Christoph Zeuch

457 BEITRÄGE 5 KOMMENTARE / LESERBRIEFE

Und schon wieder holt uns eine Hiobsbotschaft ein. Diesmal streicht Gruner + Jahr Arbeitsplätze. 400 Stellen sollen in drei Jahren, insbesondere auch in Redaktionen in Hamburg abgebaut werden. Bei Bertelsmann, dem beherrschenden Konzern hinter dem Verlagshaus am Baumwall, wurden 75 Mio. Euro als Einsparvolumen im Rahmen der “laufenden strategischen Transformation” (was auch immer das bedeuten mag) auf die Haben-Seite zusammenrechnet. Gruner + Jahr hatte erst im letzten Jahr durch die Einstellung der FTD hunderte Leute entlassen.

Alarmsirenen müssten bei jedem Verlust immer lauter tönen. In Hamburg gehen solche Nachrichten aber mittlerweile als kurze Schlagzeilen ohne besonderen politischen Kommentar von der Bühne. Donnerstag wurde noch bekannt, dass die Funke-Gruppe (u.a. Abendblatt) über einen Ausstieg aus dem Verlegerverband für die kürzlich erworbene Zeitung diskutiert, berichtete newsroom.de. Im Journalistenverband ist bei solchen Gelegenheiten immer von Tarifflucht die Rede. Heißt: Weniger Sicherheit für die Belegschaft und in jedem Fall viel weniger für neue Leute.

Im letzten Jahr wurden gerade in Hamburg hunderte journalistische Arbeitsplätze ersatzlos gestrichen. Zu glauben, dass Stellen einfach so im Digitalen nachwachsen, ist ein Trugschluss. Die gegenwärtige Medienordnung im kaum regulierten Telemedienbereich, aber insbesondere die digitale Politik der Stadt Hamburg, gibt dies nicht her. Ein Beispiel: Während das Wörtchen “Anzeige” nach einem aktuellen Urteil des Bundesgerichtshofes nun als ausschließliche Kenntlichmachung für einen kommerziell-kommunikativen Hintergrund in Print gilt, herrscht im Internet weiter Narrenfreiheit für Schleichwerbung, im Werber-Jargon neuerdings *”Native Advertising”.

Die politische Verantwortung für Rahmenbedingungen der Medienwirtschaft trägt insbesondere der Erste Bürgermeister in Hamburg. Olaf Scholz hat seit mehreren Monaten neben den hiesigen massiven Standortproblemen sogar noch den Auftrag der Länder, mit einer neuen Mediengesetzgebung für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen. Ob dies den Journalismus oder die Werbewirtschaft stärken wird, bleibt abzuwarten. FHH-Initiativen gibt es gegenwärtig, z.B. mit “Nextmedia” (wir berichteten). Es stellt sich hier bereits die Frage, ob solche Initiativen mehr journalistische Publizität fördern oder man jene Chance einfach ignoriert hat.

Über tiefe Einschnitte im klassischen Journalismus täuscht nicht hinweg, dass Unternehmen wie Twitter oder Facebook in Hamburg eine Niederlassung eröffnen. Der Hauptsteuersitz bleibt dabei, wie auch bei Google in der Hamburger ABC-Straße, an anderer Stelle. Das führt zu Arbeitsplätzen in Heimatmärkten der Unternehmen. Erlöse werden aus Deutschland über Hamburg abgezogen. Was hier bleibt sind Verkaufsmannschaften, keine Inhaltemacher. Gerade Hamburg leidet hier, weil es die Stadt in den letzten Jahren neben den besonderen ‘Transformationsherausforderungen’ nicht mal geschafft hat, ureigene publizistische Medienunternehmen am Standort zu halten (dpa, Springer, etc.). Für neue Player – wie auch für unsere Zeitung – gibt es kaum Raum zur Entfaltung wenn sogar die Stadt Hamburg selbst mit eigenen Internetaktivitäten dazu in Konkurrenz tritt.

Strukturell erleidet der Journalismus immer größere Verluste, während sich die Werbebranche – eigentlich klassischer Konterpart des Journalismus – stabil hält und immer mehr Lücken findet. In der Praxis sind Spuren auszumachen, die ein erhebliches Missverhältnis aufzeigen. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens fünf PR-Agenten in unserer kleinen Redaktion anrufen und wissen möchten, ob Personal der Berichterstattungsfront zu ihren meist rein kommerziellen Geschäftsterminen erscheint oder Journalisten E-Mails beachtet hätten. Immer mehr “Kollegen” machen zudem von der einen auf die andere Seite rüber und arbeiten im weisungsgebundenen Interesse von Produkten, Projekten bzw. eines Unternehmens oder einer Institution. Der Journalistenverband DJV wähnt PR-Leute trotzdem weiter als “Journalisten” in ihren Reihen. Ein aktuelles PR-Seminar in Hamburg ist schnell überbucht, soviel zum ‘Trend’ – ausgerechnet im Journalismus. Doch nicht alle verbliebenen “Kollegen” an der Front sehen dies genauso. Netzwerk Recherche fordert seit Jahren eine klare Trennung zwischen PR und Journalismus.

Da wesentlich weniger Arbeitsplätze im klassischen Journalismus entstehen und gleichzeitig immer mehr Journalisten gegangen werden, ist ein Ungleichgewicht der Kräfte entstanden. Dass immer weniger Journalisten einer immer größeren Armada von Marketingmenschen gegenüber stehen ist aber nicht nur eine Wahrnehmung, sondern auch ein gefährliches Spiel für die Gesellschaft.

Man wird etwa den Eindruck nicht los, dass sich zahlreiche Politiker selbst in den Reihen der Werberlobby bequem gemacht haben. Immer dann, wenn die Bilder auf Broschüren dem Text den Platz nehmen, wenn Wahlprogramme und Slogans ausgedünnt werden und es auf Großflächenplakaten verkürzter zugeht, wenn einfach nur Stimmung bei Facebook gepostet wird, wird dies in der Politik deutlich.

Der allgemeine Aggregatzustand erinnert mich auch an eine Hochphase des Neuen Marktes. In der Vorphase des schnellen Niedergangs hatten oberflächliches Geblubber und Tech-Anglizismen Konjunktur. Alles drehte sich um die rein fiskale Bewertung von Ideen. Anglizismen versprühten Illusionen und erfolgreiche Unternehmer waren die besten Verkäufer von Luftschlössern. Vielleicht zieht auch hier ein Gewitter auf und Werbesprüche verschwinden schneller als sie von der Stange gekauft wurden. Wer weiß das schon.

Das Mediennutzungsverhalten und die Flucht zahlreicher TV-Zuschauer in den Boulevard, in die leichte Kost, in das reine Mitmachen, den Herdentrieb, gibt Anlass zur Sorge. Die Spaßgesellschaft verbringt Unmengen ihrer Zeit vor großen Buchstaben, Katzenbildern in sog. Sozialen Netzwerken und mit sonstigem Entertainment. Sie lässt sich damit allzu gerne von wichtigen politischen Themen ablenken. Kein Wunder, dass ein politischer Bezug schlicht nicht vorhanden ist und sich Menschen nicht mal mehr an die Wahlurnen trauen. Mit wie vielen Bekannten können Sie ein ernsthaftes Thema noch am Tisch debattieren? Welche sind die genannten Informationsquellen?

Bei zunehmender Komplexität wäre eine Investition in viel mehr Aufklärung angebracht. Wie sonst will eine Gesellschaft Herausforderungen der Überschuldung, dem greifbaren Generationenkonflikt, internationalen Krisenherden oder Missständen in der Einkommensverteilung begegnen?

Die Politik muss jetzt dringend erkennbare Grenzen im Digitalen ziehen. Journalismus und Werbung müssen klar differenzierbar werden. Dann entsteht auch ein innerer Wert, ein Bezug des Verbrauchers zu einem journalistischen Produkt das aufklärt und nicht nur ablenkt. Es kann und darf im Internet nicht nur um Klicks und Aufmerksamkeit gehen. Aufklärung hat Vorrang vor Unterhaltung. Nur so werden Verlage mit vielen Mitarbeitern einen ‘Transformationsprozess’ ohne große Entlassungswellen überstehen. Nur so bleiben Verlage auch publizistisch-journalistisch orientierte Häuser und mutieren nicht zu Handelskonzernen, die sich für nichts zu schade sind.

Ergänzend: Eine Zusammenfassung der Lage – John Oliver (HBO) über *”Native Advertising”

Hamburg / Altona. Vertrauensleute des Bürgerbegehrens “Bürgerwille verbindlich machen” sammelten genügend Unterschriften für die Durchführung eines neuen Bürgerentscheides in Altona, der voraussichtlich am 24. Oktober stattfinden wird. Hintergrund sind Frustrationen über einige zuvor ins Leere gelaufene direkte Abstimmungen von Bürgerinnen und Bürgern. Aus der Hamburgischen Verfassung geht hervor, dass der Senat den Bezirken – da Bezirke keine Eigenständigkeit haben und Teile der Hamburgischen Verwaltung (Exekutive) sind – jede Entscheidung abnehmen und damit sowohl Beschlüsse des ‘Verwaltungsausschusses’ Bezirksversammlung als auch entsprechende gleichrangige Bürgerentscheide, d.h. Abstimmungen der Bürger per Unterschrift über Sachfragen, kassieren kann. Jetzt kommt es zu einem Bürgerentscheid über die juristische Wirkung von Bürgerentscheiden.

In der Sommerpause wollen sich Vertreter von SPD, CDU, GRÜNE und FDP bei einem nicht-öffentlichen Treffen nicht auf einen Kompromiss mit den Initiatoren einigen. Am Dienstag beschloss die Bezirksversammlung Altona dann einen Gegenvorschlag. Bürgerinnen und Bürger können jetzt aus folgenden zwei Abstimmungsvarianten auswählen:

a) Vorschlag der Initiatoren / Vertrauensleute:

“Sind Sie für verbindliche Bürgerentscheide in den Bezirken und unterstützen Sie die Forderung, dass der Bezirk der Bürgerschaft und dem Senat empfiehlt, die dazu notwendigen Gesetze zu beschließen?”

b) Gegenvorschlag Bezirksversammlung Altona

“Sind Sie dafür, dass Senat und Bürgerschaft aufgefordert werden, in der kommenden Wahlperiode die Rechte der Bezirke und damit die Durchsetzung des Bürgerwillens zu stärken, indem die Bezirke

· erweiterte Haushaltsrechte erhalten,
· in sachgerechter Weise mit Personal- und Sachmitteln ausgestattet werden,
· stärkere städtebauliche Planungshoheit bekommen,
· die Aufgaben der unteren Straßenverkehrsbehörde übernehmen?

Dabei soll die verfassungsmäßige Struktur Hamburgs als Einheitsgemeinde gewahrt werden.”

Zur Abstimmung über die Frage sind über 195.000 Altonaerinnen und Altonaer, erstmals auch ab 16 Jahren, aufgerufen. Bis Freitag, den 24. Oktober müssen die Abstimmungsunterlagen beim Bezirksamt Altona (mit Freiumschlag) eingegangen sein.


Debatte in der Bezirksversammlung Altona – Vertrauensleute stellen Position vor

Am 26. August war eine Sondersitzung der Bezirksversammlung einberufen worden, damit Fristen eingehalten werden können. Obwohl seit Monaten Gelgenheit zur politischen Absprache besteht und Vertreter Unterschriften zum Thema sammeln, haben sich Parteien in Altona dazu nicht vereinbart. Erst einen Tag zuvor war es nach Informationen von ALTONA.INFO zu der eiligen Abstimmung eines Gegenvorschlages bei einem Treffen der Fraktionsspitzen zu diesem wichtigen Thema kommunalpolitischer Kompetenzen gekommen.

Die Debatte aus der Bezirksversammlung Altona haben wir aufgezeichnet. Darin betont die Initiative die Notwenigkeit für eine Anpassung aus demokratietheoretischer Sicht. Parteienvertreter befürchten aber offenbar, dass eine Abstimmung per Bürgerentscheid in die Hamburgische Verfassung eingreifen könnte, obwohl dieses Mittel gar nicht im Rahmen von Bürgerentscheiden in Bezirken zulässig ist.

Brauchen wir eine Reform für die Verbindlichkeit von bezirklichen Bürgerbegehren?

Ergebnis

Am 24. Oktober wird in Altona allenfalls über eine Empfehlung an die Hamburgische Bürgerschaft (Legislative, Landesparlament) oder den Senat als obere Verwaltung (Exekutive) entschieden, zumal man ja eben gegenwärtig über solche Mittel keine wirksamen Anpassungen einer Gesetzgebung bewirken kann. Die Auswirkungen einer Entscheidung sind soweit überschaubar, als dass in jedem Fall noch eine Entscheidung auf Ebene eines Volksentscheides in Gesamt-Hamburg erfolgen müsste, um eine tatsächliche Änderung der ‘kommunalen’ parlamentarischen wie auch direktdemokratischen Kompetenzen zu bewirken. Die Unterschrift von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Bezirk Altona ist daher vielmehr als Votum zu verstehen. Faktisch geht es um die Frage, ob Bürgerinnen und Bürger auch außerhalb von parlamentarischen Wahlen rechtssicher und im Rahmen der Befugnisse über Sachfragen mitbestimmen können sollen. (cz)

Nach fünf Jahren war es Zeit für eine optische und konzeptionelle Überarbeitung unserer digitalen Lokalzeitung. Das fing mit einer leichten Anpassung des Logos an und führte nun bis zur Reorganisation der kompletten redaktionellen Arbeit …

Der Relaunch hat einen Monat Arbeitszeit in Anspruch genommen – wir danken für Ihre Geduld und holen alle Nachrichten aus dem ‘Sommerloch’ nach. Das grundsätzliche Setup steht jetzt – trotzdem sind wir noch in einer Betaphase. Es gibt ein Forum, in dem Sie uns mit Hinweisen zu Fehlern und Anregungen unterstützen können.

Mehr rubrizierte Zeitung – Mehr Autoren und Themen

Eingeführt ist nun mehr rubrizierte Zeitung für unsere Leser. Wir werden in Zukunft mehr Themen aus dem bunten Altona – von Rissen über Lurup bis in die Altstadt – anbieten.

Alles wird etwas multimedialer, das Layout ist für Mobilgeräte optimiert und passt sich an Bildschirmgrößen an. Rufen Sie uns einfach mit dem Browser des Mobilgerätes auf – das Icon von ALTONA.INFO können Sie gerne ‘Zum Home-Bildschirm’ hinzufügen.

Besonders freuen wir uns, unseren Abonnenten neben ausführlichen redaktionellen Berichten und Reportagen auch mehr Funktionen anbieten zu können. Unsere Lokalzeitung wird zu einem sozialen Netzwerk – in der ersten Version des ALTONA.INFO-Intranets kann bereits gebloggt und sich ausgetauscht werden (Zugriff für Abonnenten).

Die Neuauflage hat zweifelsfrei auch Einfluss auf die Arbeitsweise unserer Redaktion. In Zukunft sollen mehr Autoren für ALTONA.INFO schreiben. Ein paar interessante Gastautoren können wir bereits gewinnen – mit freien Kollegen pflegen wir in Zukunft noch mehr Kontakt.

Kurzum: Wir bemühen uns, Sie weiter davon zu überzeugen, dass eine Investition – z.B. ein Abonnement unserer Digitalzeitung – lohnt. Wie Sie sehen, investieren wir bereits weiter.

Viel Freunde weiterhin und gute Lektüre.

Herzlichen Gruß aus der Redaktion!
Christoph Zeuch

HorstDietrich
Horst Dietrich (†) bei einem Interview im Fabrik-Büro im September 2011.

Hamburg / Altona / Ottensen. Der Gründer der Ottenser FABRIK, Horst Dietrich, ist am 25. Juli im Alter von 79 Jahren infolge schwerer Krankheit verstorben. Als Mitbegründer der über vierzig Jahre alten FABRIK in Ottensen war er über mehrere Jahrzehnte bis 2012 auch der Geschäftsführer. “Die Fabrik war mein zweites Zuhause”, sagte Dietrich kurz vor seinem Ausscheiden nach vierzig Jahren FABRIK im Interview mit ALTONA.INFO.

Der Senat würdigte das Engagement: „Horst Dietrich ist einer der Väter der Fabrik gewesen. Er hatte Mut, und er hat sein ganzes Engagement in die Entwicklung dieses Kultur- und Kommunikationszentrums gelegt. Sein Name wird mit der Fabrik verbunden bleiben”, so der Erste Bürgermeister Olaf Scholz. Die FABRIK Stiftung trauert um ihren Gründer Horst Dietrich, der in Stenderup verstorben ist: „Wir verlieren mit ihm den Visionär, der sich für die Idee der FABRIK mit seiner ganzen Kraft und seinem Engagement eingesetzt hat. Dieser Idee fühlen wir uns weiterhin tief verbunden“, so Ulrike Lorenz, geschäftsführender Vorstand der Stiftung. Dietrich hatte 1971 zusammen mit dem Architekten Friedhelm Zeuner in der 150 Jahre alten, ehemaligen Maschinenfabrik das Kultur- und Kommunikationszentrum FABRIK gegründet. Als erstes und wohl bekanntestes Kultur- und Kommunikationszentrum in Deutschland, so der Senat, “holte sie die Kultur aus den Tempeln der Kunst in den Alltag und wurde zum Vorreiter einer europaweiten Bewegung von Kommunikationszentrums-Gründungen”.

Der große Kran vor dem Gebäude ist bis heute nicht nur Symbol einer einzigartigen sowie geschichtsbewahrenden Architektur mit einer Holzkonstruktion im Inneren. Er trägt auch symbolisch die fortbleibende Last, mit Kultur und Geschichte im Sinne aller Menschen behutsam umzugehen. Dietrich kämpfte noch kurz vor seinem operativen Ausscheiden selbst und erfolgreich gegen Kürzungspläne des Hamburger Senates im Jahr 2011. Es kam anschließend zu einer dringenden Sanierung. Eine paar Jahre zuvor wurde durch die Gründung der Fabrik-Stiftung bereits die Übergabe des Hauses eingeleitet. Dietrich wollte sich sehr sicher sein, dass das Erbe des Hauses bewahrt bleibt. Eine fortschreitende Krebserkrankung ließ ihm zuletzt nicht viel Kraft und Zeit für die Organisation.


“Kultur für alle ist das Stichwort”

Kunst und Kultur soll greifbar und begreifbar werden, so ein Motto der FABRIK. Die offene Kinder- und Jugendarbeit im Stadtteil bildet heute einen wichtigen Pfeiler, wie auch abendliche Kultur- und Kursprogramme – vom Mitmachen in der Töpferei und beim Fotokurs bis hin zum Besuch von Konzerten jeglicher Art. Die Fabrik ist dabei als überregional bekanntes Veranstaltungszentrum bis heute Bühne für viele Künstler, ohne ausschließlich Rücksicht auf das kommerzielle Vermarktungspotential zu nehmen. Diese Besonderheit sucht in der Hamburger Musik- und Kulturszene seinesgleichen. Bestrebungen der Stadt, die FABRIK unter der Dachmarke einer “Musikstadt Hamburg” zu integrieren, stand Dietrich nach Informationen dieser Zeitung bis zuletzt skeptisch gegenüber.

Politik dringt heute nicht nur von Innen nach Außen, wenn das Kommunikationszentrum Bühne für politische Parteien ist. Kritik wird von Außen, an der besten Werbefläche direkt unter Kran und Logo des Hauses sichtbar. Das legendäre Großplakat vor dem Eingang des Hauses wird – ebenso wie mancher Abend auf der Bühne des Hauses – unkommerziell genutzt. Immer wieder sind hier für die zahlreichen Besucher und Anwohner kritische Botschaften zu vernehmen, etwa “Das Geld is nich wech. Das Geld is nur wo anners” in Anspielung auf eine enorme Investition der Stadt Hamburg aus Mitteln der Kulturbehörde.

Das Vermächtnis von Horst Dietrich, Träger des Max-Brauer-Preises 1993, ist mit Sicherheit eine fortwährende Aufgabe für künftige Ottenser Generationen. Maler von Beruf, musste er offenbar kein Kulturmanagement studieren, um ein erfolgreiches Kulturzentrum zu etablieren. Dank seines Engagements bleibt mit der FABRIK in Ottensen eine fest verankerte Kulturstätte zurück, die von seinen Nachfolgern verteidigt werden will. Horst Dietrich machte in einem Interview kurz vor seinem Ausscheiden klar, mit welcher Mission: “Kultur für alle ist das Stichwort.”

Unser Audiointerview aus September 2011:

Das St. Trinitatis-Quartier und die Umgebung - so wurde das Thema im Rahmen des "Zukunftsplans Mehr Altona" als Anregung ausgestaltet. Quelle: BA Altona (klick für Vergrößerung)
Das St. Trinitatis-Quartier und die Umgebung - so wurde das Thema im Rahmen des "Zukunftsplans Mehr Altona" als Anregung ausgestaltet. Quelle: BA Altona (klick für Vergrößerung)
Das St. Trinitatis-Quartier und die Umgebung – so wurde das Thema im Rahmen des “Zukunftsplans Mehr Altona” als Anregung ausgestaltet. Quelle: BA Altona (Klick für Vergrößerung)

Altona / Altona-Altstadt. Seit Jahren beschäftigen sich Bezirkspolitik und -verwaltung mit der von der evangelischen Kirche angestrebten vier- bis fünfgeschossigen Bebauung von größeren Flächen rund um die Sankt Trinitatis Kirche in Altona an der Königsstraße / Ecke Kirchenstraße.  Das ‘Trinitatis-Quartier’, so wird es bereits von Seiten einiger Politiker genannt, war bereits Anlass für heftige Debatten der Bezirksversammlung Altona. Die Kirche hatte eine Bauvoranfrage ‘Kirchenstraße 40′ an den Bezirk gerichtet. Fakten gibt es am 9. Juli.

Im Bauausschuss wurde nach Informationen von ALTONA.INFO bereits ein Beschluss mit Stimmen von Rot-Grün gefasst, der Einschränkungen vorsieht, aber dem Anliegen grundsätzlich zustimmt. Der Senat hatte hierzu im Vorfeld Druck gemacht und einen sogenannten Vorratsbeschluss (Hängebeschluss) gefasst (wir berichteten). Die CDU stellte jedoch nach Informationen dieser Zeitung bereits im Bauausschuss einen Antrag nach § 19 des Bezirksverwaltungsgesetzes, der das Verfahren rund um die Bebauung und die Antwort auf den Vorbescheid zurückstellte. Damit muss ein Hauptgremium dem Thema zustimmen (BV oder stellv. HA), bzw. kann diesen Beschluss noch aushebeln.

Was war passiert und machte eine Entscheidung jetzt notwendig? Der Senat hatte dem Bezirk und damit der Lokalpolitik mitten in der Wahlphase  einen Hängebeschluss zugeleitet. Hätte der Bauausschuss dem Thema nicht zugestimmt (zu dem Zeitpunkt war noch nicht einmal der neue Bauausschuss konstituiert), hätte sich der Senko-Beschlusss entfaltet, der dem Antrag der Kirche prinzipiell und umfänglich zustimmte. Der Bauaussschuss hat die von der Kirche beantragte Version jedoch insbesondere hinsichtlich der geforderten Geschosshöhe beschränkt. Nach Informationen von ALTONA.INFO soll es hierbei jetzt (nur) noch um eine dreigeschossige Bebbauung (mit oder ohne Staffel ist unklar) gehen.

Bei der letzten Sitzung der Bezirksversammlung Altona wurde ein Teil des CDU-Antrages für die Einleitung eines neuen Bebauungsplanverfahrens gegen die Stimmen von CDU, LINKE und AFD abgelehnt. Eine Abstimmung über den ersten entscheidenen Satz des Antrages (“Vor diesem Hintergrund wird die Bezirksamtsleiterin gemäß § 19 Absatz 2 BezVG aufgefordert, den oben genannten Vorbescheid abzulehnen”) wird am 9. Juli in einer Sitzung des Hauptausschusses erfolgen. Sehr wahrscheinlich nicht-öffentlich, obwohl es sich bei den Beteiligten um Kirche und Staat handelt.

Kirche will Bauanfrage nicht öffentlich machen

Wir baten den Kirchenkreis West-/Südholstein mehrfach um Herausgabe der Bauvoranfrage. Das Bezirksamt Altona hat hier ohne Freigabe durch den Antragsteller keine Handhabe. Konkurrenz um das Baurecht ist schließlich nicht zu befürchten und dennoch erhielt unsere Redaktion keinerlei Detailinformation zum Thema von Kirchenseite. Verständlich auch deshalb, weil die Bauvoranfrage bzw. die Antwort darauf noch nicht zugestellt ist. Das vorliegende Geschehen ist komplex.

Aus politischen Kreisen war zu vernehmen, dass der Kirchenkreis in der Bauvoranfrage offenbar einen sehr umfassenden Teil des Geländes beplanen wollte. Die Bezirksverwaltung hatte in einigen vorherigen Runden mehrere Vorschläge ausgearbeitet und auch bei einer Diskussion vorgestellt. Es gab die Große, die Mittlere, die Kleine Variante (wir berichteten)

StTrinitatisKirche
Hier der Blick (Winteraufnahme) auf die Hauptkirche von der Königstraße aus (Klick für Vergrößerung).

Grundsätzlich merkten Baufachleute aus dem Amt in vergangenen Diskussionen an, dass sie eine Bebauung des Hauptkirchen-Geländes mit Verweis auf die Blickbeziehungen für unschön erachten. Der Blick von der Königstraße auf den Kirchenturm sei dann sehr eingeschränkt – etwa, wie dies bereits beim Michel durch den klotzigen Vorbau einer Unternehmensberatung passierte. Die Stadt hat hier ein gewichtiges Wörtchen mitzuentscheiden – schließlich muss für eine Baubauung ein Flächentausch zwischen Kirche und FHH erfolgen. Der Senat stimmte offenbar grundsätzlich dafür (Anfragen unserer Redaktion wurden vom Senat einfach nicht beantwortet), zumal die Kirche selbst von einer “Standortentscheidung” spricht. Erhielte die Kirche Baurecht, könnte die Kirchensynnode am 1. Oktober 2014 beschließen, so eine Sprecherin des Kirchenkreises gegenüber ALTONA.INFO.

 

MdB Weinberg (CDU): Bürgerbeteiligung “nur Lippenbekenntnis” – GRÜNE verweisen auf “Zukunftsplan”

Der Altonaer Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg (CDU) sprach sich gegen die Bebauung aus. „Man würde nicht nur den Grünzug Neu-Altona zerschneiden, sondern auch die Blickbeziehung zwischen Jüdischem Friedhof und Kirche zerstören. Gerade im engbebauten Kerngebiet brauchen die Menschen die wenigen noch vorhanden Grünflächen“, so der Bundestagsabgeordnete, der sich schon zu Zeiten als Bezirksabgeordneter für den Erhalt einsetzte. Weinberg kritisierte wie zuvor auch bereits der CDU-Abgeordnete Sven Hielscher insbesondere die GRÜNEN, die eine umfassende Bürgerbeteiligung im Wahlkampf zugesagt hätten, dann jedoch Fakten im Bauausschuss zu schaffen versuchten.

Christian Trede, Mitglied der GRÜNEN-Fraktion und baupol. Sprecher in Altona hält dagegen und kann die Kritik nicht nachvollziehen. “Show-Nummer” nennt er die Kritik der CDU. Die CDU-Fraktion sei in der Frage gespalten, meint Trede und mal für oder gegen die Bebauung gewesen. Hinsichtlich der Bürgerbeteiligung verweist er auf das Verfahren zum “Zukunftsplan Altona”. Hier hätten Bürger auch an dieser Stelle bereits geplant und Vorstellungen geäußert. “Wir räumen den Grünzug frei und sorgen in Wahrheit für Durchgängigkeit”, so Trede gegenüber ALTONA.INFO. Jetzt sei im nächsten Schritt ein Workshop geplant, bevor es zur Ausschreibung eines Architekturwettbewerbes komme. Die Einmischung des Senates durch die Senko in das Verfahren nennt Trede “eine absolute Unverschämtheit”.

Wie es auch immer kommt: Die Notkirche soll weg, eigentlich sollte eine Kita (Flottneser) dort noch hin. Was am 9. Juli passsiert, wird auf Kirchenwunsch im nicht-öffentlichen Teil entschieden. Beim Verfahren “Zukunftsplan Mehr Altona” konnte grundsätzlich mitgestaltet werden. An diesem intensiven und zeitaufwändigen Verfahren nahmen allerdings – wie auch bereits bei einem Workshop der Kirche mitten an dem letztjährigen Altonale-Straßenfest – nicht besonders viele Bürgerinnen und Bürger teil.

Der Zug fährt ab! Die DB AG hat sich mit der Stadt Hamburg auf einen Umzug des Fernbahnhofes verständigt. Haben Sie Fragen? Schön, wir auch.
Der Zug fährt ab! Die DB AG hat sich mit der Stadt Hamburg auf einen Umzug des Fernbahnhofes verständigt. Haben Sie Fragen? Schön, wir auch.
Der Zug fährt ab! Die DB AG hat sich mit der Stadt Hamburg auf einen Umzug des Fernbahnhofes Altona verständigt. Haben Sie Fragen? Schön, wir auch. Hefen sie uns dabei.

In eigener Sache…

Der Zug ist abgefahren …. das Jahrhundertprojekt für Altona steht unter Dampf!

Wir berichten bereits seit Jahren über das Thema “Mitte Altona” in einem Dossier – , waren selbst beim städtebaulichen Wettbewerb in der Jury (ohne Stimmrecht) dabei, auf zahlreichen Informationsveranstaltungen. Jetzt ist endlich klar: Durch die Entscheidung der DB AG zur Verlagerung des Fernbahnhofes nimmt das gigantischste Projekt seit Jahrzehnten Form an. Die Frage ist nach wie vor: Welche genau? Details zu dem städtebaulichen Wettbewerb und zu dem Park sind bereits bekannt. Aktuell laufen Hochbauwettbewerbe für die vorgezogenenen Flächen.

Für den neuen Fernbahnhof Altona am Diebsteich soll es erste Visualisierungen geben, die wohl noch nicht die Öffentlichkeit erreichen sollen. Auch hier werde es einen städtebaulichen Wettbewerb geben, kündigte die DB AG gegenüber ALTONA.INFO an. Was plant die Stadt Hamburg für einen Wohnungsbau auf den nachgelagerten Flächen? Was wird aus dem aktuellen Gebäude, das nur in Teilen der DB AG selbst gehört? Welche Auswirkungen hat das städtebaulich gigantische Vorhaben auf die umliegenden Stadtteile Bahrenfeld, Ottensen, Altona-Altstadt, Altona-Nord?

Fragen über Fragen – uns fallen bereits zahlreiche ein. Wir haben der Deutschen Bahn AG und der städtischen Baubehörde (BSU) den Betrieb eines von uns moderierten (neutralen) Bürgerforums bei ALTONA.INFO angeboten. Eine Antwort steht aus.

Helfen Sie uns, damit wir Ihre Fragen beantworten können. Sie fragen, wir recherchieren und bleiben dran. Nutzten Sie das untenstehende Formular. Vielen Dank!

_DSC4721Hamburg / Altona. Mittwoch für die Presse, Donnerstag für Clubmitglieder, Montag für die Allgemeinheit. Es gibt kaum ein Unternehmen, dass sich im Marketing besser auskennt als der mit 71 Jahren ‘Alte Schwede’. Das wurde in den letzten Jahren und zur Eröffnung deutlich. Ob die welterste Innenstadtlage eine sehr gute Idee war, wird sich zeigen. Vieles, was in Altona passiert – soviel steht fest -, wird starken Einfluss auf Produkte und Ethik von Ikea nehmen.

 

Das muss laufen, denn für Ikea geht es um eine weltweit neue Strategie. Mitten in der Fußgängerzone, so dicht am kleinen Einzelhandel und an Bürgerinnen und Bürgern war man noch nie. Dieser ‘Pretest’ kommt nicht ohne Protest aus, erfuhr das Unternehmen schon vor Jahren. Mitten in der Metropole Hamburg und dazu noch im lebendigen Altona zu eröffnen, ist eine besondere Herausforderung für den Konzern, der sich lieber kleiner gibt als er tatsächlich ist.

Man hätte auch woanders angefangen, sucht gegenwärtig in anderen Innenstädten. Es gibt jedoch keinen vergleichbaren Fall und die Gelegenheit ergab sich hier, berichtet Expansionschef Johannes Ferber. “Hej, Nachbarn!” heißt es in der Einladung. Jetzt sei man direkt und vor Ort für seine Nachbarn da.

Bei dem Rundgang für die Presse präsentierte sich das Unternehmen (3,99 Mrd. Euro Umsatz 2013 in Deutschland, 14.500 Mitarbeiter, 48 Einrichtungshäuser) bürgernah, kreativ und auch politisch. In Altona sollen 300 Mitarbeiter auf 18.000m² Verkaufsfläche unter Leitung von Christian Mollerus aktiv sein. Es ist eines der kleinsten Häuser überhaupt in der Ikea-Welt.

Ein großes Werk zeichnet die Silhouette der Elbphilharmonie. “Wir sind Erster” steht dort in kapitalen Lettern. Etwas Verzögerungen gab es bei der Verhandlung des städtebaulichen Vertrages mit der Stadt Hamburg, die das Thema aus der Ortspolitik in eigene Hände nahm (evozierte). Der Bauvorbescheid machte in Altona schnell die Runde. Es wurde klar, das sagte Ikea selbst, dass es ein großer Klotz wird. Maximale Transparenz, wo nur möglich, war das Motto.

ALTONA.INFO bot eine Moderationsleistung an. Das Frage-Antwort-Forum zu Verkehr, Firmenpolitik, Baustelle, Umwelt und Architektur wurde eingerichtet. Ikea selbst bloggte über den Baustellenfortschritt und sicherte unserer Redaktion zu, auf Fragen von Anwohnern auch öffentlich zu antworten. Expansionschef Ferber bewertet das Forum als einen herausragend-innovativen Ansatz. Tausende Fragen von Anwohnern, häufig viel Kritik, gab es. Themen zum Baugeschehen erübrigen sich mit der Eröffnung. In der Ikea-Welt steht das “Offizielle Bürgerforum” mit unabhängiger Moderation in vielen Präsentationen, so Ferber. Es wäre schön, das irgendwie weiter zu betreiben, meint der Expansionschef. Gleichzeitig ist es keine Aufgabe seiner Abteilung mehr. Die Staffelübergabe erfolgt intern an eine eigenständige Betreibergesellschaft. Auch das ist üblich, in der großen Ikea-Welt.

In dem Forum, auf der Straße, in dem eigens eingerichteten kommunalpolitischen Ikea-Ausschuss waren Verkehrsthemen die drängendsten. Sie bleiben es auch. Niemand weiß, ob das alles gelingt. Ein “Mobilitätskonzept” wurde im Mai, einen Monat vor der Eröffnung, zusammen mit Transportideen für die Kunden präsentiert. Besucher sollen insbesondere zu Fuß, mit dem Fahrrad, in jedem Fall nicht mit dem Auto kommen. Welche von den Lieferideen in welchem Umfang funktionieren, prognostiziert Vor-Ort-Chef Christian Mollerus nicht, gibt er unumwunden zu.


Welche Ikea-Produkte funktionieren eigentlich in der Stadt?

Bei dem Rundgang für die Presse weist Ikea beispielhaft auf zwei Produktlösungen für innerstädtische Belange hin. Das Einrichtungshaus bietet Lösungen für Schiebetüren oder Dachgeschossschrägen im Altbau an. Die andere Frage ist: Was passt eigentlich an Möbeln und Gegenständen noch in zumeist kleine innerstädtische Altonaer Wohnungen? Keller, sofern vorhanden, stehen gerammelt voll. Jeder Kauf eines mittelprächtigen Möbelstückes führt automatisch zur Ablöse eines anderen. Der Verbraucher will hier innovativ überzeugt werden. Leichtbau-Pressspan auf unebenen Altbau-Holzdielen, soviel steht fest, funktioniert regelmäßig mangelhaft. Vielleicht ist Obsoleszenz Programm. Mode und Möbel, das könnte in Altona ganz gut funktionieren.

Bei einem früheren Workshop stellte das Unternehmen Marketinganalysen vor. 70% bisheriger Ikea-Kunden kämen vom Land bzw. wohnten am Stadtrand. Dort gibt es Quadratmeter, Keller und regelmäßig Taschengeld. In der Stadt wird für Ikea jetzt vieles anders sein. Zunächst kommt dennoch der “Vollsortimenter” und der Produkt- und Marketing-Zyklus ist an dem Jahreskatalog orientiert.

Bisweilen ist in der Produktwelt nicht vieles anders. Das Kundentracking in Altona ist neu. Alles ist durchlässiger, die Gänge breiter. Es gibt Abkürzungen und man kann mit Einkaufswagen die Rolltreppen befahren. Kassen sind nicht etwa im Erdgeschoss, sondern auf Ebene 2. Nach dem Einkauf entscheidet sich: Fahre ich nach oben auf das Parkdeck oder gehe ich weiter nach unten und zu Fuß, fahre Rad, Bus oder Bahn? Mit leeren Händen und nur einer Quittung zu gehen ist die beste Idee. Einkäufe abgeben und sich für einen Aufpreis liefern lassen ist die gleichzeitig schwierigste Entscheidung für den gemeinen Kunden. Das eben Bezahlte gleich wieder in die Obhut Dritter geben zu müssen, verlangt dem Kunden Überwindung ab.

Überraschend sagt Ikea-Altona-Chef Mollerus, dass man am Wochenende nicht viel mehr Besucher erwarte. Ikea rechnet damit, dass sich das Einkaufsverhalten an den Wochentagen stärker erweist. Mit Blick auf Verkehrsprognosen muss das auch aktiv gesteuert werden. Ikea selbst habe das größte Interesse daran, dass verkehrstechnisch alles funktioniert, betonte das Unternehmen in den letzten Jahren immer wieder bei Bürgeranhörungen.

Sollte es zu einem befürchteten Verkehrschaos kommen, hat Ikea noch Steuerungsmöglichkeiten. Parkgebühren hoch, Lieferkosten runter. Vielleicht an einzelnen Haupttagen, etwa am Samstag. Noch mehr Anreize für die ÖPNV-Nutzung und zuletzt – Aktionen für Clubmitglieder in Nichtfrequenzbereichen.

Hey, IKEA. Willkommen in Altona!

Die Altonaer heißen das Unternehmen nach dem “Lass dich überraschen”-Prinzip willkommen. Auch die Schweden lassen es darauf ankommen. Etwa 80 Mio. Euro sind in der Großen Bergstraße verbuddelt. Die “Revitalisierungskur”, von der viele Politiker und Einzelhändler mit Blick auf die Geschichte der Einkaufszone sprechen, wird auch eine für Ikea selbst sein. Die politisch-kreative Begleitung von Prozessen ist in Altona schließlich immer garantiert.

Ikea ist jetzt unausweichlich dort angekommen, wo es vielleicht auch wieder hinmöchte. Direkt vor die Haustür von seinen Verbrauchern. So wie es mal in den ersten Jahren war, als Gründer Ingvar Kamprad im Jahr 1943 loslegte.

Machen Sie für alle Betroffenen das Beste daraus.
Wir haben da weiter ein Auge drauf.

Dossier “Ikea-Altona”

Hamburg / Altona. In Altona kommt ein neuer Bürgerentscheid. Das Bürgerbegehren zur Stärkung der Verbindlichkeit eben solcher war erfolgreich. Das Amt hat ausgezählt: “Bürgerwille verbindlich machen” – hat nach Informationen von ALTONA.INFO genügend Unterstützerunterschriften zusammen und ist zustande gekommen. Die Bezirksversammlung Altona muss sich nun verhalten. Entweder stimmen Kommunalpolitiker dem Vorhaben zu oder formulieren einen Gegenvorschlag. Mit einer Beschlussfassung ist nach der Sommerpause ab August zu rechnen.

Es war zuletzt eng geworden und es gab etwas Streit. Hintergrund: Die Vertrauensleute gingen von einer geringeren Anzahl zu sammelnder Unterstützungsunterschriften aus. Drei Prozent der Wahlberechtigten zur letzten Bezirkswahl müssen unterschreiben, damit aus einem Bürgerbegehren auch ein Bürgerentscheid wird. Dabei gingen die Initiatoren und auch das Bezirksamt Altona zunächst von benötigten min. 5.623 Unterschriften aus. Die letzten Listen wurden allerdings erst am 27. Mai – zwei Tage nach der letzten Bezirkswahl abgegeben. Das Bezirksamt Altona nahm nun die Zahl der hier neuerdings Wahlberechtigten als Grundlage. Statt gedachter 5.623 Unterschriften mussten dies dann 5.937 sein, erklärte Wahlleiter Kersten Albers im Interview mit ALTONA.INFO. Später kam das Amt, ableitend aus einer noch nicht in Kraft getretenen Verordnung doch noch zur anderen Rechtsauffassung. Ein Präzedenzfall.

Fest steht jetzt: 197.880 Wahlberechtigte könnten schon bald abstimmen, wenn die Bezirksversammlung Altona dem Anliegen nicht entspricht und zustimmt. In diesem Fall erginge die Aufforderung an den Senat direkt, das Geforderte umzusetzen. Ist damit zu rechnen?


Unterstützung für das Vorhaben kommt aus mehreren Parteien

Seit Monaten waren die Vertrauensleute mit ihren Unterstützern unterwegs. Es gab ein Treffen bei dem sich zahlreiche Initiativen, Vereine und Kulturzentren auf das “Altonaer Manifest” – eine Art Denkschrift – verständigten. Daraus ging dann der Wille hervor, zunächst im Wege eines Bürgerbegehrens zu agieren. Nach Informationen von ALTONA.INFO haben sich sogar Vertreter unterschiedlicher Parteien in Altona für das Vorgaben ausgesprochen. Der Bürgerentscheid über Bürgerentscheide formuliert die Empfehlung, Gesetze in Hamburg anzupassen. Direkte Abstimmungen der Bürger sollen – anders als bei vorherigen Bürgerbegehren – eine echte Verbindlichkeit haben. Juristisch äußerst interessant dürfte es werden, wenn der Senat ausgerechnet dieses Anliegen kassiert. Es würde schließlich genau die Kritik bestätigen, dass bezirkliche Bürgerbegehren keine abschließende Wirkung haben und allenfalls Handlungsempfehlungen sind. Eine ähnliche Einschätzung, wenn auch zu den Bezirksversammlungen selbst, nahm 2013 das Verfassungsgericht vor.

Das hier jetzt erreichte Vorhaben aus Altona kann als Vorreiter für alle Hamburger Bezirke betrachtet werden. Es ähnelt den Plänen von Mehr Demokratie e.V. zur Durchführung eines Volksentscheides in Gesamt-Hamburg über die sogenannte ‘Einheitsgemeinde’. Bis September, so Ankündigungen von Mehr Demokratie gegenüber dieser Zeitung, will man dafür einen konkreten Vorschlag unterbreiten. Die Fraktionen laufen dem Thema jetzt hinterher. Zunächst käme von Mehr Demokratie jedoch noch ein grundlegender Vorschlag zu Referenden, sagt Manfred Brandt.

Das neue Altonaer Bürgerbegehren und die Pläne von Mehr Demokratie zur kommunalen Reorganisation verbinden eine gemeinsame Frustration: Während in Hamburg seit Jahren immer wieder die Rede von einer “Stärkung der Bezirke” ist, halten sich tatsächliche Rechte des Bezirksparlamentes, daran angelehnt auch für direkte Abstimmungen der Bürger, in Grenzen. Der Hamburger Senat kann faktisch alle bezirklichen Beschlüsse aushebeln und evozieren. Neuerdings nutzt er diese Möglichkeit nicht nur passiv, sondern auch aktiv, etwa durch die Fassung von Vorratsbeschlüssen (bsp. Trinitatiskirche). In vielen Bezirken sind entsprechende Fallbeispiele bekannt. Vielleicht fällt es in Altona einfach häufiger auf? Durch die Anpassung der Verfassung solle dies in Hamburg in Zukunft jedenfalls verhindert werden.

Nach Einschätzung von Beobachtern gibt es in den kleinen wie auch größeren Parteien Befürworter für eine solche Änderungen. ‘Zentralisten’ in Parteien gibt es auch. Sie vertreten die Auffassung, der Staatsapparat müsse an einer Stelle in Hamburg zusammengefasst organisiert sein. Für eine dezentrale Struktur nach dem Prinzip der Subsidiarität, etwa mit echten kommunalen “Parlamenten”, sprechen sich Befürworter aus anderen Gründen aus. Sie argumentieren, Dinge könnten durch die Ortsnähe politisch besser eingeschätzt und entscheiden werden. Aufgaben zwischen Landes- und Kommunalebene könnten neu sortiert und damit Zuständigkeiten verschlankt werden. Dann käme es überdies auch nicht mehr zu absehbar wirkungslosen Beschlüssen.

Wie es auch immer kommt: Mit Blick auf die letzte Wahlbeteiligung gilt festzuhalten, dass der Bezug von Bürgerinnen und Bürgern zu dem kommunalpolitischen Geschehen in Hamburg optimierungbedürftig ist. Wähler oder Unterzeichner wollen wissen, ob es sich lohnt, eine Stimme abzugeben bzw. eine Unterschrift zu leisten.

ALTONAINFO-5Jahre

Wir haben es geschafft! Fünf Jahre lang haben wir – das ist im Internet eine sehr lange Zeit – lokaljournalistisch aus Hamburg-Altona gewirkt. “Herzlich Willkommen” hieß es in unserem Startbeitrag am 20. Juni 2009 nach einigen Monaten Vorarbeit.

Herzlichen Dank an alle Leserinnen und Leser, die uns seitdem und bis heute verfolgen. Bleiben Sie uns treu, denn wie damals heißt es auch heute: “Wir sind für Euch da!”

Wir werden uns nach besten Kräften weiter einbringen mit einem kleinen, aber entscheidenen Unterschied: Sie, werte Leserinnen und Leser, haben es ab sofort noch mehr in der Hand! Statten Sie uns aus. Helfen Sie dabei, unseren unabhängigen und überparteilichen Blick auf die Dinge für viele Bürgerinnen und Bürger weiter und nachhaltig zu ermöglichen. Helfen Sie mit, diese Geschichte aus Altona zu schreiben.

Fünf Jahre ALTONA.INFO – Wir werfen einen Blick zurück und nach vorn.

Herzlichst, Ihr
Christoph Zeuch

Redaktion-CZIn eigener Sache…

Fünf Jahre Lokalzeitung für Hamburg-Altona mit über 10.000 publizierten Beiträgen, vielen Terabytes an Daten liegen hinter uns und nachschlagbar in den Archiven der Redaktion. Insgesamt haben an ALTONA.INFO seit Beginn und bis heute etwa 25 Personen intensiv und journalistisch mitgearbeitet. Am 20. Juni 2014 feiern wir ganz still und leise unser Jubiläum – ohne TamTam. An alle Beteiligten der ersten und weiteren Überstunden, natürlich auch an unsere Leserinnen und Leser, vorab ein herzliches Dankeschön!

Nach mehreren Monaten Arbeit wurde ALTONA.INFO zur Altonale 2009 veröffentlicht. Wir hatten einen ‘Initiativenstand’, verschenkten Ansichtspostkarten, sammelten E-Mail-Adressen, machten eine Umfrage und diskutierten den ‘Umstand’, eine Lokalzeitung nicht auf Papier zu produzieren.

Ein paar Hauptthemen aus fünf Jahren: Buchenhofwald, Ikea, Schanzenfest, Altonale, 700-Jahre Ottensen, Altonaer Bahnhof & Mitte Altona, 2x Bundestagswahl, 2x Europawahl, 3x Bezirkswahl, 2x Bürgerschaft, 1x Bezirksamtsleiterwahl,  Brammerfläche, Tempo 30, B431, S-Bahn-Ausbau Altona-Wedel, Elbtreppe, Bürgerhaus Bornheide, Wohnungsbau, Fernwärme, Flüchtlinge, Hundertwassercafé, Hemmingstedter Weg, A7-Deckel,  Jugendhilfe, Kolbenschmidt, Grünpflege, Landstrom, Moorburgtrasse, Altonaer Museum, Zukunftsplan, Lüttkamp, Ortskern Blankenese, Kundenzentren, Sparpapiere, Bergspitze, Rote Flora, Radverkehr, Seefahrtsschule, Lampedusa, Geburten und Familie, Gefahrengebiet und weiteres Blaulicht, sicher viel vergessen, und, und, und.

 

Abriss einer kurzen Geschichte

Nach dem Start im Sommer 2009 ging es rapide bergauf mit Zugriffen und Bekanntheitsgrad. Der handgezeichnete Baum im Logo, der die Sehnsucht eines Städterlebens ausdrückt und ganz nebenbei für den sehr grünen Bezirk Altona steht, machte die Runde. Wir twitterten fleißig, fingen an, uns mühsam in die Gefilde des Altonaer und Hamburger Rathauses vorzukämpfen. Gefühlte tausend Gespräche mit dem Inhalt “Eine neue Lokalzeitung, ohne Papier, wie geht das denn?” sind in bleibender Erinnerung. Unser Produkt sollte dabei gar nicht so erklärungsbedürftig sein. Immerhin setzen wir trotz des digitalen Zeitalters auf das, was der Leser bereits seit hundert Jahren kennt: Journalismus in der täglichen Lokalzeitung.

Mit den digitalen Mechanismen dieser Welt umzugehen, ist nicht nur für eine Bundeskanzlerin, sondern auch viele Lokalpolitiker und hiesige Unternehmen “Neuland”. Vorsichtig-skeptisch wurden wir aus politischen Kreisen beobachtet. Einige glaubten uns vorerst nicht, dass wir parteipolitisch neutral sind. Andere merkten ganz unverblümt-hanseatisch an: “Ihr wollt doch sicher Geld verdienen.” Zuweilen erleben Betroffene, dass Digital-Gesagtes nicht einfach in die Tonne wandert und eine gewisse Grundvalidität benötigt. Meinung ändert sich, nur wird jetzt nachschlagbarer, was mal gefordert und dann auch umgesetzt wurde. Die Tatsache, dass wir fortan intensiv aus dem ‘Kommunalparlament’ und vielen Ausschüssen berichteten, trug auch zu einer neuen lokalpolitischen Qualität bei. Ich nenne es gerne Validität. Kombiniert mit audio-visuellen Ausgängen, verlinkt und ohne Textbeschränkung oder Termindruck mahnt sie zur Vorsicht, wie sie gleichzeitig zur Partizipation anregt. Das alles will von Politikern wie Bürgern geübt sein. In den letzten fünf Jahren gab es dazu reichlich Gelegenheiten in Altona.

 

– Hinweis: Wenn Sie keine Lust auf Anekdoten und Geschichte haben, können Sie den nachfolgenden Teil einfach bis zur Marke überspringen. -

 

Olaf Scholz und Marcus Weinberg in der Redaktion

Wir waren gerade ein halbes Jahr alt, da wollte der heutige Bürgermeister und damalige Bundestagsabgeordnete Olaf Scholz unsere kleine Redaktion im Osterkirchenviertel kennenlernen. Scholz kam, hörte zu. Wir zeigten ihm, dass viele Bundestagsabgeordnete schon damals die Sozialen Netzwerke nutzten und alle Kommentare auf einer Twitterwall unserer Zeitung gelesen werden können. Scholz gab Video-Antworten auf Bürgerfragen, die wir eine Stunde zuvor auf dem Ottenser Wochenmarkt aufnahmen. Er antwortete auf Fragen von Lesern mit einem Kommentar. Die ‘Digitale Bürgersprechstunde’ war geboren. Der Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg folgte zur “Online-Sprechstunde” und auch viele weitere Akteuere gaben uns Interviews. Feedback gab es prompt von Lesern und spannende Hinweise erreichen unsere Redaktion bis heute und helfen bei der Arbeit.

2010 gestalteten wir unsere ersten Mediadaten. Anzeigenwerbung sollte es nach einem guten Jahr reiner Investition schließlich auch geben und wurde auch nachgefragt. Wir kamen sofort mit einem expandierenden Möbelhaus ins Gespräch. Daraus entwickelte sich die Idee eines von unserer Redaktion betriebenen und moderierten ‘Bürgerforums’. Voraussetzung war, dass das Unternehmen sich bereit erklärte, auf Fragen von Bürgerinnen und Bürgern zu seinem Bauvorhaben und anderen Themen  öffentlich zu antworten. Etwa 1.500 Kommentare machen bis heute klar, dass das Thema wichtig ist.

Nun, Altona ist nicht Ikea und Ikea ist bekanntlich auch nicht Altona. Wir schauten uns auch anderweitig um. Es folgten Parteien, Einkaufszentren, Einzelhändler. Nur mit der Stadt Hamburg und seinen vielen Behörden gab es für uns unvorhersehbare Probleme. Die FHH befindet sich bis heute in exklusiven Verträgen und wirbt nicht oder nur kaum selbst für seine Dinge außerhalb jener Verträge für die stadteigene Domain.

Die Arbeit in der Redaktion wuchs, die Anzeigenvertretung wurde ausgegliedert. Die Idee, auch in anderen Angelegenheiten zu moderieren, baten wir etwa zur ‘Mitte Altona’ oder in anderen Planverfahren an – leider bis heute erfolglos. Ein kleiner Eindruck von der kaufmännischen Arbeit hinter unserer Lokalzeitung: In unserer Kartei führt der Verlag aktuell 14.000 Gewerbetreibende und Organisationen im Bezirk Altona. Etwa 100 sind in den letzten Jahren Werbekunde unserer Lokalzeitung geworden. Werbepause: Unser Kundenberater freut sich darauf, noch viel mehr Altonaer Unternehmen davon zu begeistern, dass Werbung in einem ansprechenden und seriösen digitalen Umfeld besonders gut funktioniert. Ende der Werbedurchsage.

Während ALTONA.INFO Ende 2010 die 15.000er-Marke abgerufener Seiten (Klicks) erreichte, kamen die ersten ‘Leserspenden’ an. Je mehr wir nach Themen suchten, desto mehr Anregungen kamen auch auf uns zu. Mit den Plänen des Vorgängersenates – etwa zur Schließung des Altonaer Museums oder dem Start der Umsetzungsplanung zur Mitte Altona – erreichten uns 2010 zwei große neue ‘Visionen’. Aus der einen wurde bekanntlich nichts. Bei dem anderen Thema ist der verspätete Zug noch nicht abgefahren. Wir erfanden den “Aufreger der Woche”. Eine Redakteurin fragte Kunden auf den Wochenmärkten mit Filmkamera, was denn “Ihr Aufreger der Woche” sei. Wir rubrizierten, schufen Dossiers etwa mit “Ein Stück Altona”, eine regelmäßige Lektüre aus den Geschichtsarchiven.

Mit dem Machtwechsel 2011 in der Bürgerschaft änderte sich der Blickwinkel der Parteien auf unser Wirken. Die SPD war plötzlich Regierungspartei, CDU und GRÜNE in der Opposition mit den LINKEN und der FDP. Spätestens mit unserer Berichterstattung zur Wahl 2011 hatte ALTONA.INFO den Beweis angetreten, eine lokalpolitisch-aktive, aber parteipolitisch neutrale Lokalzeitung zu sein. Im Rahmen einer Dozenten-Tätigkeit brachten wir uns ebenfalls ein. 20 Journalistik-Studenten und unsere Redaktion nutzten im Rahmen eines Projekts die Gelegenheit, sich in allen anderen Bezirken umzuschauen.


Schneller oder besser

2012 war vielleicht unser intensivstes Jahr. Die erste Volontärin machte ihren Abschluss cum laude. Das jüngste Mitglied der Chefredaktion erblickte das Licht der Welt. Wir schufen einen umfangreichen Veranstaltungskalender, richteten Audio-Beiträge ein, kritisierten die neuen Regierenden und starteten eine Vielzahl von Recherchethemen. Unsere Lokalzeitung trat als eine der ersten rein digitalen Telemedien kostenpflichtig und freiwillig dem Presserat und Pressekodex bei. Der Stil unserer Zeitung hat sich seit 2012 ein wenig verändert. Setzten wir vormals insbesondere auf Schnelligkeit, stiegen wir jetzt noch intensiver in Zusammenhänge ein. Themen, die nicht weglaufen, publizieren wir bis heute vorerst nicht und verschwinden auf das Recherche-Deck bis alle nötigen Informationen an Bord sind.

Die Bereitschaft mit uns zu sprechen nahm ab, sobald wir den Finger in die Wunde legten. Hin- und wieder bemühten wir unseren Berufsverband oder mussten Behörden direkt auffordern, doch das Presserecht zu beachten. Probleme gibt es in vielen Recherchethemen bis heute. Wer glaubt, dass auch in Hamburg nicht täglich um die Pressefreiheit gestritten werden muss, den müssen wir leider desillusionieren. Man kann sicher sagen, dass unserer Redaktion nach mehreren Jahren lokaljournalistischer Arbeit auch eine bessere Einschätzung zu vielen Themen gelingt.


Wahl- und Machtkämpfe

2013 fand die Wahl des neuen Bezirksamtsleiters in Altona statt und wir begleiteten das Treiben der Fraktionen investiv. Diese wichtige Personalentscheidung war auch eine Zerreißprobe für die Rot-Grüne-Koalition. Am Ende wurde Jürgen Warmke, mit dem wir noch ein ausführliches Abschiedsinterview führten, von Dr. Liane Melzer abgelöst. Unbeachtet dessen ging es in dem Jahr auch in den Themen heiß her. Politischer Dissens aus dem Altonaer Lokalparlament wurde am Beispiel der Roten Flora, den Lampedusa-Flüchtlingen oder im Bereich der Jugendhilfe deutlich. Die Stürme Christian und Xaver waren eine ganz andere Herausforderung für manchen Lokalredakteur, der nun auch mal um 4:00 Uhr morgens seinen Dienst in den Sturmfluten begann. Zum Jahreswechsel gab es Krawalle in der Schanze – der bisherige Eigentümer hatte mächtig viel Raum für seine Thesen erhalten.

Mit den “Gefahrengebieten” zu Beginn von 2014 verging kaum ein Tag oder Wochenende ohne Demos in Altona. Die Krawalle vom Jahreswechsel und unterschiedlichste politische Interessen trafen aufeinander. Wir beobachteten die Lage. Standen mal am Feuer mit nicht so freundlichen Vermummten oder nicht besonders gesprächsfreudigen Polizeibeamten. Wir befragten die Prominenz beim Blankeneser Neujahrsempfang. Was inhaltlich Sinn ergab wurde publiziert. Lampedusa-Demos fanden selbst bei gefühlten Minus 20 Grad statt. Rund um die Rote Flora wurde es juristisch und wir studierten die Verträge.

Der Wahlkampf für die Bezirkswahl begann früh. Es ist der ‘Preload’ für die Bürgerschaftswahl 2015, sagte ein Politikberater. Und wieder wurde fleißig versprochen: Ein Wärmekonzept, ein Deckel, eine U-Bahn, mehr Ausbau von Radwegen. Die Ausstattung der Bezirke wurde zuletzt folgenlos kritisiert. Ein Plädoyer für eine besser funktionierende Lokalpolitik folgte. Wir moderierten auf Wunsch der Bezirksversammlung die Podiumsdiskussion aller Spitzenkandidaten der antretenden Altonaer Parteien. LIVE: Unsere Zeitung übertrug die letzte Sitzung der 19. Bezirksversammlung Altona. Wieder eine Premiere.

Am 19. Juni wird die dritte von uns verfolgte Legislaturperiode des hiesigen ‘Kommunalparlamentes’ gestartet. Das Jahr ist erst halb um. Mit Beginn der diesjährigen Altonale am 20. Juni startet unsere Lokalzeitung in das sechste Erscheinungsjahr.

 

Hinweis: Hier sollten Sie jetzt weiterlesen, um den wesentlichen Teil der Information zu erfassen. Dies entspricht auch dem Leseverhalten eines durchschnittlichen Online-Lesers  -

 

Blick nach vorn – Projekte für die nächste Zeit

Je näher dieses Jubiläumsereignis rückte, desto klarer wurde in allen Überlegungen, dass nach fünf Jahren der nächste Entwicklungsschritt für unsere Zeitung fällig ist. Gerade in den letzten Monaten konnte ALTONA.INFO noch einmal zahlreiche Leserinnen und Leser gewinnen. Seit Jahresbeginn verzeichnen wir täglich etwa 2.500-5.000 unterschiedliche Leserinnen und Leser und 15.-30.000 Seitenabrufe. Unser Newsletter wurde bereits von über tausend Lesern abonniert.

“Wie gelingt es eigentlich, eine Lokalzeitung digital zu betreiben?”, werden wir auch seit Jahren immer wieder von Kollegen gefragt. Seit Anbeginn gebe ich der Medien-Fachpresse Interviews, bin Gast auf Podien, wenn es um die Zukunft des Lokaljournalismus geht. Es gibt mittlerweile ein Duzend Master- und Studienarbeiten, die sich mit ALTONA.INFO beschäftigen. Seit 2011 gelingt es etwa 90% unserer Umsätze direkt in bescheidene Gehälter und Honorare der Redaktion zu investieren und sog. schwarze Zahlen zu schreiben. Leser spendeten hin und wieder. Das Anzeigengeschäft und der Verkauf von Nutzungsrechten an Dritte bringt bisweilen maßgeblich Geld in die Redaktionskasse – auch hier könnte viel mehr passieren. Eine Leserstudie mit hunderten Befragten zeigte uns, dass das durchschnittliche Alter unserer Leser 43 Jahre beträgt. Mit sind mit ALTONA.INFO mitten in der Gesellschaft angekommen und benötigen jetzt Ihre Unterstützung.


Investieren Sie in ALTONA.INFO

Eine Lokalzeitung in einem so großen Raum wie Hamburg-Altona, mit über 260.000 Einwohnern in vierzehn Stadtteilen, hat eine Menge mehr Potenzial. Letztes Jahr hatte ich auf einem Kongress Gelegenheit, mit vielen leitenden Redakteuren anderer Lokalzeitungen aus Deutschland zu sprechen. Kurzum: Es gibt viel kleinere Regionen in Deutschland, die aber mit viel mehr Kollegen arbeiten können und noch mehr über ihre Region schreiben, recherchieren, publizieren. Das sollte doch in Altona auch möglich sein!

Neben Leserinnen und Lesern sind jetzt auch Unternehmen, Institutionen und Organisationen aufgerufen, sich aktiv zu beteiligen. Wir möchten unsere publizistischen Grundsätze und den Betrieb ökonomisch dauerhaft sichern.

Eine weiteres Ziel ist die Gründung einer Genossenschaft (Gründungskosten bereits 15.000 Euro). Leserinnen und Leser könnten so auch direkt an unserer Lokalzeitung beteiligt werden. Investieren möchten wir in mehr Redakteursstellen, ein Intranet und Marktplatz für Abonnenten. Angemeldete Leser sollen bei ALTONA.INFO in einem separaten Bereich bloggen können. Ein nachbarschaftliches Soziales Netzwerk für Altona wird gerade technisch erprobt. Die Redaktion soll noch viel mehr in die vierzehn Altonaer Stadtteile gehen, gleichzeitig mehr Themen mit lokalem Charakter von der Landes-, Bundes- und Europaebene anbieten.

Liebe Leserinnen und Leser!

Ich persönlich meine, dass Altona eine eigene und gut finanzierte (digitale) Lokalzeitung verdient hat. Wenn Sie das auch so sehen, freue ich mich darauf, diesen Weg in den nächsten Jahren mit Ihnen gemeinsam zu gehen. Unterstützen Sie uns bitte bereits heute, indem Sie für unsere lokaljournalistische Arbeit bezahlen.

Sie investieren damit in ein Geschäftsmodell, dass unserer Gemeinschaft dient.

Herzliche Grüße aus der Redaktion!

Christoph Zeuch
Herausgeber und Chefredakteur

In eigener Sache…

Buch-Ende
Die ‘schöne digitale Welt’. Sich den Herausforderungen stellen, bedeutet nicht, sich jedem Mechanismus auszusetzen.

Wie unsere Leserinnen und Leser festgestellt haben, verweisen wir schon seit mindestens zwei Jahren nicht mehr aktiv auf unsere “Facebook-Seite”. Ein aktives Zuführen von Lesern findet nicht statt. Der Algorithmus des Netzwerkes erlaubt es vom Facebook-Seitenprofil ausgehend nicht mehr (hier bewusst nicht verlinkt), Leserinnen und Leser in einem adäquaten Umfang zu erreichen. Zuletzt lag die Auslieferungsquote hier bei etwa zehn Prozent gemessen an den sogenannten “Fans”. Pro 1.000 Abonnenten des Profils werden unsere Beiträge damit lediglich bei 50-100 Personen eingeblendet. Die Zeit der Nutzbarkeit als Marketinginstrument, insbesondere um neue Leserinnen und Leser auf sich aufmerksam zu machen, nimmt stetig an Bedeutung für uns ab. Nach fünf Jahren erschöpft sich schließlich auch für eine Lokalzeitung der Bedarf, in dem geografisch festgelegten Umfeld neue Bürger erreichen zu können. Der Raum mit 250.000 Einwohnern in Altona ist zwar groß, aber nicht endlos. Wir müssen unsere Ressourcen in Zukunft auf andere Dinge konzentrieren.

Redaktionelle Inhalte, die wir in die Börse einstellen, sind eine Bereicherung für den Anbieter “Facebook” selbst, zumal es im Gegensatz zu der vielen Werbung journalistische Beiträge sind, hinter denen ein Aufwand steht. Statt dies anzurechnen, erwartet das US-Unternehmen seit etwa zwei Jahren, dass Verlage sogar Werbegeld bewegen, um eigene Inhalte sichtbar zu machen? Solche Marketingkosten, da über den EU-Sitz Irland abgerechnet, führen noch zu besonderem Buchhaltungsaufwand, denn Umsatzsteuern müssen an eine Bundesstelle gemeldet werden. Davon unabhängig führen Werbeeinnahmen aus dem deutschen Markt nicht prioritär zu Beschäftigungsverhältnissen im Heimatmarkt. Ein wichtiger arbeitsmarktpolitischer Grund unseres eigenen Bestrebens ist schließlich die Schaffung von Arbeitsplätzen in Hamburg.

Unsere Aktivität (und die vieler anderen Medien) stärkte bisweilen die Attraktivität dieses Wettbewerbers in dem Digitalmarkt. Wir machen keinen Hehl daraus, dass uns dies im Aufbau auch mal nützlich war, jedoch immer weniger hilft. Durch die aktuelle Umgestaltung von Facebook und entsprechende Übernahmen anderer Dienste (etwa Whatsapp) wird aus unserer Sicht jetzt auch die strategische Ausrichtung deutlicher. Facebook nimmt durch eine überarbeitete Form der Präsentation von Fremdinhalten und mehr Werbung aus unserer Beobachtung jetzt selbst viel stärkeren inhaltlichen Einfluss. Redaktionelle Momente werden anders gewichtet, teilweise um andere Inhalte ergänzt. Das Angebot ist schon lange kein reiner Funktionsdienst mehr, sondern – ähnlich wie Google bei etlichen Diensten – Anbieter verlagstypischer redaktioneller Informationen.


Redaktionelle Gründe für unsere “Diät”

Aus journalistischer Sicht führt der “Like-Mechanismus” zu grundsätzlichen Problemen in der Ausübung des beruflichen Regelwerkes, etwa dem Trennungsgebot von Werbung und Redaktion. Aus Hintergrundgesprächen wissen wir, dass einzelne Politiker auf Basis einer Like-Popularität bereits Rückschlüsse auf eigene Aktivität ziehen. Über Mechanismen unaufgeklärte Leserinnen und Leser werden häufig fehlgeleitet informiert und assoziieren mit der angeblichen Beliebtheit auch eine inhaltliche Richtigkeit. Der Mechanismus selbst, der regelhaft Beiträge zu Trendthemen fördert, ist kritisch zu bewerten. Themen, die für Leserinnen und Leser aus unserer Einschätzung sogar wichtiger sind, gehen unter.

Leserinnen und Leser unserer Lokalzeitung sind zum Glück für solche Effekte nach unseren Beobachtungen weniger anfällig. In der Verhaltensforschung spricht man auch von einem Bandwagon-Effekt (Mitläufereffekt) – der Bereitschaft sich Handlungsweisen nur auf Grundlage der Handlungsweise anderer Personen anzuschließen. Über den Follower-Mechanismus hatten wir ein Stück im Glossar verfasst.

Reichweitenmessung: Was in der Welt von gedruckten Zeitungen eine unbestimmbare Variable ist (wer kann schon wissen wie viele Leser den Artikel auf Seite 17 tatsächlich gelesen haben?), wird in der digitalen Welt transparent. Wenn Themen weit überwiegend auf Basis ihrer massentauglichen Popularität Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen nehmen, sogar den Inhalt des Angebotes dominieren (man spricht auch von suchmaschinenoptimierter Publizität, Keyword-Journalismus), dann gefährdet dies aus unserer Sicht auch die innere Pressefreiheit einer Redaktion. Ein journalistisches Produkt sollte sich nicht einem Zähl- oder Abrechnungsmechanismus einzelner Themen verschreiben und sich darauf ausrichten. Faktisch kann die Beliebtheit eines Themas nicht maßgeblich für die Arbeit in der Redaktion sein. Gesellschaftspolitisch relevante Themen, müssen entsprechend gewürdigt werden und auch wahrnehmbar bleiben.

Es ist keine Kunst, Beiträge herzustellen, die etwa aufgrund ihrer Beschaffenheit im verkürzten Ausdruck und der reißerischen Bildsprache dazu geeignet sind, viele Leserinnen und Leser zu erreichen. Das sind schließlich bestens bekannte Mechanismen der Werbung. Es ist auch keine Kunst, ein Medienangebot so aufzubauen, dass viele zählbare Zugriffe auf den selben Inhalt entstehen (Bildstrecken, langgestreckte mehrseitige Artikel, inhaltsidentische Beiträge mit anderen Überschriften, Kommentarspalten). Sogenanntes Usertracking- und Analysemethoden, etwa die durch Google-Dienste wie Analytics, sind daher seit Jahren aus ähnlichen Gründen bei ALTONA.INFO gesperrt bzw. nicht integriert.

Auch die Interaktion zwischen uns als Redaktion und unseren Lesern ist aus unserer Sicht fehlgeleitet. Die Kommentarfunktion unter Beiträgen bei Facebook kann bisweilen von uns nicht adäquat moderiert werden. Dem Archiv unserer Zeitung gehen im Kontext des jeweiligen Beitrages alle Kommentare in dem Netzwerk verloren. Wertvolle Hinweise von Leserinnen und Lesern landen schlicht in einem anderen Medienangebot. Es sprechen auch datenschutzrechtliche Belange dafür, Leser nicht in dieser Weise mit der Software zu konfrontieren.

Aus den beschriebenen Gründen und auch Gründen des Datenschutzes sagen wir ab heute auf unbestimmte Zeit Adé zum “Like”-Button unter redaktionellen Beiträgen. Für Interaktion steht weiterhin das Kommentarfeld unter Beiträgen und für Anregungen das Formular für Themenvorschläge zur Verfügung. Nutzen Sie auch gerne in Zukunft verstärkt unseren E-Mail-Newsletter. Hier kann unsere Redaktion sicherstellen, dass Abonnenten entsprechende Informationen erreichen.

Letzte Anmerkung: Dass wir hier unsere Aktivitäten zurückfahren, bedeutet natürlich nicht, dass wir nicht weiter Informationen aus unterschiedlichen Quellen recherchieren oder auch entsprechend mal auftauchen.

Hamburg / Altona. Sie werden sich in nächster Zeit sicher wundern, dass unsere Lokalzeitung wieder Berichte über parteipolitische Themen intensiviert. Hintergrund sind die anstehenden Wahlen in den Bezirken und die Europawahl am 25. Mai 2014 – wie auch der Wahlkampf zu den Bürgerschaftswahlen 2015. Für erstgenannte Wahlen sind die Einreichungsfristen abgelaufen. Der Bundeswahlleiter verkündete, welche Parteien zur Europawahl antreten werden. Zur Hamburger Kommunalwahl, d.h der Wahl in den Hamburger Bezirken, tagt am 28. März noch der Bezirkswahlausschuss in Altona. In den nächsten Tagen werden wir die Parteien anschreiben, Kandidaten um Interviews bitten, Debatten moderieren und uns intensiv einbringen.

Wir wünschen gute Lektüre und eine möglichst hohe Wahlbeteiligung am 25. Mai 2014!

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Dossier: “Bezirkswahl 2014″
Dossier: “Europawahl 2014″

Hamburg-Wahlen-Terminuebersicht-BVWahlEUWahl2014
Eine Übersicht über die genauen Abstimmungstermine zur BV- und EU-Wahl in Hamburg, Quelle: Landeswahlamt

 

 

 

Altonaer Notgeld
Einzulösen für die Eine-Billion-Vision

Neulich beim Arzt.

Politiker: Hab Visionen.
Arzt: Wo sind sie denn? So schlimm wie letztes Mal?
Politiker: Ja, überall und ständig. Ist wieder viel schlimmer geworden.
Arzt: Alles raus, was keine Miete zahlt. Schlimmer geht immer.
Politiker: Können Sie das auch sehen?
Arzt: Hängt schließlich von der Perspektive ab.
Politiker: Ist das Ihre Vision?
Arzt: Nein, meine Version. Machen Sie jetzt kurz die Augen auf, dann fällt es Ihnen auf.
Politiker: Danke. Jetzt kann ich es auch wieder sehen. Glaube, meine Vision ist wieder weg.
Arzt: Schön, dass ich helfen konnte. Macht dann 10 Milliarden Euro. Können Sie auch in Raten zahlen. Auf Wiedersehen und bis zur nächsten Vision.

Politiker: Kann ich mir nicht leisten, bin überschuldet.

Arzt: Hätte da eine Vision.
Politiker: Alles raus, was keine Miete zahlt. Schlimmer geht immer.
Arzt: Können Sie das auch sehen?
Politiker: Hängt schließlich von der Perspektive ab.
Arzt: Ist das Ihre Vision?
Politiker: Nein, meine Version. Machen Sie doch kurz die Augen auf, dann fällt es Ihnen auf.
Arzt: Danke. Jetzt kann ich es auch wieder sehen. Glaube, meine Vision ist wieder weg.
Politiker: Schön, dass ich helfen konnte. Macht dann 20 Milliarden Euro. Können wir mit ihrer offenen Forderung verrechnen.

Arzt: Kann ich mir nicht leisten. Meine Kunden zahlen schlecht.

Politiker: Hätte da eine Vision…

LutherparkHamburg / Altona / Bahrenfeld. Nach Sozial- und Gesundheitsbehörde äußerte sich jetzt Bürgermeister Olaf Scholz zu Umsiedlungsaktivitäten im Lutherpark, einem Seniorenheim von Pflegen und Wohnen GmbH. Er selbst ist Mitglied im dortigen Förderverein. Gegen den Willen der Betroffenen wolle man keine Umnutzung zu einer Flüchtlingsunterkunft vorantreiben. Wir berichteten, das Pflegeheim sollte “aus wirtschaftlichen Gründen” geschlossen werden, so der Betreiber selbst. Es gab bereits eine Debatte im Lokalparlament. Mit der ehemals eng verzahnten städtischen Gesellschaft Fördern und Wohnen vereinbarte man sich über eine Art Miet- und Nutzungsvertrag.

Bestehen sogenannte “wirtschaftliche Gründe” weiter, kann das Heim von einem Betreiber offenbar aber auch einfach so geschlossen werden. Ist der Senat hier wirklich in einer starken Position? Etwaige Leerstands-Drohungen hatten nach Informationen von ALTONA.INFO bereits die Politik erreicht. Was jetzt beginnt, ist eine Verhandlung mit offenem Ausgang in komplexer Vertragslage. Zeit, etwas mehr in die Details zu gehen, denn eine Bleibegarantie für die Pflegebewohner gibt es nach eigener Einschätzung faktisch kaum. Sie können natürlich alle Angebote ablehnen – ob dann das Heim erhalten bleibt?

Die Wellen in der Diskussion waren hoch geschlagen, wurden die pflegebedürftigen älteren Damen und Herren doch vor vollendete Tatsachen gestellt. Ist das Thema vom Tisch? Können alle Senioren und teils schwer an Demenz erkrankten Pflegebewohner dort bleiben? Ja, sagt der Senat und der private Betreiber schweigt dazu? Üblich ist ein gemeinsames Statement vor der Presse, wenn alle Seiten willens sind. Am Dienstag gab es dies nicht.

Auch andernorts fällt es der Branche offenbar in diesen Tagen nicht leicht, mit den gegenwärtigen Umständen wirtschaftlich umzugehen. Kritik zum Kostendruck im Pflegebereich gab es am Dienstag etwa von den Betreibern der Caritas-Heime, die in die Insolvenz gingen (wir berichteten). Man könne als tarifgebundener Arbeitgeber schwer dem Kostendruck in der Branche standhalten, so ein Argument.

Einige der 148 bisherigen Bewohner – etwa 20 Personen heißt es – sind offenbar bereits mehr oder weniger freiwillig umgesiedelt worden. Gegen oder mit ihrem Willen ist bei Demenzkranken eine schwer zu beantwortende Frage, genauso wie die, ob sie ihr Schicksal selbst aus einer Zeitung erfahren haben können. Das Thema selbst, das anlässlich einer Präsentation der Sozialbehörde im Hauptausschuss der Bezirksversammlung öffentlich bekannt wurde, hat einige Vorgeschichten. Man hört etwa immer wieder, dass schon länger Verhandlungen liefen, offenbar auch Modelle für die Unterbringung beider hilfsbedürftiger Gruppen auf dem Gelände – Flüchtlinge und Pflegebewohner – verhandelt und verworfen worden seien. Die jüngere Geschichte reicht zunächst zurück in die Zeit, als Verträge zur Privatisierung 2007 geschlossen wurden. Stellten sie schon damals Weichen für die heutige Lage?

Grundstücke und Objekte verkauft und geleast – Rückkaufs-Option bis 2027

Nach der Privatisierung wurden enge Verbindungen zwischen den hier betroffenen Vertragspartnern nicht vollständig gelöst. Pensionsverpflichtungen von Fördern und Wohnen gingen etwa auf den Pflegeheimbetreiber über und stehen in den Büchern. Der Aufsichtsrat blieb zunächst. Grundstücke und Gebäude wurden vor der Privatisierung über “Lease-Back”-Verträge von der bis heute städtischen AöR Fördern und Wohnen verkauft – das hat der Stadt viel Geld gebracht. Pflegen und Wohnen GmbH muss diese Objekte heute selbst anmieten, kann sie aber auch nach zwanzig Jahren wieder zurückkaufen, sieht offenbar eine Klausel vor.

“Durch die Leasingtransaktion mit der DAL konnte HSI die Investition außerhalb der Bilanz und ohne Einsatz von Eigenkapital tätigen. Nach Ablauf der Leasingvertragslaufzeit von 20 Jahren verfügt HSI über Ankaufsrechte an den Pflegeeinrichtungen und sichert sich damit langfristig den Zugriff auf die Objekte”, heiß es in einer Darstellung der Sparkassen-Finanz-Tochter DAL. Für den Deal habe es eine Finanzierung der HSH-Nordbank über 100 Mio. Euro gegeben, heißt es weiter. Hinter dem Pflegeheimbetreiber einerseits und der HSI (HSI Hamburger Senioren Immobilien GmbH) andererseits stehen bis heute offenbar die selben Gesellschafter, im Wesentlichen zwei Familien. Einer gehört mit “Vitanas” eine der größten Pflegeheimgesellschaften in Deutschland.

Wieso entsteht hier Interesse an Veränderung? Leasing ist solange ein interessantes Geschäft, bis der Leasingnehmer Änderungen, etwa Umbauten verlangt und für einen Rückkauf von Objekten und Grundstücken in dieser Größenordnung (damals wohl 100 Mio. Euro) muss man sich langfristig vorbereiten. Je höher das Vermarktungspotential von Lagen, desto wahrscheinlicher, dass man für ein solches Geschäft auch Finanzierungspartner findet.

Besonders attraktiv scheinen Investitionen in Sanierungen von Bestandsobjekten überdies nicht zu sein. In den letzten Jahren wurden Gesetze für die Branche verschärft. Neue bauliche Vorschriften und Sicherheitsbestimmungen sorgten dafür, dass Heime massiv in ihre Häuser nach neuem Standard investieren müssen. Je nachdem, welche Gefährdungspotentiale aus gesundheitlichen Gründen unter Gästen bestehen, muss für mehr Sicherheit gesorgt werden. Auch von besserem Brandschutz ist immer wieder die Rede. Der Senat hatte am 14.02.2012 drei Verordnungen (u.a. WBBauVO) zur fachlichen Umsetzung des 2010 in Kraft getretenen Wohn- und Betreuungsqualitätsgesetzes beschlossen. Hier werden Mindestanforderungen für den Bau, das Personal und die Mitwirkung von Bewohnern in Pflegeeinrichtungen festgelegt.

In Neubauten werden viele der neuen Bau-Vorschriften gleich in der Planung umgesetzt. Viel in Umbau investieren oder lieber schließen und neu bauen ist deshalb eine wirtschaftliche Frage, die sich Teilnehmer in der Branche stellen. Bei einigen Objekten von Pflegen und Wohnen, u.a. dem Lutherpark, ist die Bauinvestitionsfrage mit dem Vermieter zu klären, an die der Bestand verkauft wurde. “Pflegen & Wohnen Hamburg GmbH hat unter anderem Mietverträge für Einrichtungen in Horn, Öjendorf, Lutherpark sowie Uhlenhorst mit einer Vermietungsgesellschaft abgeschlossen. Diese Gesellschaft hat die oben genannten Einrichtungen von den Eigentümern angemietet”, heißt es in einem veröffentlichten Jahresbericht des Betreibers.

Verträge und Interessen unbekannt und undurchsichtig

Der hier nun bestehende Vertrag, der zwischen dem Unternehmen Pflegen und Wohnen GmbH sowie Fördern und Wohnen AöR bei der Verkündung durch die BASFI und F+W als “unterschrieben”  bezeichnet wurde, ist genauso unbekannt wie vertragliche Verstrickungen in dem Firmengeflecht. Er soll wieder vom Tisch sein, man könne jetzt Aussteigen, war den Aussagen des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz zu entnehmen. Die Stadt habe entschieden, dass im Lutherpark keine Flüchtlingsunterkunft errichtet werden soll. Das bestätigt die Senatspressestelle auf Anfrage von ALTONA.INFO. “Der Senat steht auf der Seite der älteren Leute”, so Scholz anlässlich einer Pressekonferenz.

Fragen bleiben: Aus welchen Gründen habe die Gesundheitsbehörde einer Schließung eigentlich zugestimmt? Aus welchen Gründen Teile des Privatisierungsvertrags ausgesetzt?, fragt eine betroffene Person in einem Brief an unsere Redaktion. Der Teil ist unbeantwortet. Nach dem ersten Vertragsabschluss wird jetzt weiter verhandelt. Der Senat will dies nicht zu Lasten der Bewohner durchführen, die ihrerseits nicht mit höheren Kosten belastet werden dürften, so die politische Forderung. Ist dies konkret vereinbart worden? Wer zahlt was ?

Gebäude wirtschaftlicher zu nutzen war wohl das “fachliche” Ansinnen der Zahlenmenschen in den Oberbehörden, die Mitbestimmung völlig außer Acht ließen, als sie beim Lutherpark mit der Tür ins Haus fielen. Zeit, dass sich die Gesellschaft intensiver um die strukturellen Themen der Pflege kümmert, was offenbar beim Denken in der staatlichen Verwaltung selbst beginnt. Wirtschaftlichkeit steht auf auf der einen Seite des Blattes – was ist leistbar und wie können günstige Seniorenheime trotz Spekulationen im Immobilienmarkt erhalten bleiben? Auf der anderen Seite stehen Machbarkeit, wie auch ein breiteres Engagement für die Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe an.

Hamburg ein wachsender Markt?

“Berechnungen des statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Anzahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um etwa 50% ansteigen wird. Durch den demografischen Wandel wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von 2,3 Mio. im Jahr 2007 bis zum Jahr 2020 auf 2,9 Mio. und bis zum Jahr 2030 auf etwa 3,4 Mio. ansteigen”, steht in einem Wirtschaftsbericht von Pflegen und Wohnen. Im Hamburger Pflegemarkt rechne man aufgrund anhaltender Zuzüge, einer fortschreitenden Singularisierung der Gesellschaft und dem Aufbrechen Familiärer Strukturen “mit Sicherheit” damit, dass “der Bedarf an fachlich qualifizierten Pflegeangeboten insgesamt und darunter insbesondere an stationären Pflegeleistungen, auch in den kommenden Jahren zunehmen wird”, so der Anhang im Geschäftsbericht. Die bis 2012 amtierende Aufsichtsratsvorsitzende Birgit Schnieber-Jastram (CDU-Europaabgeordnete und Senatorin a.D. für die damals gemeinsamen Bereiche Soziales und Gesundheit) zeichnete diesen, bevor es 2012 zu einem Wechsel in der internen Aufsicht des Unternehmens kam.

1.700 freie Plätze in Hamburger Seniorenheimen bei etwa 17.000 Pflegeplätzen in Hamburg können bei dem prognostizierten Expansionspotential wohl kaum ein Grund sein, weshalb man hier im Lutherpark “aus wirtschaftlichen Gründen” schließen möchte.

HappyBirthday

GLOSSE.

Hamburg, usw. Wie sozial ist eigentlich das “Soziale Netzwerk”? Eine Frage, die einige zu ergründen suchen, während sich andere daran weniger stören. Es geht um den Geburtstag, eines der heiligen Dinge. Irgendwie hat sich über lange Zeit eingebürgert, dass dieser Tag der eigenen Geburt gefeiert wird – mit Freunden, Familie und Bekannten.

Schon seit Jahren will ich bei Facebook zu Jahresbeginn schreiben: “Hiermit gratuliere ich allen, die dieses Jahr …” Weniger Aufwand, aber nicht treffsicher genug. Es könnte außerdem komisch aufgefasst werden und soll schließlich sogar Unglück bringen.

Ich hatte auch noch Hoffnung auf App Nr. 295 für mein vollgestopftes Gerät, für das kaum Steuern anfallen. Einer Happy-Automatisierungs-App, ausgestattet mit passgenauen Zufallsgenerator-Sprüchen zum Geburtstag auf Basis von Persönlichkeitsvariablen? Wo bleibt das Social-Media-Startup hierzu? In Hamburg wird doch irgendetwas mit Content gesucht.

Der Startup-Businessplan

Neugründer aufgepasst, hier ist Plan: Die App stellt dem Nutzer Fragen, nachdem die gesamte “Freundesliste” zuvor importiert wurde. Peter hat das auch gemacht, achso. Der Kunde geht “Freunde” durch und bestimmt das, was gute CRM*-Software für Vertriebsprozesse schon lange kann: Anredeform per Sie, per Du oder per ‘Digga’ (für Norddeutschland). Darauf folgen Ausschlussfragen zu bekannten Erkrankungen. Lieblingsspeisen, Reiseorte, eine Einkommensschätzung nicht vergessen. Schließlich will der Autotextgenerator mit weiterführenden Produktempfehlungen nicht daneben liegen. Per ‘Ajax’-Sofort-Abfrage scannt das System bei jeder Eingabe parallel die Datenbank und prüft Variablen gegen Angaben von Dritten über die Person. “Peter hat geschrieben, dass Miriam 140kg wiegt.” Richtig oder falsch? Mehr oder weniger? “Gefällt Dir”?

Geburtstag im Selbstversuch wieder rückprivatisiert

Zu diesen Einblicken gehört natürlich die Portion ‘Betroffenheit’. Ich hatte gerade Geburtstag und meine Infos aus dem Public-Private-Partnership mit Facebook per Click rückprivatisiert. Niemand, außer mir selbst, konnte sehen, wann ich geboren bin. Und ich ahnte ja nicht …

Anlass war eigentlich meine schleichende Verwunderung über die Jahre zum Thema. Wer so alles von den “Freunden” meinte, aus heiterem Himmel zum Geburtstag gratulieren zu müssen. Die Pinnwand auf meinem Profil mit etwa 400 Freunden konnte nicht mehr vollgespamt werden. Das war schon lange abgestellt. “Message” oder “Kommentar” funktionieren weiter. In die Gratuliererei mischten sich Personen, die ich noch nie persönlich gesehen hatte. Es sind und bleiben die einzigen kommunikativen Kontakte dieser Personen in nahezu immer gleicher Grußmanier. “Bon Anniversaire”, “Herzlichen Glückwunsch”, “Happy Birthday” seit Jahren.

Nach Jahren des ‘artig-Danke-Sagens’ à la “es hat mich wirklich sehr gefreut, dass so viele Leute an meinen Geburtstag gedacht haben”, habe ich meinen Geburtstag dann dieses Jahr privatisiert. Plötzlich blieben Unbekannte aus, aber sogar richtig gute Freunde! Anrufe, SMS, ein paar Postkarten, einen Besuch. Das gab es alles wie üblich. Aber es fehlten einige Kandidaten. Verlass ist weiter und seit Jahren auf E-Mails aus den *Customer-Relationship-Management Tools von Banken, Versicherungen und anderen. Sie sind die ersten, die gegen 0:01 Uhr mit “Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch” ihre Werbebotschaft verknüpfen.

Aber wie kann es sein, dass echte Freunde und Familie Erinnerungen an Funktionen einer Software koppelt?! Muss das sein? Stumpft man derart ab und ist das “sozial” interessant? Zustandsanalyse: bequem, möglichst schnell gratulieren, auf die Mailbox quatschen. Der Auftrag ist kurz und knapp erledigt – der nächste “Freund” kann gerne kommen. Die Beschleunigung schafft Platz für noch mehr “Freunde” und hinterlässt immer weniger Raum für das soziale Miteinander.

Es gibt Leute, die halten Geburtstage im steigenden Alter nicht mehr für besonders erwähnenswert. Auf der anderen Seite interpretieren gerade Jüngere die Anzahl von Geburtstagsgratulationen anders. Wem nicht besonders nett gehuldigt wird, der ist halt kein Held in den “Sozialen Netzwerken”. “Muss er das denn?” steht auf dem Blatt, das Gesellschaft und Politik als Regel definieren. Ich erinnere mich an einen Vater in der üblichen Apple-Store-Schlage am Jungfernstieg, der für seine Tochter ein Gerät kaufen wollte, damit sie wieder “mithalten” kann.

Zu viel Entschleunigungstext geschrieben. Wer soll das nur alles lesen?

Kommen wir ins Geschäft: Höchste Zeit für den Kickoff unserer weltumspannenden Geburtstags-App. Pressekonferenz, nein besser ein Viral. Programmierer haben gerade den zwischenmenschlichen Geburtstagsalgorithmus entcoded. Die bek(n)ackte geknackte Formel aufgekritzelt, ein paar Praktikanten eingestellt und ihnen Junior Developer Visitenkarten gedruckt. Die App wird man für Milliarden verkaufen können. “Let us congratulate them”, murmelt ein Mitbewerber, der keinen Deal machte. Einer wird, soviel steht fest, immer und immer wieder sagen: “Danke, dass Du uns dabei hilfst, die Welt für alle noch transparenter und vernetzter zu gestalten.” (“thank you for helping us to make the world more open and connected” (Zuckerberg)).”

Die Habammen aus dem Geburtshaus in Hamburg fordern seit Jahren eine Lösung.
Die Habammen aus dem Geburtshaus in Hamburg fordern seit Jahren eine Lösung.
Die Hebammen aus dem Geburtshaus in Hamburg fordern seit Jahren eine Lösung.

Hamburg / Berlin. Es gibt immer mehr Geburten und gleichzeitig ist die Arbeit von freiberuflichen Hebammen bedroht. Vor dem Hintergrund von gestiegenen Haftpflichtprämien (etwa 5.000 Euro pro Jahr) und der damit verbundenen Probleme in der Berufsausübung, machen sie auf ihre Situation aufmerksam. Die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks erwarte eine schnelle Lösung, teilte der Senat mit. Diese ist allerdings nicht in Sicht. Die ‘Groko’ führt das Thema im Koalitionsvertrag, Entscheidungen gibt es bislang nicht im Deutschen Bundestag. Statt hier politisch zu entscheiden, wird ein Papier noch durch Verbände gereicht. Am Samstag wollen Hebammen wiederholt in Hamburg demonstrieren. Das Geburtshaus Hamburg in Ottensen startete einen Aufruf. Die Nürnberger Versicherung bietet – als ein offenbar entscheidendes Mitglied in einem Konsortium – bislang eine Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen an, plant sich nun an der Stelle zurückzuziehen. In Folge könnten sich freiberufliche Hebammen nicht mehr haftpflichtversichern. Angestellte Hebammen in Kliniken sind allerdings weiter über Gruppentarife der Krankenhäuser versichert.

“Es trifft zu, dass die Nürnberger sich zum 1. Juli 2015 aus dem Geschäftsfeld der Berufshaftpflicht für Hebammen zurückzieht”, so eine Sprecherin. Statt eigene Gründe der Gesellschaft selbst zu nennen, wird auf eine Darstellung der Versicherungswirtschaft, dem Verband, verwiesen. “Es gibt nicht mehr Geburtsschäden als früher. Aber die Behandlung und Pflege nach schweren Komplikationen würde immer vielfältiger, andauernder und letztlich teurer”, fassen die Versicherungsunternehmen an der Stelle als Lobby zusammen. In der Geburtshilfe entstünden verhältnismäßig wenige, dafür aber große Schäden: Schäden mit über 100.000 Euro Leistungsumfang machten bei Hebammen mehr als 90 Prozent des gesamten Schadenvolumens aus. Die Kosten für schwere Geburtsschäden seien um fast 80 Prozent gestiegen. Die Kosten für eine entsprechende Versicherung ist in den letzten Jahren gestiegen”, so die Darstellung auf einer speziell dafür eingerichteten Seite. Eine Sprecherin des Verbandes kann zu Unternehmensentscheidungen nichts sagen. Man fordere als Verband weniger Regressforderungen durch Krankenkassen und für Hebammen ein an das Berufsrisko angepasstes Einkommen.

 

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Hamburger Senat fordert schnelle Lösung – Papier aus Berlin wird noch abgestimmt

Die Hamburger Senatorin gehe davon aus, dass der neue Bundesgesundheitsminister Gröhe hier eine schnelle Lösung auf Bundesebene vorstellen werde. Das war vor zwei Wochen. Bereits in der letzten Legislatur habe es ein interministerielle Arbeitsgruppe „Versorgung mit Hebammenhilfe“ gegeben. Prüfer-Storcks: “Erforderlich ist aber nicht nur eine höhere Vergütung zum Ausgleich der Haftpflichtversicherungsprämien und eine dauerhafte Lösung des Haftpflichtproblems, genauso wichtig ist eine Vereinbarung über qualitätssichernde Maßnahmen, um Frauen, die es wünschen, eine möglichst ungefährdete Hausgeburt zu ermöglichen.“

Aber weshalb dauert das alles so lange? Geht es um ein Strukturproblem? Zum Themenkomplex streiten auf Bundesebene viele verschiedene Teilnehmer. Einerseits will die private Versicherungswirtschaft nicht mehr einspringen, andererseits spielen Krankenkassen den Ball zu den Berufsgenossenschaften und forderten eine Zuständigkeit hier ein. Die Berufshaftpflicht wäre “ein völlig neues Betätigungsfeld für die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. Dies werfe auch wettbewerbs- und europarechtliche Fragen auf wie zum Beispiel die Abgrenzung zur privaten Versicherungswirtschaft”, entgegnete der Spitzenverband der Berufsgenossenschaft (DGUV) in einer Mitteilung zu entsprechenden Forderungen aus dem Umfeld der Betriebskrankenkassen. Bislang versichern gesetzliche Unfallkassen die Hebammen selbst bei Arbeitsunfällen, haften jedoch nicht für Schäden gegenüber Dritten.

“Es gibt eine Dringlichkeit für den Minister”, berichtete ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums auf Anfrage von ALTONA.INFO. Ein aktuelles Arbeitspapier einer interministeriellen Runde zum Thema sei noch in der Abstimmung mit Spitzenverbänden und weiteren Ministerien. Vor Ende März / Anfang April könnten Details daraus noch nicht veröffentlicht werden. Politisch werde die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung weiter angestrebt. Betroffen sei jedoch nur der Teil der freiberuflich tätigen Hebammen, etwa 3.500 Personen in Deutschland. In Kliniken gibt man sich angesichts der Situation für die Hebammen betroffen, ist jedoch selbst von Aufkündigungen aus dem Versicherungswesen an der Stelle nicht betroffen. Über Gruppenversicherungen seien Ärzte wie Hebammen der Klinik versichert, berichtet ein Asklepios-Sprecher. Probleme könnte es hier in Folge des Wegfalls des individuellen Versicherungsangebotes bei den Beleghebammen geben.

Zum Internationalen Frauentag am Samstag, den 8. März 2014 um 12 Uhr, demonstrieren betroffene Hebammen auf dem Rathausmarkt “für den Erhalt eines Berufsstandes und die zukünftige Versorgung werdender Eltern”. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr skandieren Mütter, Väter, Kinder: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Hebammen klaut”, lautet der Aufruf. Die seit Jahren bekannte Situation mit stetig steigenden Haftpflichtprämien habe “bereits viele freiberufliche Hebammen gezwungen, ihre Tätigkeit aus wirtschaftlichen Gründen aufzugeben”, weiß eine Organisatorin zu berichten.

KOMMENTAR

Weshalb dauert es so lange für 3.500 Betroffene eine Lösung zu finden? Das Thema ist doch schon lange bekannt…

Es geht um Marktstrukturen. Wie auch immer eine Lösung in der Angelegenheit für Hebammen gefunden wird, eine interessante Fragestellung in dem Komplex ist auch, weshalb es einerseits Angebote der privaten Versicherungswirtschaft für Unternehmen in Gruppenlösungen gibt,  etwa Kliniken, andererseits aber nicht für andere Unternehmer, hier freiberufliche Hebammen. Die Versicherungsmathematik grenzt hier Indivualfälle aus wirtschaftlichen Gründen offenbar aus.

Eine Grundaufgabe jedes Versicherungsmathematikers ist, Kostenstellen zu identifizieren und zu beseitigen und damit Risiken im eigenen Hause so gering wie möglich zu halten. Darauf schaut der Finanzvorstand. Auf den Finanzvorstand schauen bei einer Kapitalgesellschaft die Gesellschafter und Aktionäre. Eine Frage, die sicher auch auf das Rechtsmodell einer Versicherungsgesellschaft oder des Versicherungswesens selbst zurückzuführen ist. Wo bleibt bei einer Versicherung das unternehmerische Risiko? Wer trägt es – der Aktionär oder der Versicherungsnehmer? Wenn sich Versicherungen nur noch lukrative Geschäfte aussuchen, sollten dann Risikobereiche aus öffentlichen Mitteln finanziert werden? Sicher nicht.

Im Bereich der Versicherung der Mitglieder nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit haften alle in  VVaGs Versicherte beispielsweise anders, als bei Aktiengesellschaften, die sich operative Geschäftsbereiche je nach Wirtschaftlichkeit heraussuchen. Die genaue Positionierung der Versicherungswirtschaft vor dem Hintergrund einer strukturellen Frage zum Versicherungswesen und zum Versicherungsprinzip selbst ist deshalb genauso interessant, wie das regulatorische Verhalten des Staates und der Politik. Gibt es Interessenskonflikte? Über 10 Mrd Euro verdient der Staat selbst bei Versicherungsgesellschaften mit. Etwa 5% des Bundeshaushaltes treiben die Gesellschaften so an indirekten Steuern ein.

Natürlich ist den engagierten Hebammen nur zu wünschen, dass sie von den Mühlen dieser marktpolitischen Auseinandersetzung verschont bleiben. Werden Sie aber nicht. Einige kündigen in diesen Tagen und andere lassen die Finger von dem Job.

LPK-VorstellungNextMediaHamburg
Hamburg und die Medien: Bürgermeister Olaf Scholz stellte bei der LPK die neue Digitalstrategie der FHH vor.

Hamburg. Seit Mitte 2012 gibt es bereits die Initiative “Next Media”, die anlässlich einer Landespressekonferenz am Dienstag “neu” vorgestellt wurde. Bürgermeister Olaf Scholz, selbst ‘Mediensenator’, verkündete diese neue Strategie für die Digitale Medienwirtschaft. Wohin führt die Reise? Zu mehr Aufklärung, mehr Werbung, mehr Arbeitsplätzen, mehr Verbraucherschutz, mehr Einfluss der gewerblichen Interessen? Neben Standortpolitik muss auch wieder ein Gleichgewicht der Kräfte hergestellt werden. Wo bleibt die gesellschaftspolitische Mission, abseits der Standortfrage? Gerade die Digitale Wirtschaft bietet gute Chancen, die der Hamburger Senat bislang verstreichen lässt. Beitrag mit Kommentar von Christoph Zeuch.

Mit “identischer Ausstattung“ – rund 1 Mio. Euro der FHH – soll in Diskussion und Plattformen investiert werden. Hamburg will noch attraktiver für die Medienwirtschaft, für Neugründungen und Innovationen werden. Digitalmedien sollen gefördert, Rahmenbedingungen verbessert werden. Unter www.nextmedia-hamburg.de präsentiert sich die Initiative. “Die Transformation des klassischen Inhaltegeschäfts ist in vollem Gange. Insbesondere technologische Entwicklungssprünge treiben die Entwicklung neuer Angebote, Formate und Geschäftsmodelle voran”, so die Begründung. Noch bevor das “Neuland” in Berlin ankommt, kurbelt Hamburg den Wettbewerb an. Gerade hier könne ein solcher Wandel ins Digitale auch gut bewältigt werden, weil die Stadt über eine große Breite und Vielfalt an Medien verfüge, betonte der Erste Bürgermeister. Mit Blick auf Berlin: “Standortwettbewerb gibt es nicht, aber wir sorgen dafür, dass es Hamburg gut geht”, so Olaf Scholz. Aus dem bei der Wirtschaftsbehörde angesiedelten Verein Hamburg@work heraus sollen nun acht hauptamtliche Mitarbeiter dabei helfen. Die neue Anlaufstelle für Unternehmen nennt sich “StartUp-Hub”.

Nach Angaben geht es bei dem Projekt “Next Media Hamburg” um keinen geringeren Anspruch, als “auch in Zukunft Meinungsführer der Content-Industrie zu sein”, so Scholz. “Content is King”, sagte vor Jahren auch ein Verleger. Ob er damit vielleicht irrte, da Content als Begriff keinerlei qualitative Aussage beinhaltet, bleibt abzuwarten. Handel kann man mit diesem Begriff irgendwie betreiben. So ähnlich ist es auch bei der vorgestellten Initiative. Der Begriff “Medien” wird selbst immer undeutlicher. Marketingthemen dominieren fast selbstverständlich das Feld. Dabei war vor etwa fünfzehn Jahren mit “Medien” noch sehr klar ein journalistisches Produkt gemeint. Ein Wertewandel? Die Zeiten ändern sich, es gibt einfach mehr davon und seitdem sich herumgesprochen hat, dass alles dazugehört, kreiert die Werbung einfach ihre Medien selbst. ‘Was sind denn heute keine Medien mehr?’, könnte man umgekehrt fragen. Im Zweifel ist jedes Prospektblättchen eines Autohauses gemeint.

Sinnbildlich, wie stark Werbung Einfluss auf die Dinge nimmt, sind nicht nur Erfahrungen mit Facebook-, Google- und Apple-Deals. Das große Geld sucht wieder große Visionen. Auch die Pressekonferenz zur Standortinitiative gab zu denken. Das Thema wurde nach monatelanger Vorarbeit ein paar anwesenden Journalisten präsentiert. Zwei Wochen vorher schickte eine PR-Agentur eine Info. Verteilt wurden Stick, eine geleimte, gedruckte Broschüre, eine Pressemappe mit vorgefertigten Zitaten, bevor der Bürgermeister sprach. Noch auf dem Weg in die Redaktion verschickte der Senat die Infos über den Massenverteiler. Daraus würfelten viel mehr “Medien” als die, die dort waren, bereits ganz schnell neuen “Content” zusammen. Das Thema ist alt, bevor es besonders qualitativ auf Sendung kann.

Eine erste Recherche zu “Next Media” ergab vor Wochen, dass es sich um nichts wirklich Neues handelt. Die Verpackung ist etwas aufgefrischt, wie man das in der Werbung halt so macht. Was ist neu oder gibt eine Motivation dieses Vorhaben nun zu verkünden? Jetzt, nachdem man kürzlich wiederholt festhielt, dass Kreative in die Hauptstadt flüchteten, muss offenbar etwas in Hamburg passieren.

Die paar Antworten auf Fragen versprachen nicht viel mehr Aufklärung zum Thema. Wurden für die Public-Private-Partnership-Initiative, die den Aufbruch betreut, denn zwischenzeitlich auch neue Partner gefunden, will ein Kollege wissen. Ein neuer Player in Hamburg ist dabei, die “Funke Mediengruppe” – das Haus, das von Springer das Hamburger Abendblatt und weitere journalistische “Medien” übernahm. Die Unternehmen, die für den Letter of Intent gefragt wurden, seien erst einmal nur ideelle Partner, präzisierte der Vorstand von Hamburg@Work. Mehr Geld gibt es also von den Unternehmen nicht für das ‘Networken’. Der vom Senat getragene Wirtschaftsverein, der seit 16 Jahren gezielt bestimmte Anbieter zu kollaborativem Austausch anfragt, sieht sich mit einer weiteren Frage konfrontiert: Ob denn die Wirtschaftsunternehmen untereinander freizügig ihre innovativen Geschäftsmodelle austauschen würden, will die Kollegin wissen. Der Bürgermeister muss dazu kurz schmunzeln – sein Medienmann erklärt, schließlich könnten die Klassischen Medien von den Payment-Lösungen der Games-Industrie lernen.

Das Thema ist gesellschaftspolitisch viel zu wichtig, um über Strukturveränderungen einfach so hinwegzusehen. Der Zustand in der Medienlandschaft ist wichtig für die Demokratie und betrifft Politik, Bürger und Wirtschaft gleichermaßen. Seit Jahren wird über Soziale Medien und angeblich mehr Verbrauchereinfluss gesprochen. Aber in der Werbewelt gilt nur das “Gefällt mir”-Prinzip. Dank Suchmaschinen- und clickrateoptimierter “Contents” erhalten besonders Marketingthemen Durchgang zum Verbraucher. Es wird SEO-optimiert getextet. Ein Fahndungsaufruf der Polizei erhält mehr Klicks als die Verlegung eines Hauptbahnhofes. Sollen Journalisten jetzt mehr Fahndungsaufrufe publizieren?

Eine Frage, die sich auch stellt: Was hat Werbung im redaktionellen Teil einer Zeitung zu suchen? Google, Facebook & Co.  freuen sich. Werbung emotionalisiert. Unternehmen, die Geld über einen EU-Staat mit wenig Steuerlast in die USA schaffen, haben schließlich erfunden, wie man im Kontext von Werbung mit einfach noch mehr Werbung Geld verdienen kann.

 

Offenbar kaum Dialog: Olaf Scholz und Mathias Döpfner beim "Mediendialog Hamburg" im Mai 2013.
Offenbar kaum Dialog: Olaf Scholz und Mathias Döpfner beim “Mediendialog Hamburg” im Mai 2013.

“Media Governance” – Hamburger Senat führt neue Medienpolitik ein

Ein kleiner Blick zurück in die jüngste Geschichte der Medienpolitik des Hamburger Senats. Es ist Mai 2013: Seit Jahren trifft man sich zum “Mediendialog” in Hamburg, einer Kaufmanns-Veranstaltung der Entscheider mit viel Medienmacht. Journalisten sind im öffentlichen Teil geladen, wenn sie nachfragen. Die Stadt Hamburg will beim Thema mehr denn je mitmischen, das zeigte auch eine erste Amtshandlung des Bürgermeisters vor Jahren. Scholz löste zu Beginn der Legislatur das Ressort Medien aus der Kulturbehörde und nannte sich selbst “Mediensenator”. Seitdem wurde der Erste Bürgermeister immer wieder auf Verlegertreffen gesehen. Die Stadt Hamburg übernahm die Aufgabe, mit dem “Mediendialog” etwa die Plattenverleger mit den Suchmaschinen-Leuten oder gedruckten Medien zusammenzubringen. Recht geräuschfrei für die Öffentlichkeit gingen im Sommer kurz vor der Bundestagswahl Gesetzesänderungen zur Pressefusionskontrolle oder zum Verwertungsschutz eingekaufter urheberrechtlicher Leistungen für Verlage über die Bühne. Kurzfristig brachte Hamburg dies damals im Bundesrat durch, dabei hatten Beobachter eigentlich bereits fest mit einem Scheitern gerechnet. Das LSR (Leistungsschutzrecht) gilt fortan und große Verlage können kleinere Häuser mit weniger kartellrechtlichen Hürden übernehmen.

Der neue Regierungswille in Sachen Medien in Hamburg wurde im Frühjahr des letzten Jahres klar. “Media Governance”, wissenschaftlich nicht ganz eindeutig – häufig als Brückenbegriff für mehrere Handlungsfelder verwendet – ist mit dem Handeln seitdem verbunden. Beim “Mediendialog Hamburg” – heute dann Plattform von ‘Next Media Hamburg’ – wurde er manifest. Dort verstand man sich bestens, fand der Dialog doch kurz nach der Gesetzesänderung für Verleger im März statt. Gespannt blickten die Teilnehmer auch auf Vorträge amerikanischer Gäste über leuchtende Katzen im Dunkeln oder Big Data-Themen. Etwas später entschied die FHH über eine für sie zentrale, langfristige Vertragsverlängerung für die Vermarktung stadteigener Verwaltungsinhalte im Digitalgeschäft. Noch später suchte die FHH eine offenbar unerwartete Entscheidung heim.

Was bedeutet ‘Media Governance’? Geht die Stadt etwa noch mehr auf Sendung und will das, was beim Bürger ankommt, direkter beeinflussen? Nach vielen gängigen Regularien wäre vieles davon eigentlich verboten, etwa im Fernseh- und Rundfunkbereich. Im Internet, diesem erst seit über zwanzig Jahren bestehenden digitalen Umfeld, herrscht offenbar viel Regulierungsbedarf, auch im Bereich der Werbung. Unmissverständlich stellte beispielsweise der Bundesgerichtshof kürzlich abschließend fest (BGH I ZR 2/11 vom 6. Februar), dass es eine  Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten klarer werden muss. Das Urteil liegt noch nicht vor. Es kann jedoch – gerade im Digitalen – zu erheblichen Umwälzungen in der Medienlandschaft führen.

Wie in vielen Bereichen, wo der Gesetzgeber kaum Regeln aufstellt, muss aber auch weiter interpretiert werden. Mit der vorgetragenen Initiative will die Stadt Hamburg noch mehr Einfluss auf “Medien” und ihre Entwicklung nehmen. Jedenfalls versucht man eine Rolle als Mittler im Digitalgeschäft einzunehmen, das seit Jahren konventionelle Verbreitungswege als wichtigster Kanal abgelöst hat. Es stellt sich dadurch mehr denn je die Frage, ob der Staat hier selbst zu einem Wettbewerber für einzelne Akteure werden darf. Wer wird wie erwähnt, wer nicht? Woher kommt Geld für welche hoheitlichen Aufgaben?

Hamburg will den Markt sortieren, soviel steht fest und wurde angekündigt. In der begleitenden Broschüre schreibt Dr. Carsten Brosda, Bevollmächtigter des Senats der FHH für Medien: “Seit Jahrzehnten steht Hamburg für qualitativ hochwertige Inhalte. Hier sind stilprägende politische Magazine ebenso groß geworden wie Boulevard-Zeitungen, Illustrierte und die wichtigsten deutschen Fernsehnachrichten. Aber nicht nur im Journalismus, sondern auch in Musik und Film, in der Werbe- und PR-Wirtschaft sowie den Bereichen Online, Software und Games liefern Hamburgs Kreative und ihre Unternehmen immer wieder Höchstleistungen ab.” Und weiter: “Auslöser des allfälltigen Wandels ist die Digitalisierung, die uns dazu anregt, die Erstellung und Verbreitung von Inhalten neu zu denken.” Brosda kündigte auf der Pressekonferenz ein “Chancenpapier” einer Arbeitsgruppe für das erste Halbjahr an: “Wir müssen klar machen, wer gehört dazu und wie sieht es aus, wenn wir eine Vermessung dieses Bereiches vornehmen.”

In Digitalen Zeiten wird Trennung von Werbung und Journalismus notwendiger

Eine wichtige Vermessung wäre bereits im Verbrauchersinne: Was sind werbetreibende, interessensgesteuerte Inhalte? Was sind journalistische Inhalte, die Wert auf eine Trennung legen? Man darf mit Spannung erwarten, ob dies überhaupt noch Thema bei der “Vermessung” durch die Stadt Hamburg wird. Der Einfluss von Werbung, auch der Druck auf die journalistischen Medien, verschärft sich latent seit über zehn Jahren. In den Jahren 2000, unter dem Druck des Neuen Marktes, kamen Werbetreibende auf die Idee, Werbegeld durch mehr PR zu einzusparen. Klassische Mediaetats wurden PR-Budgets, es wurde ‘Below-the-Line’, in Kopplungsgeschäften und “Ambient Media” investiert. Es kam viel mehr Sponsoring – Social Media Mechanismen haben diese PR-Trends noch weiter beschleunigt. In den Verlagshäusern werden seit Jahren ganze Werbekonzeptionen für Key-Accounts angefertigt. Man fragt sich mit Blick in manche Objekte, ob die Vielzahl der Anzeigen sie nicht selbst zum Werbekatalog der Industrie macht. “Kundenmagazine” von Unternehmen tun heute so, als seien sie unabhängig. Zuletzt wurde klar, dass sogar ein großer Auto-Verein nicht vor manipulativen Eingriffen zurückschreckt und dies dann über die auflagenstärkste Zeitschrift am Markt auch noch verkündet.

Gegenwärtig ist er enorm, der Druck. Einzelne Anbieter aus dem klassischen Journalismus kollabieren, können Preise für ihre Werke vor dem Verbraucher nicht mehr durchsetzen. Werbepreise fallen, Schleichwerbung nimmt massiv zu. Immer weniger Journalisten arbeiten in aufklärerischen Berufen. Immer mehr “Kollegen” sind auf der Seite von Institutionen und Unternehmen tätig. Das erhöht den Druck erneut. Mitunter rufen in Redaktionen einfach nur noch PR-Agenturen an und fragen, ob ihre Mail auch angekommen sei. Wie kann hier wieder mehr Wettbewerb entstehen?

Der Anspruch an die Vermittlung von politischen Zusammenhängen ist mit der Globalisierung massiv gestiegen. Der Verbraucher konsumiert seine Häppchen Information mit viel mehr Ablenkung. Datenschutz spielt kaum eine Rolle in dieser Welt. Datenschutz ist Ländersache und der Hamburger Datenschutz ist mit einer handvoll Personen für Google und Facebook zuständig, die ihren Sitz in Hamburg haben. Der Staat und die Politik schaut ohnmächtig zu, wie Unternehmen mit Datenhandel Raubbau im Verbrauchersinne betreiben. Die Politik lässt das Ausforschen der intimsten Themen ihrer Bürger zu, von der unternehmerischen Versteuerung von Erlösen aus der Wertschöpfung in Heimatmärkten ganz zu schweigen. Anderswo als eingenommen, führt dies zu Arbeitsplätzen.

Ja, das wäre eine große Herausforderung für Hamburg, sich den Gegebenheiten dieser Digitalen Welt gebührend zu stellen. Neue Technologie, Medien und Startups zu fördern, das kann gelingen. Politisch müssen mit Förderung in diesen Segmenten auch klare Vorgaben verbunden werden, etwa die einer Steuerlast am Standort. Eine Kollegin fragte auf der Konferenz nach den politischen Motiven des Senats bei der neuen Digitalstrategie. Die Antwort bezog sich lediglich auf den Standort selbst. Dabei ist klar, dass es schon längst nicht mehr um Berlin oder Hamburg geht, sondern etwa um Deutschland vs. USA. Wieso nicht eine konsequent aufklärerische Digitalmedienstrategie! Die Werbetreibenden werden neben hervorragenden Inhalten gerne angemessen teure Anzeigen schalten. Aufklärung könnte so, wie auch im Bereich der Erneuerbaren Energie, ein starkes Exportgut aus Deutschland oder der EU werden.

Der Hamburger Senat hat bislang nicht viel in den Digitalen Journalismus investiert. Im Gegenteil : Seit einem Jahrzehnt übt sich die Stadt Hamburg im Geldsparen, nimmt indirekt Werbegelder im Internet ein, fällt selbst als Werbetreibender für den Markt fast vollständig aus und entzieht ihm zudem erhebliche Summen für ein gutes Wachstum. In der Werbung hat es eine erhebliche Migration in den Bereich der Außenwerbung gegeben, wo der Staat ebenfalls Einnahmen durch Konzessionen und Mieten erzielt. Ob weiteres Zuschauen lohnt? Das Funktionieren der Presse ist eine verantwortliche Regulierungsaufgabe eines Staates. Bei einer einseitigen Stärkung im Sinne der so genannten “Content-Industrie” darf es nicht bleiben. Eine ausgleichende Investition ist notwendig, um mehr Wettbewerb in diesem Sinne zu ermöglichen. Das öffentlich-rechtliche Gebührensystem reicht nicht als Anker für die Branche. Wird der Journalismus in seiner ureigenen Aufgabe in der Privatwirtschaft gestärkt, müssen Hersteller wesentlich höhere Investitionen leisten um Verbraucher zu erreichen. Das kurbelt die Wirtschaft an, sorgt für bessere Produkte und führt zu solidem Wettbewerb.

Werbetreibende müssen Journalismus stärker wertschätzen und ihn nicht nur zum Vehikel deklarieren. Bleibt es beim Wüten der Werbung im Digitalen, wird vielleicht alles nur “sehr, sehr geil”, wie es Edeka gerade in einem hier nicht verlinkten “Viral” vorführt. Leider führt der Supermarkt die Presse vor, denn Medien räumen “sehr, sehr geil” sehr, sehr viel Platz ein. Fritten und Dorsch verdrängen Themen und sicher bezahlt man so keinen Journalismus. Dadurch funktioniert in der Demokratie nichts besser, außer vielleicht ein Abverkauf von Waren.

Von 936.000 bestünden insgesamt 395.000 Arbeitsplätze in der Digitalen Wirtschaft, so der ZAW in einer aktuellen Aufstellung. Quelle ZAW-Daten, BVDW,  Stat. Bundesamt.
Von 936.000 bestünden insgesamt 395.000 Arbeitsplätze in der Digitalen Wirtschaft, so der ZAW in einer aktuellen Aufstellung. Quelle ZAW-Daten, BVDW, Stat. Bundesamt.

73.000 Journalisten – 937.000 Beschäftigte in der Werbebranche

Zur Zeit arbeiten in Deutschland 73.000 hauptberufliche Journalisten in allen Segmenten, so der Deutsche Journalistenverband. Die Zahl der Freien habe sich erhöht und “gefühlt” sei es so, dass weniger Geld für den Journalismus entsprechende Tätigkeit finanziert. Dies lässt sich statistisch nicht deutlich festmachen. Mit Blick auf sich verändernde Strukturen unter Publizisten spricht DJV-Sprecher Zörner von einem “Dammbruch vor zehn Jahren”. Der Arbeitgeberverband habe sich von Tarifen entfernt und Mitgliedsverlage müssten sich seitdem nicht mehr zwanghaft an das Gefüge halten. Dies sei einzigartig im Tarifbereich in Deutschland, so Zörner. Im digitalen Wandel sieht er nicht nur negative Entwicklungen. Allerdings seien viele Verlage längst zu Medienhäusern geworden. Das eigentliche Standbein müssten hier weiter journalistische Produkte sein. Es gäbe auch großen Regulierungsbedarf. Bei einigen Anbietern läge im Digitalen eine “Fokussierung auf journalistische Produkte nicht mehr auf der Hand”. Für digitale Medien brauche es deutlichere Regelungen, die noch nicht da sind, so der DJV-Sprecher. Konflikte seien auszumachen, etwa in der Darstellung und Kennzeichnung von Werbung. Das BGH-Urteil begrüßte der Journalistenverband. Einen starken Abbau von Arbeitsplätzen verzeichnete zuletzt die Zeitungsbranche, in der allein im Jahr 2013 etwa 1.000 Personen ihren Job verloren haben, so der DJV.

Auch in in der Werbebranche gab es zuletzt 2013 einen “deutlichen Rückgang”, so der Zentralverband der Werbeagenturen (ZAW) bei einem Zuwachs in der Digitalbranche.  Für dieses Jahr werden mehr Beschäftigungsangebote prognostiziert. Insgesamt waren laut ZAW über alle Segmente 936.617 Beschäftigte in der Branche tätig (2013), davon ein gehöriger Teil im Digitalen. Auch in der Herbstuntersuchung des Gesamtverbands der Kommunikationsagenturen (GWA) sprachen sich Agenturen deutlich zur Bedeutung aus.„Wie haben sich die Arbeitsschwerpunkte in ihrer Agentur verändert?“ wurde gefragt. Neue Medien, Multimedia und E-Commerce habe an Bedeutung mit weitem Abstand vor allen anderen Bereichen zugenommen, so die befragten Agenturen gegenüber ihrem Verband. Zahlen zu Gesamtumsätzen bei Medien liegen für 2013 noch nicht vor. 18,47 Milliarden Euro hätten die Medien im Jahr 2012 an Einnahmen verbucht, so der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft (ZAW).  Die Werbeeinnahmen für Medien sind offenbar genauso rückläufig wie die Zahl der zahlenden Verbraucher für journalistische Inhalte. 2008 entfielen an Einnahmen auf Medien durch Werbung noch 20,37 Mrd. Euro (-9%).

 

Dass der Senat jetzt eine Initiative aufgesetzt hat, kommt spät, aber immerhin. Die gesellschafts- wie medienpolitisch wichtige Grundfrage bleibt: Kann eine klarere und stärkere Trennung von Werbung und Journalismus mehr Arbeitsplätze in allen Bereichen schaffen? Fest steht, es erhöht die Dynamik in der Wirtschaft und die Transparenz für den Bürger.

Noch eine Anmerkung, für den Fall, dass sich jemand wundert. Solche Texte erhalten Leser selten zu lesen. Das hat viel mit der inneren Pressefreiheit zu tun.

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