. Wähler oder Unterzeichner wollen wissen, ob es sich lohnt, eine Stimme abzugeben bzw. eine Unterschrift zu leisten.

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